Kopf des Tages

Schon zwischen den Fronten

PARIS ⋅ Die Unesco hat Audrey Azoulay zu ihrer neuen Generaldirektorin gewählt. Die 45-jährige Französin wird sich mit den massiven internen Spannungen konfrontiert sehen.
11. November 2017, 00:00

Weisser Rauch am Pariser Sitz der Unesco: Die wichtigste und in schwere Turbulenzen geratene UNO-Sonderorganisation hat gestern an ihrer Generalversammlung Audrey Azoulay definitiv zu ihrer neuen Generalsekretärin gewählt. Die frühere Kulturministerin Frankreichs wird am kommenden Mittwoch die Nachfolge der Bulgarin Irina Bokova antreten.

Der Entscheid zu Gunsten Azoulays war nach einem gleichlautenden Beschluss des Exekutivrates im Oktober erwartet worden. Azoulay hatte sich dabei gegen den Kandidaten Katars mit 30 zu 28 Stimmen knapp durchgesetzt. Dass Azoulay zum Schluss gewählt wurde, verdankt sie der Zerstrittenheit der Araber in der aktuellen Katar-Krise. Die diskrete Französin obsiegte in einem früheren Wahlgang gegen eine ägyptische Wider­sacherin, die von den Katarern abgelehnt wurde; in der Schlusswahl wurde der Katarer dagegen von den Ägyptern und den Saudis boykottiert, sodass Azoulay überraschend gewählt wurde.

Sie steht damit von Beginn weg zwischen den arabischen, aber auch anderen Fronten. Kurz vor ihrer Wahl hatten die USA und Israel ihren Austritt aus der Unesco angekündigt. Sie protestierten damit gegen die Aufnahme der nahöstlichen Stadt Hebron in das Weltkulturerbe – und mit Verzögerung gegen die 2011 erfolgte Aufnahme Palästinas als Vollmitglied der Unesco. Azoulay ist jüdischer Herkunft und dürfte bei arabischen Mitgliedern schon deshalb auf Widerstände stossen. Zugleich muss sie den Sparhebel ansetzen, da die USA für rund einen Fünftel des Unesco-Etats aufgekommen waren.

Die aparte Französin bringt kaum diplomatische Erfahrung mit. Aber sie lernt schnell: Als Kulturministerin von Ex-Präsident François Hollande nur gut ein Jahr im Amt, bewegte sie sich auf dem schlüpfrigen Pariser Parkett souverän. Sie steht politisch links und ist die Tochter eines Chefberaters des marokkanischen Königs. In Paris absolvierte sie Eliteschulen wie Sciences Po und die ENA, wo sie auch, wie sie später erzählte, erstmals auf den «französischen Antisemitismus alter Schule» stiess. Nach einem Einstand als Bankmanagerin, der ihr nicht zusagte, widmete sie sich ihrer Leidenschaft, dem französischen Film. Sie wurde Vizevorsteherin des Filmförderrates CNC und lernte dabei auch Hollandes Geliebte Julie Gayet kennen. 2016 machte sie der Staatspräsident zu seiner Kulturministerin. Auch danach trat die verheiratete Mutter von zwei Kindern öffentlich wenig in Erscheinung; ihre Vorlagen brachte sie aber erfolgreich durch.

Jetzt warten ungleich schwierigere Aufgaben. Azoulay muss versuchen, die USA unter deren Präsidenten Donald Trump in die Kulturorganisation zurückzuholen. Gelingen wird ihr das nur, wenn sie die Interessen Israels schützt; damit würde sie aber viele Schwellen- und Entwicklungsländer – wohl die Mehrheit im Exekutivrat der Unesco – gegen sich aufbringen. Ihr Vorsitz wird so zu einer Gratwanderung entlang der geopolitischen Machtverhältnisse, die in dieser UNO-Organisation seit Jahrzehnten hart aufein­anderprallen. Erfolgschancen hat die neue, politisch denkende Generaldirektorin paradoxerweise nur, wenn sie die Unesco entpolitisieren kann. Das heisst letztlich: Konzentration auf die Grundaufgaben wie die Bildung und Kultur für die Ärmsten dieser Welt.

Stefan Brändle, Paris


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