Chefsache

Ventile

04. November 2017, 00:00

Der Tag ist prächtig: Sonne, milde Temperaturen, gute Fernsicht. An Allerheiligen zog es nicht nur Tausende auf die Friedhöfe in unserer Region zur Pflege der würdevollen und warmherzigen christlichen Tradition der Totenehrung. Bestimmt nicht weniger Leute entschieden sich am Feiertag für den Gang in die Höhe. Auch für mich eine gute Gelegenheit, den Kopf durchzulüften.

Nach dem beschaulichen Anmarsch durch die liebliche Entlebucher Hügellandschaft folgt das Kontrastprogramm: Es wuselt regelrecht auf dem Napf. Aus allen Himmelsrichtungen strömt Alt und Jung um die Mittagszeit auf den Gipfel, die meisten zu Fuss, einige mit dem Mountainbike. Was für ein herrliches Durcheinander in grandioser Naturkulisse! Hier wird das schweissnasse T-Shirt gewechselt, dort der Proviant ausgepackt und verspeist, während nebenan Helene Fischer atemlos aus einem Handy dudelt. Die Gespräche an den Gasthaustischen sind ebenso vielseitig wie die Meringue-Portionen gross. Es geht um die Arbeit («Sechstagewoche, das ist einfach zu viel!»), die demnächst öffnende Shopping-Mall in Ebikon («Bin ja gespannt, wie das mit dem Verkehr funktioniert.»), Ökologie beim Einkauf («Khaki? Wenn du Äpfel aus der Region haben kannst ...»). Komplexe Themen hin oder her, es herrscht gute Laune. Die Berggänger tanken Energie.

Ob Wanderung oder Spaziergang, Jogging­runde, Velotour, Fussballmätschli, Volley-Plauschtraining, ob Kafirunde, Jassclub, Jodlerverein,Stammtisch, Fasnachtsgruppe, eine Reise mit der Familie, Freunden – oder einfach mal ein paar Stunden unproduktives Nichtstun. Neben unseren Alltagspflichten brauchen wir unbedingt auch Ausgleich, Zerstreuung, ja Ventile, um hin und wieder Druck abzulassen. Zeit und Engagement braucht’s auch hier, aber dieser Aufwand lohnt sich. Und in der Zentralschweiz sind wir diesbezüglich privilegiert. Nicht nur weil wir als gesellig und festfreudig gelten, sondern auch weil uns die katholisch geprägte Geschichte deutlich mehr freie Tage beschert als anderswo. Pflegen und schätzen wir sie also, die Feiertage.

Jérôme Martinu, Chefredaktor

jerome.martinu@luzernerzeitung.ch


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