«Vereinsmüde Kinder? Das ist falsch!»

BREITENSPORT ⋅ Trotz schlechter Prognosen ist der Vereinssport in der Schweiz weiterhin tief verankert. Markus Lamprecht vom Schweizer Sportobservatorium erläutert die Gründe, und er erklärt, weshalb trotzdem viele Klubs um ihre Existenz fürchten.
18. November 2017, 00:00

Interview: Stephan Santschi

Markus Lamprecht, Ende des letzten Jahrtausends galt der Vereinssport als Auslaufmodell. Dann müsste er nun zum Stillstand gekommen sein.

Nein, dem ist definitiv nicht so. Diese Prognose war überzeichnet. Die grosse Bedeutung des Vereinssports ist unterschätzt worden, das führte zu teilweise recht pessimistischen Sichtweisen.

Weshalb war man so pessimistisch?

Bis in die Neunzigerjahre waren die Vereine die mit Abstand wichtigsten Träger des Sports. Dann kamen Trendsportarten auf, Snowboard beispielsweise, die ein neues Lebensgefühl propagierten und Verbände und Vereine teilweise bewusst ablehnten. Hinzu kamen die Joggingbewegung und Wettkämpfe, die keine Vereinsmitgliedschaft mehr voraussetzten, wie die vielen Lauf- und Ausdauerveranstaltungen. Fitnesscenter wurden ebenfalls populär. Es schien, als ob der Mensch aufgrund der Individualisierung und des Wunschs nach Flexibilität nicht mehr bereit war, wöchentlich stets zur gleichen Zeit im Verein zu trainieren.

Die negativen Prognosen haben sich nicht bewahrheitet. Warum?

Weil der Sport in den letzten zwanzig Jahren richtig geboomt hat. Es treiben immer mehr Leute immer häufiger Sport. Der Sportboom findet zwar zu grossen Teilen ausserhalb der Vereine statt, diese profitieren also nur bedingt davon. Immerhin halten sich ihre Verluste aber in Grenzen. Nicht wenige Sportler verfügen über ein Fitnessabonnement und eine Vereinsmitgliedschaft, das gab es früher nicht. Zudem haben die Vereine ihre Angebote individualisiert und mit Traditionen gebrochen.

Zum Beispiel?

Inputs aus dem Fitnessbereich werden aufgenommen, Trainings professionalisiert, Trainer gut ausgebildet. Daneben geht das Gesellige nicht vergessen, viele Vereine organisieren Anlässe neben dem Sport. Sie sind nicht zu reinen Dienstleistern geworden, wie einst befürchtet.

In der Schweiz gibt es aktuell rund 19000 Sportvereine mit rund zwei Millionen Aktivmitgliedern.

Das sind nach wie vor eindrückliche und im internationalen Vergleich sehr gute Zahlen. Ein Viertel unserer Bevölkerung macht aktiv in einem Verein Sport.

Ebenfalls eindrücklich: Das Arbeitsvolumen der Ehrenamtlichen entspricht rund 23 000 Vollzeitstellen und einem Wert von 2 Milliarden Franken. Wie hoch müssten die Mitgliederbeiträge sein, um dies finanzieren zu können?

Das haben wir ziemlich genau ausgerechnet. Aktuell belaufen sich die Mitgliederbeiträge jährlich im Mittel auf 70 Franken für Kinder, 80 Franken für Jugendliche und 150 Franken für lizenzierte Aktive. Hätte man die ehrenamtliche Arbeit zu bezahlen, müssten die Jahresgebühren auf über 1000 Franken erhöht werden – wie im Fitnesscenter.

Mit 2,7 Vereinen auf 1000 Einwohner und rund 30 Prozent Aktivmitgliedern belegt die Zentralschweiz eine Spitzenposition. Weshalb?

Auf dem Land ist die Vereinsdichte grösser als in der Stadt und der Agglomeration. Deshalb sind die Werte in der Zentral- und auch in der Ostschweiz höher als in städtischen Gebieten wie Zürich oder der Genferseeregion.

Interessant ist die Tatsache, dass Kinder immer jünger in die Vereine eintreten. Unter Zehnjährige machen mittlerweile fast 10 Prozent der Vereinsmitglieder aus.

Die Behauptung von früher, dass Kinder vereinsmüde seien, ist definitiv falsch! Schon für Fünfjährige gibt es heute Angebote, die gut besucht sind. Die Vereine übernehmen damit immer mehr Betreuungsfunktionen. Der Turnverein mit der Jugi macht das traditionell. Stark zugelegt hat in dieser Hinsicht der Fussball.

Viele Kinder und Jugendliche treten allerdings auch früh wieder aus den Vereinen aus, gerade bei den 15- bis 19-Jährigen macht sich ein solcher markanter Rückgang bemerkbar. Weshalb?

Kindern wechseln schon im Alter zwischen sechs und acht Jahren den Verein, weil sie Verschiedenes ausprobieren möchten und das Angebot entsprechend breit ist. Ab 12 Jahren treten sie vermehrt aus dem Vereinssport aus. Sie werden schulisch und beruflich stärker gefordert, erkunden ihre neuen Freiheiten, möchten mit Kollegen zusammen sein. Daneben besteht seit etwa fünf Jahren ein starker Trend zum individuellen Muskelaufbau im Fitnesscenter, mit virtuellen Fitnesscoaches, Bootcamps und Trainingsapps. Die späteren Ehrenamtlichen, die künftigen Träger der Vereine gehen so verloren.

Was können die Vereine tun?

Sie müssen zum Beispiel Angebote für alle Niveaus schaffen. Oft verlässt ein Jugendlicher den Verein, weil er sein sportliches Ziel nicht erreicht und keinen Platz mehr im Verein hat. Der Fokus darf nicht nur auf der ersten Mannschaft liegen, auch Plauschteams sind wichtig. In Zürich hat das Sportamt zudem ein Projekt lanciert, in dem die Vereine schon 14- bis 18-Jährigen kleine Ämter und damit Verantwortung übergeben. Das scheint ein erfolgreicher Weg zu sein, die jungen Leute zu halten.

Der befürchtete Kollaps blieb aus, doch die Anzahl der Sportvereine sinkt kontinuierlich. 41 Prozent und damit 9 Prozent mehr als 2010 haben Existenzängste.

Die Schweiz ist ein Land der Klein- und Kleinstvereine. Viele scheinen für die Zukunft nur ungenügend gerüstet zu sein. Wenn die Zahl der Vereine sinkt, weil die kleinen zu grösseren fusionieren, ist die Entwicklung nicht gravierend. Das war in der Vergangenheit bereits beim Turnverband der Fall. Die Schützen hingegen dürften diesen Prozess noch vor sich haben.

Welche Verbände haben sonst noch einen schweren Stand? Wer nicht?

Hauptsorgen sind die Gewinnung und Bindung von Nachwuchskräften und ­Ehrenamtlichen. Im Handball fürchten rund 70 Prozent der Vereine um die Existenz. Bei den Armbrustschützen 65 Prozent, beim Unihockey 58 Prozent, beim Schwimmen 56 Prozent. Bei Letzteren gibt es vor allem grosse Infrastrukturprobleme. Wenig Sorgen haben Alpen- und Ruderclubs, ebenso wie Badminton-, Tennis-, Segel- oder Golfklubs.

Wie sehen Sie die Zukunft des Schweizer Vereinssports?

Grundsätzlich gut, aber mit einigen Her­ausforderungen, die es anzugehen gilt. Der Vereinslandschaft würden etwas mehr Koordination und eine Straffung des Angebots guttun. Wenn ich mir eine Gemeinde mit 5000 Einwohnern und die Anzahl ihrer Vereine anschaue, stelle ich fest, dass es irgendwann schwierig wird, genug Leute zu rekrutieren. Die Sportvereine dürfen aber nicht zu reinen Dienstleistern werden, ihr Erfolgsrezept mit der Kombination aus Sport und Geselligkeit müssen sie sich bewahren.


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