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Von Mode und politischen Rivalen

07. November 2017, 00:00

«Wir lieben Immigration.» Mit diesem einfachen und plakativen Slogan macht die britische Modemarke Jigsaw derzeit von sich reden. «In der Welt geht es verrückt zu und her, und so dachten wir, eine hübsche kleine Kampagne könnte nicht schaden,» liess Firmenboss Peter Ruis neckisch verlauten. Seine Firma beschäftigt kreative Köpfe aus 45 Nationen, und Ruis findet es «bizarr», dass das Wort Immigration als negativ angeschaut wird: «Grossbritannien ist eine Nation von Einwanderern.»

Im Herzen der Kampagne steht ein Manifesto, das in drei nationalen Zeitungen abgedruckt wurde, bewusst das links- wie auch rechtsorientierte Denken abdeckend. Es braucht nur einen verkürzten Auszug, um mitzukriegen, dass Jigsaw – englisch für Puzzlespiel – klar Farbe bekennen: «So etwas wie 100 Prozent britisch gibt es nicht. Als Kleidermarke würden wir nicht funktionieren, wenn Leute sich nicht frei herumbewegen könnten. Ohne Immigration würden wir Kartoffelsäcke verkaufen. Angst, Isolation und Intoleranz werden uns zurückhalten – Liebe, Offenheit und Zusammenarbeit vorwärtsbringen.»

Hinter mir im Coffeeshop, wo ich diese Rubrik tippe, sitzt ein älterer Mann, der den Geist der Jigsaw-Kampagne auf seine Art auslebt. Sobald er einen nicht-britischen Akzent heraushört, geht er auf die Person zu und fragt nach deren Ursprungsland. Mit leuchtenden Augen teilt er seine positiven Eindrücke mit, die er vom betreffenden Land eingefangen hat (er scheint ganz schön herumgekommen zu sein).

Die drei kurzen Gespräche, von denen ich ein heimlicher und faszinierter Zeuge sein durfte, endeten immer auf dieselbe Art: leichtfüssig, beschwingt, zufrieden, eine Verbindung hergestellt. Beide Parteien verliessen den temporären Kommunikationsraum mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Es ist zugegebenermassen einfach, Einwanderung als Phänomen unserer Zeit zu romantisieren. Meiner Meinung nach muss es erlaubt sein, Diskussionen um Praxistauglichkeit zu führen.

Auf der anderen Seite sollte Immigration nicht ein blosses Zahlenspiel sein, von Schwarzmalern zur Ursache allen Übels abgestempelt. Die Jigsaw-Kampagne erinnert an einen Wert, der über wirtschaftliche Pros und Kontras hinausgeht. Menschen, die sich in einem anderen Teil der Welt niederlassen, haben neue Ideen und Inspirationen mit im Gepäck, befruchten kreative Prozesse, fügen ihr ganz eigenes Puzzleteil zum kulturellen Bild in ihrem Ankunftsland hinzu.

Mode, Musik, Kunst und Essen – gerade in einer internationalen Metropole wie London wird der Reichtum deutlich, der sich aus der Vermischung von Einflüssen ergibt. «Welche Meinung Sie auch immer vertreten», heisst es im Jigsaw-Manifesto dazu, «irgendwann bei ihren Vorfahren zog jemand ein und versetzte die Nachbarn in Aufruhr.» Keiner von uns sei das Produkt von «sich nicht vom Fleck rühren», lautet die Schlussfolgerung. Verstehe ich es richtig, ich bin selber ein Immigrant.

Verbindungen eingehen, statt sich abschotten – diesem Motto hat sich auch die älteste Sonntagszeitung der Welt, «The Observer», angenommen. Kürzlich wurden fünf Freundschaften porträtiert, die sich zwischen politischen Rivalen in Westminster aufgebaut haben. Die scharfen Grenzen des britischen Zwei-Parteien-Systems aufgehoben, lässt sich auch hier mehr Gemeinsames als Trennendes feststellen: «Man realisiert ziemlich schnell, dass man nur dann etwas erreicht, wenn man zusammenkommt», wie eine Labour-Parlamentarierin ihrem konservativen Kollegen auf die Schulter klopft. Fast so etwas wie ein Slogan für eine Kleidermarke, finde ich.

Gabriel Felder, London

Freier Journalist


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