Vorfreude, Spannung – und vielleicht gar Euphorie?

SPORTJAHR 2018 ⋅ Mit den Olympischen Winterspielen und der Fussball-WM stehen dieses Jahr gleich zwei Grossanlässe bevor. Doch nicht nur in Südkorea und Russland dürften Schweizer Grund zum Jubeln geben.
03. Januar 2018, 00:00

Cyril Aregger

In gut einem Monat beginnen die Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang (9. bis 25. Februar), die Fussball-Weltmeisterschaft der Männer in Russland wird am 14. Juni mit dem Spiel der Gastgeber gegen Saudi-Arabien eröffnet. Interessanterweise scheint die Vorfreude auf den zweiten Anlass im Wintersportland Schweiz derzeit (noch) etwas grösser zu sein als auf die Spiele in Asien. Liegt es an der räumlichen Entfernung und der Zeitverschiebung (plus acht Stunden)? Schlägt der Konflikt mit Nord­korea, der gar einige Sportler an einer Teilnahme zweifeln lässt, auf die Stimmung? Oder liegt es an den Dopingenthüllungen rund um den russischen Staat und seine Sportler? Schwer zu sagen.

Man muss es ja nicht gerade so zynisch sehen wie der US-amerikanische Autor und Pulitzer-Preisträger Dave Barry, der Olympische Spiele liebt, «weil sie Menschen aus aller Welt ermöglichen, zusammenzukommen, um sich – ungeachtet ihrer politischen oder kulturellen Differenzen – gegenseitig des Betrugs zu bezichtigen». Denn aus Schweizer Sicht gibt es andere gute Gründe, sich auf die Olympischen Spiele in Pyeongchang zu freuen. Auch wenn die Selektionen noch nicht abgeschlossen sind: Klar ist, dass sich die alpinen Skifahrerinnen und Skifahrer in dieser Saison gut präsentieren, die Leistungsdichte ist – gerade bei den Frauen – im Vergleich zur Vorsaison noch grösser geworden. Und damals räumten die Swiss-Ski-Athleten an der WM in St. Moritz gleich sieben Medaillen ab. Die vorolympischen Weltcup-Klassiker in Adelboden, Wengen und Kitzbühel werden die Stimmung aber ganz gewiss noch anheizen.

Doch die Winterspiele bestehen ja nicht bloss aus Skifahren. Auch im Langlauf, im Curling, beim Snowboarden oder im Biathlon ist Medaillenjubel ­möglich. Gespannt sein darf man auch auf das Abschneiden der Eishockey-­Nationalmannschaft und das Turnier im Allgemeinen. Wie wird sich das Fehlen der Stars aus der nordamerikanischen NHL auswirken? Reicht es für die Schweiz gar zur ersten olympischen Eishockey-­Medaille seit 70 Jahren?

Und dann gibt es ja noch Simon Ammann. Nach dem Gesetz der Serie sollte aus dem Doppel-Doppel-Olympiasieger von 2002 und 2010 in Südkorea ein ­Triple-Doppel-Olympiasieger werden ...

Bei der Fussball-WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli) einen Schweizer Podestplatz zu erwarten, wäre vermessen. Doch das Team von Vladimir Pet­kovic scheint gefestigt und bereit, sich in der schwierigen Gruppe mit Brasilien, Costa Rica und Serbien das Weiterkommen zu sichern. Die Vorfreude bei Captain Stephan Lichtsteiner jedenfalls ist gross: Er könne es kaum erwarten, gegen Brasilien, Costa Rica und Serbien zu spielen, twitterte er nach der Gruppenaus­losung. Und Petkovic meinte, speziell mit Blick auf das Startspiel gegen Brasilien, selbstbewusst: «Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass die Wirklichkeit so schön wird wie ein Traum.» An den letzten grossen Turnieren hiess es für die Schweizer Fussballer meist: Endstation Achtelfinal. Sollte es diesmal mit dem Viertelfinal-Vorstoss klappen, dürfte die Euphorie für Schweizer Verhältnisse überwältigende Züge annehmen.

Aber auch wem Grossanlässe wie Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften suspekt sind, wird 2018 sportlich auf seine Rechnung kommen. Die Sportwelt bietet für jeden und jede etwas: Wird Roger Federer sein unglaubliches Comeback-Jahr bestätigen können? Schaffen die Rückkehrer Stan Wawrinka und Novak Djokovic Ähnliches wie der Maestro? Sollte es Federer oder Wawrinka ins Wimbledon-Finale vom 15. Juli schaffen, muss der Schweizer Sportfan übrigens auf eine kurze Partie hoffen, um nicht in ein Dilemma zu geraten: In Wimbledon beginnt das Endspiel um 15Uhr – zwei Stunden vor dem Final der Fussball-WM. Und was geschieht in der Fussball-Meisterschaft? Im Eishockey? Welcher Schwinger schiebt sich im Vorjahr des Eidgenössischen in Zug in eine Favoritenrolle? Was leisten unsere Leichtathleten an der EM in Berlin? Wird Daniela Ryf zum vierten Mal in Folge den Ironman auf Hawaii gewinnen? Viele Fragen. Doch das Schöne am Sport ist: Pfeift der Schiedsrichter ab oder ist die Ziellinie erreicht, sind vorerst alle geklärt.

Wir können uns also auf ein schönes, spannendes Sportjahr freuen. Oder um es mit den Worten von Vladimir Petkovic zu sagen: «Die Zukunft kann schöne Überraschungen bereithalten.»


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