Anwälte plädieren weiter für Unschuld

FALL MALTERS ⋅ Die Polizeikader Adi Achermann und Daniel Bussmann werden wegen fahrlässiger Tötung angeklagt – weil bei einem Polizeieinsatz im Frühling der Suizid einer 65-Jährigen hätte verhindert werden können.

22. November 2016, 00:00

Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

Noch sind die Untersuchungen im Fall Malters nicht ganz abgeschlossen. Doch bereits jetzt ist klar: Der zuständige Aargauer Staatsanwalt Christoph Rüedi wird gegen Polizeikommandant Adi Achermann und Kripochef Daniel Bussmann Anklage wegen fahrlässiger Tötung erheben. Dies ist einer Mitteilung der Anwälte der beiden Polizeikader zu entnehmen, die unserer Zeitung exklusiv vorliegt. In der Mitteilung schreiben die Anwälte Beat Hess und René K. Merz: «Obwohl das Untersuchungsverfahren unsere Darstellungen und Einschätzungen weitgehend bestätigt hat, hegt der Staatsanwalt offenbar doch noch Zweifel, ob nicht mit einem weiteren Zuwarten das Risiko eines Suizids der Frau geringer gewesen wäre.» Bei solchen Zweifeln müsse der Staatsanwalt «praxisgemäss» Anklage erheben.

Zur Erinnerung: Am 9. März dieses Jahres beging eine psychisch kranke Frau während eines Polizeieinsatzes in Malters Suizid. Die Einsatzkräfte vermuteten im Haus eine Hanfanlage. Nach stundenlangen Verhandlungen mit der 65-Jährigen, zu denen auch ein Polizeipsychologe hinzugezogen wurde, stürmte die Spezialeinheit schliesslich das Haus, wobei sich die Frau das Leben nahm. Seither dürfen die beiden verantwortlichen Kaderleute keine «heiklen Fälle», bei denen Leib und Leben gefährdet sein könnten, mehr leiten. Dies, weil der Sohn der verstorbenen Frau Ende März gegen Achermann und Bussmann Anklage erhoben hatte.

Laut den Anwälten stützt der Staatsanwalt seinen Entscheid offenbar auf die Einschätzungen des Polizeipsychologen. Dieser hielt es auch nach 17 Einsatzstunden noch für ratsam, mit der Stürmung des Hauses weiter zuzuwarten, obwohl er selber ebenfalls überzeugt war, dass die Frau nicht zu einem Aufgeben bewogen werden könne. Diese Einschätzungen wurden bereits im August dieses Jahres durch die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens publik gemacht.

Anwälte mit Anklage unzufrieden

Die Anwälte weisen ausserdem darauf hin, dass alle anderen anwesenden Experten den Entscheid und den Zeitpunkt für ein Eingreifen für richtig hielten. «Natürlich ist es im Nachhinein einfach, in Fällen von solch komplexen Gefahrenlagen darüber zu spekulieren, was geschehen wäre, wenn man anders gehandelt hätte.» Die Anwälte sind sich aber sicher: «Versetzt man sich demgegenüber nochmals konkret in die Situation vor Ort, erweist sich der gewählte Weg nach wie vor als angemessen und richtig.» Weil die Frau bewaffnet war und bereits zu Beginn des Einsatzes zwei Warnschüsse abgab, bestand eine Gefährdung Dritter. «Ein weiteres Zuwarten erschien auch unter dem Aspekt der Selbstgefährdung als nicht vertretbar.»

Mit der Anklage folgt der Aargauer Staatsanwalt nun teilweise den Anträgen, welche in der Strafanzeige des Sohnes gestellt wurden. Dessen Anwalt konnte gestern nicht für eine Stellungnahme erreicht werden.

Die Verteidiger der Polizeikader halten den jetzigen Entscheid des Staatsanwaltes für «verfehlt». Sie nehmen den Sohn der verstorbenen Frau, ihren gesetzlichen Beistand, in die Pflicht. Er habe mit dem Betrieb der Indoor-Hanfanlage und dem Zurücklassen seiner bewaffneten und psychisch angeschlagenen Mutter «den wichtigsten Faktor in dieser Kausalkette gesetzt, die zum Tod der Frau führte».

Angesichts der schweren Vorwürfe gegen Adi Achermann und Daniel Bussmann, die «vor allem in der ‹Rundschau›» erhoben worden seien, halten es deren Anwälte für sinnvoll, «dass ein Gericht über diese Sache entscheiden wird».

«Ein weiteres Zuwarten erschien auch unter dem Aspekt der Selbst­gefährdung als nicht vertretbar.»

Beat Hess

Anwalt


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