«Da Vinci» führt eine feine Klinge

LUZERN ⋅ Laut einer Studie hat die Roboterchirurgie für Patienten kaum Vorteile. Urologe Agostino Mattei operiert am Luzerner Kantonsspital fast täglich mit Roboter Da Vinci – und ist vom Gegenteil überzeugt.

13. Oktober 2016, 00:00

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeiutng.ch

Es ist still. Das Licht ist gedämpft. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Wir befinden uns im Operationssaal im Luzerner Kantonsspital. Agostino Mattei (46), Chefarzt Urologie, sitzt am «Da Vinci»-Roboter und bedient mit seinen Händen die Joysticks. Der Operationsroboter überträgt die Handbewegungen des Chirurgen auf die Instrumente, die durch kleine Schnitte in den Bauch des Patienten eingeführt worden sind. Diese Technik übt Mattei schon seit mehr als zehn Jahren aus. Seit neun Jahren operiert er mit dem «Da Vinci» am Luzerner Kantonsspital.

So gut die Technik jetzt klingt – der «Da Vinci» steht auch immer wieder in der Kritik: zu teuer, zu wenig ausgelastet, zu wenig Nutzen für den Patienten. So das Urteil einer australischen Studie, die dieses Jahr publiziert wurde. Neben der Anschaffung von rund 2 Millionen Franken kommen noch Unterhaltskosten von rund 200 000 Franken jährlich dazu. Mattei streitet nicht ab, dass die Beschaffung teuer ist, vermerkt aber, dass viele Geräte im Gesundheitssystem ähnlich viel kosten.

Kürzerer Spitalaufenthalt dank Roboter

Dass der Nutzen für die Patienten gering ist, glaubt Mattei nicht. Er beobachtet beispielsweise, dass Patienten, die mit der Roboterchirurgie operiert werden, das Spital in der Regel früher ver­lassen können im Vergleich zu Patienten, bei denen mit einem offenen Bauchschnitt operiert wurde. Auch dass beide Patientengruppen nach drei Monaten gleich häufig von Inkontinenz und Erektionsstörungen betroffen sind, will Mattei nicht glauben. Er sagt: «Drei Monate sind nicht ausschlaggebend, weil der Heilungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. Uns interessiert, wie es den Patienten nach einem Jahr, nach fünf oder nach zehn Jahren geht.»

Heute arbeitet Mattei fast täglich mit einem Team aus zwei weiteren Ärzten und einer technischen Operationsassistentin. «Wir sind immer das gleiche Team, das mit dem Roboter operiert», sagt er und fügt mit einem Lächeln an: «Deshalb müssen wir auch gleichzeitig Ferien beziehen.» Ein eingespieltes Team. Dies ist auch der Grund, weshalb es fast keine Kommunikation braucht während des chirurgischen Eingriffs. «Jedes Mitglied des Roboter-Operationsteams muss auswendig wissen, wann welcher Schritt vollzogen wird.»

Vorwiegend handelt es sich bei den Operationen um Prostataentfernungen bei Prostatakrebs. Bei dem chirurgischen Eingriff operiert ein Chirurg an der Roboterkonsole, und ein Arzt steht beim Patienten.

Dieses Jahr hat das Team von Mattei gesamthaft schon 158 Operationen mit dem Roboter durchgeführt. Davon waren 138 Eingriffe an der Prostata vorgenommen worden, und 20-mal wurde von den Roboterchirurgen ein Nierenteil entfernt. Eine Richtlinie, wie viele Operationen mit dem Gerät durchgeführt werden müssen, gibt es in der Schweiz nicht. Zur Qualitäts­sicherung wird von der deutschen Krebsgesellschaft eine Mindestzahl von 25 Operationen pro Operateur und Jahr gefordert. Matteis Team hat das Soll also längst übertroffen. Der Chef-Urologe sagt dazu: «Je häufiger operiert wird, desto besser trainiert sind der Chirurg und das ganze Team.» Die Roboterchirurgie ist nicht für jeden Patienten mit Prostatakrebs die geeignete Methode. Wann kommt er zum Einsatz? «Der ‹Da Vinci› kommt dann zum Zug, wenn dessen Einsatz Sinn macht», sagt Mattei. Das sei beispielsweise der Fall, wenn bei einem Prostatakrebs-Patienten noch die Chance bestehe, dass der Krebs radikal entfernt werden kann und gleichzeitig wichtige Strukturen wie etwa die spontane Sexualität beibehalten werden können. Diese Woche kommt der «Da Vinci» im Bereich der Urologie gleich achtmal zum Einsatz. «Wir führen maximal zwei Eingriffe pro Tag durch», so Mattei. Eine Operation dauert zwischen drei und fünf Stunden.

Das Einsatzgebiet soll ausgedehnt werden

Während Mattei die Joysticks bedient, erklärt Livio Mordasini (35), Oberarzt der Urologie, warum in gewissen Fällen der Einsatz des Roboters sinnvoller ist als eine herkömmliche Operation: «Der Patient verliert mit der ­Robotermethode deutlich weniger Blut als bei der konventionellen Operation. Zudem ist die 3-D-Bildqualität hervorragend und lässt eine Sicht zu, die man bei regulären Operationen kaum hat.» Der Roboter ermöglicht eine 15-fache Vergrösserung. Weiter könne mit dem Gerät sehr präzis gearbeitet werden. Ein allfälliges Zittern der Hände werde beispielsweise vom Roboter herausgefiltert, erklärt Mordasini.

Obwohl der «Da Vinci» am Luzerner Kantonsspital häufig zum Einsatz kommt, ist die Auslastung doch sehr einseitig. Schliesslich wird er zu 80 bis 90 Prozent für Prostatakrebspatienten eingesetzt. Liesse sich das Einsatzgebiet nicht ausdehnen? «Für einfache Operationen braucht es dieses Gerät nicht. Für viele Operationen ist eine herkömmliche Schlüsselloch-Chirurgie immer noch die Methode der Wahl», sagt Mattei. Vor Ende Jahr sei die Anwendung aber auch bei ausgewählten Fällen der Blasenentfernung bei Blasenkrebs geplant.

Mittlerweile habe sich der «Da Vinci» im Luzerner Kantonsspital etabliert, wie Mattei sagt. «Die Patienten mit Prostatakrebs kommen von überall zu uns.» Mit überall meint er nicht nur die Zentralschweiz, sondern auch das Tessin, Norditalien oder Russland. Fest steht: Die Patienten kommen nicht wegen des Roboters, denn auch die Spitäler im Tessin, in Zürich, Basel, Genf und Bern haben ein solches Gerät. Mattei: «Sie kommen wegen des erfahrenen Operationsteams, das wir in unserem Spital haben.»


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