Das neue Agglo-Selbstbewusstsein

URBAN ⋅ Werden Kriens und Emmen bald zu Städten? Entsprechende politische Bestrebungen sind im Gang. Doch so richtig urban sind die Orte noch nicht, sagt eine Stadtforscherin.

21. März 2017, 00:00

Stefan Dähler

stefan.daehler@luzernerzeitung.ch

Es ist nüchtern gesehen nur ein Wort, das rechtlich gesehen gar nicht relevant ist. In der Bundesverfassung etwa kommt die Bezeichnung «Stadt» gar nicht vor, die Rede ist nur von «Gemeinden». Für die Identität eines Ortes macht es jedoch einen grossen Unterschied, wenn dieser von der Gemeinde zur Stadt wird. Genau dies könnte nun mit Kriens und Emmen geschehen. In Emmen fordert die CVP den Wechsel von der Gemeinde zur Stadt, in Kriens schlägt der Gemeinderat dies vor (Ausgabe vom Samstag).

Dass derartige Bestrebungen gerade dort im Gange sind, ist kein Zufall. In Emmen sowie Kriens wird rege gebaut, es entstehen städtische Siedlungen, das Ortsbild verändert sich. «Kriens ist im Wandel, dem sollte man Rechnung tragen», sagt Gemeindepräsident Cyrill Wiget (Grüne). Die Änderung ist im Rahmen der Revision der Gemeindeordnung für das kantonale Finanzhaushaltgesetz geplant. «Wir werden dies der Arbeitsgruppe, in der alle Fraktionen sitzen, vorschlagen und anhand der Reaktionen das weitere Vorgehen bestimmen.» Ob es eine separate Volksabstimmung über den Wechsel von der Gemeinde zur Stadt gibt, ist noch offen. Die Gemeindeordnung soll jedenfalls Ende 2018 in Kraft treten.

An der Urne bisher ohne Chance

An der Urne haben es Umbenennungen jedoch schwer. Vor zehn Jahren lehnte das Krienser wie auch das Emmer Stimmvolk diese mit über 60 Prozent Nein-Anteil ab. Auch in Cham scheiterte 2009 die Umbenennung in «Parkstadt» klar.

Wieso sollte dies heute anders sein? «Damals wollten sich viele Leute wegen der im Raum stehenden Fusion mit der Stadt Luzern von der Stadt abgrenzen», sagt Wiget. «Die Fusion ist nun vom Tisch, daher sind diese Ängste jetzt weg.» Stattdessen will der Gemeinderat mit dem Wechsel zur Stadt «das neue Selbstbewusstsein abbilden und eine neue Identität fördern. So sei mit der Realisierung der Zentrumsüberbauung eine «Aufbruchstimmung» entstanden. Ähnlich argumentiert die CVP Emmen. Die Gemeinde entwickle sich stark – etwa am Seetalplatz oder in der Viscosi­stadt. Die Bezeichnung «Stadt» würde dies noch unterstreichen und hätte eine stärkere Ausstrahlung zur Folge.

Zurück zu Kriens: Die Pläne des Gemeinderates stossen bei den Ortsparteien nur bedingt auf Begeisterung, wie eine Umfrage unserer Zeitung zeigt. Bruno Bienz, Fraktionschef der Krienser Grünen, sagt etwa: «Die Bevölkerung wird das erneut ablehnen. Faktisch sind wir zwar bereits eine Stadt, aber bei diesem Thema spielen Emotionen die grössere Rolle.» FDP-Fraktionschef Thomas Lammer sieht das ähnlich.

Optimistischer sind SVP und SP. «Wir haben die Eigenständigkeit gegenüber der Stadt Luzern gewahrt, daher wäre das nun ein logischer Schritt», sagt SVP-Fraktionschef Räto Camenisch. «Dörfliche Strukturen wie eine Dorfbeiz gibt es schon länger nicht mehr», stellt SP-Fraktionschef Cla Büchi fest. «Ich denke, dieser Wandel ist auch in den Köpfen der Bevölkerung angekommen.» Unbestritten ist, dass Kriens aufgrund seiner Einwohnerzahl bereits längst eine Stadt ist.

Ob sich Leute als Städter fühlen, hängt aber nicht nur von Statistiken ab. «Ein Merkmal einer Stadt sind öffentliche Räume als Begegnungsorte», sagt Barbara Emmenegger, Stadtforscherin an der Hochschule Luzern für Soziale Arbeit. «Man muss den Leuten einen Grund bieten, im Ort zu bleiben, statt immer in die Zentrumsstadt zu gehen.»

Sind Emmen, Kriens, aber auch Baar, Cham oder Rotkreuz aus Sicht der Stadtforschung Städte? «Noch nicht, aber sie sind auf dem Weg dazu», sagt Emmenegger. So achte man sich heute bei Bauprojekten besser darauf, auch Begegnungsräume zu schaffen. Dieser Wandel geschehe jedoch nicht von heute auf morgen. «Agglo-Gemeinden haben sich stets auf Zentrumsstädte ausgerichtet und haben keine Tradition als Städte.» Dies sei bei regionalen Zentren wie Willisau, die sich trotz tieferer Einwohnerzahl als Städte bezeichnen, anders.

In einer anderen Hinsicht seien die Agglo-Gemeinden jedoch bereits sehr städtisch. «Es gibt eine grosse Vielfalt an Lebensstilen. Das ist auch eine grosse Herausforderung für die Gemeinden. Sie müssen die Infrastruktur anpassen, etwa mehr Betreuungsplätze schaffen.» Zudem könne es Konflikte zwischen Neuzuzügern und Alteingesessenen geben. «Wächst eine Gemeinde schnell, stellt sich die Frage, wie man die Leute ins politische System oder in das Vereinswesen integrieren kann», sagt Emmenegger. Dies könne aber durchaus gelingen. «Auch in Städten gibt es in Quartieren gemeinschaftliche Strukturen.»

Nur noch in Ebikon ein Thema

Gibt es weitere Zentralschweizer Gemeinden, in denen der Wechsel zur Bezeichnung Stadt aktuell diskutiert wird? Weder in Cham, Risch-Rotkreuz oder Horw ist dies der Fall, wie es auf Anfrage unserer Zeitung heisst. In Baar war gestern kein Gemeinderat für eine Stellungnahme erreichbar. In Ebikon dagegen hat der Gemeinderat das Thema in Rahmen der Klausur Anfang Jahr besprochen. «Aktuell wird das Thema bei uns nicht weiterverfolgt, da wir zuerst die Entwicklung unserer Vision 2020 abschliessen wollen», sagt Gemeindepräsident Daniel Gasser (CVP). Aus dieser Vision heraus könne die Umbenennung aber Teil einer neuen Strategie werden.


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