Der Brückenbauer

MIGRATION ⋅ Kanber Colak (39) studiert in der Türkei, als er unvermittelt ins Gefängnis muss. Zweieinhalb Jahre später flieht der Kurde in die Schweiz, baut hier ein neues Leben auf – dank und mit der Sprache.
20. März 2017, 00:00

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Die Sonne steht hoch am Himmel. Kanber Colak kramt eine Sonnenbrille aus seiner Umhängetasche und setzt sie auf. Dazu trägt er ein rotes Halstuch, rote Schuhe, Jeans und eine Strick­jacke. Der 39-Jährige könnte als Professor durchgehen – für Geschichte oder Sprachen vielleicht.

Aber er unterrichtet nicht, steht nicht jeden Tag vor Studenten. Die Sprache begleitet ihn trotzdem täglich. Kanber Colak ist interkultureller Dolmetscher. Seit sieben Jahren arbeitet er für den Dolmetschdienst Zentralschweiz, den die Caritas Luzern anbietet. Doch bis es so weit war, ging er einen langen, harten Weg.

Petition wurde ihm zum Verhängnis

Am Ufer des Zugersees erzählt er seine Geschichte: Geboren und aufgewachsen ist er im Südosten der Türkei, in der Provinz Adiyaman – in kurdischem Gebiet, unweit der Grenze zu Syrien und zum Irak. «Dann fing ich an, Englisch zu studieren», sagt Colak. Das ist Ende der 90er-Jahre.

Einige Semester sitzt er im Vorlesungssaal der Universität von Izmir, einer Stadt im Westen der Türkei. «Die Zeiten waren für uns Kurden gut, die Regierung hatte uns einige Zugeständnisse gemacht.» Zusammen mit anderen Studenten macht sich Colak dafür stark, dass Kurdisch an türkischen Universitäten gelehrt werden darf. Sie reichen eine Petition ein. Dann geht alles schnell: Plötzlich steht die Polizei vor Colaks Haustür, führt ihn ab. Zweieinhalb Jahre lang sitzt er im Gefängnis.

Kanber Colak erzählt unaufgeregt von seinen Erlebnissen. Man merkt ihm an: Das Kapitel ist für ihn abgeschlossen. Und zwar seit dem Jahr 2005 – dem Wendepunkt in seinem Leben: «Nachdem ich das Gefängnis verlassen hatte, hat die Regierung immer wieder Druck auf meine Familie ausgeübt. Irgendwann war er so gross, dass ich eine Entscheidung treffen musste.» Er verlässt die Türkei, zieht in die Schweiz.

Acht Monate wartet er auf einen positiven Asylentscheid. Im Asylzentrum kommt er erstmals mit seinem zukünftigen Beruf in Kontakt: «Weil ich Englisch konnte, habe ich die Anweisungen der Behörden und Betreuer für meine Landsleute übersetzt.» Als Colak erfährt, dass er in der Schweiz bleiben kann, ist es mit dem Übersetzen vorbei – vorerst. Er will wieder studieren. Die Caritas vermittelt ihm einen Deutschkurs. Dort hängt er sich rein, erreicht das Niveau C1 – die zweithöchste Stufe. Um sich an der Uni einschreiben zu können, benötigt er aber ein Niveau C2. Also bildet er sich weiter. 2010 hat er das notwendige Diplom. Nur: Die Pläne haben sich geändert, das Studium ist vertagt. «Ich wollte zuerst Berufserfahrung in der Schweiz sammeln.» Er wird Aufsichtsperson im Asylzentrum, arbeitet gleichzeitig als Dolmetscher. Sechs Jahre lang geht das so.

Dolmetscher ist er noch heute. Er übersetzt in Kurdisch und Türkisch, unterstützt Menschen aus Syrien, dem Irak, dem Iran und der Türkei im Umgang mit den Behörden. Colak steht hinter dem, was er tut. «Für jemanden, der aus einem fremden Land hierher kommt, ist es oftmals schwierig, mit den Behörden in Kontakt zu treten. Dafür sind wir Dolmetschenden da.»

Der Kurde weiss, wovon er spricht. Die Situation hat er am eigenen Leib erlebt. Am häufigsten wird er im Sozial-, Asyl- und Gesundheitswesen aufgeboten. Die Sprache, so Colak, sei das Wichtigste, damit sich jemand integrieren könne. Aber das alleine reiche nicht. Denn wo zwei Kulturen zusammenkommen, entstehe mitunter Reibung. Deshalb arbeitet Colak zusätzlich als interkultureller Vermittler: «Ein Beispiel: Wenn eine Lehrerin mit einer Familie aus der Türkei um halb acht Uhr einen Termin ausmacht, dann werden die Eltern um 20.30 Uhr kommen.» Denn diese Zeitangabe bedeutet im Türkischen nicht eine halbe Stunde vor, sondern nach acht. Colak beseitigt solche Missverständnisse, räumt Hindernisse aus dem Weg. Oder wie er es sagt: «Wir sind die Brückenbauer.»

Interkulturelle Dolmetscher sind in den letzten Jahren immer gefragter. Im Jahr 2006 verzeichnete der Dolmetschdienst der Caritas 8000 Einsatzstunden in der Zentralschweiz. Zehn Jahre später waren es mehr als drei Mal so viele (siehe Kasten).

«Am Anfang stehen wir»

Wird Kanber Colak nach den Gründen des Anstiegs gefragt, antwortet er: «Bund und Kantone haben gemerkt, dass der Dolmetschdienst eine Verbesserung im Umgang mit Migranten herbeigeführt hat.» Er macht klar: «Am Anfang des Integrationsprozesses stehen wir.» Wenn die Parteien einander verstünden, schaffe das Vertrauen. «Und das macht es den Leuten einfacher, hier heimisch zu werden.»

Colak ist in der Schweiz heimisch geworden. Heute lebt er mit seiner Frau in Zug. Vor viereinhalb Jahren kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Colak ist am lokalen Geschehen interessiert, engagiert sich in der Gemeinde. Seine Zukunft sieht er hier. Auch weil er im Exil lebt; nicht mehr zurück in die Heimat kann. «Wenn die Gesetze geändert werden sollten, müsste ich mir überlegen, ob ich nicht nochmals zurückwill. Aber im Moment bin ich glücklich in der Schweiz.» Das hat Kanber Colak nicht zuletzt der Sprache zu verdanken. Sie hat ihm die Tür zu einem neuen Leben geöffnet.

Er hat das geschafft, was sich viele Migranten wünschen. Und was sich Colak auch für die andern wünscht: «Ich freue mich immer, wenn jemand anfängt, Deutsch zu lernen. Auch wenn ich dann einen Auftrag verliere.»


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