Die Blutprobe hat fast ausgedient

POLIZEI ⋅ Bei der Alkoholkontrolle sind die Promillewerte Geschichte. Denn ein neues Gerät misst den Gehalt zuverlässig im Atem. Kritische Stimmen kommen von Seiten der Rechtsmedizin.

12. Oktober 2016, 00:00

Andrea Muff und Katharina Brenner

kanton@luzernerzeitung.ch

Seit 1. Oktober gilt in der Schweiz die beweissichere Atemalkoholkontrolle. Die Luzerner Polizei hat für diese neue Messmethode fünf Geräte im Einsatz. An der Gesetzgebung für Alkohol am Steuer hat sich damit allerdings nichts geändert. Neu sind jedoch die Einheiten. Statt Promille, also Gramm Alkohol pro Kilogramm Blut, erfolgt die Angabe nun in Milligramm Alkohol pro Liter Atemluft. Die Werte halbieren sich: 0,50 Promille Blutalkohol entsprechen 0,25 Milligramm Alkohol pro Liter Atemluft. Auch die bisherigen Geräte aus den Verkehrskontrollen wurden an die neue Einheit angepasst.

«Zuerst erfolgt eine Kontrolle mit einem Testgerät, das unsere Patrouillen mitführen», sagt Kurt Graf, Mediensprecher der Luzerner Polizei. Ist der Vortest belastend, erfolgte früher eine Blutprobe. Nun gibt es laut Graf eine Kontrolle mit der beweissicheren Atemalkoholmessung. Falls der Testwert vor Ort im Bereich von 0,25 bis 0,39 mg/l liegt, kann die betroffene Person das Resultat allerdings wie bisher mit Unterschrift akzeptieren. Nur wenn es bei 0,40 mg/l oder mehr liegt, muss die beweissichere Atemalkoholmessung zwingend erfolgen.

Akzeptiert der Kontrollierte das Ergebnis der beweissicheren Atemalkoholkontrolle nicht, kann er eine Blutprobe einfordern. Für den Touring-Club Schweiz (TCS) ist es entscheidend, dass diese Option im Zweifelsfall besteht. Er erwartet, dass das neue Gerät die Kontrolle «vereinfacht, beschleunigt und vergünstigt». Das bestätigt die Luzerner Polizei: «Für den Verkehrsteilnehmer ist es bestimmt angenehmer, und zudem ist der zeitliche Ablauf einfacher und schneller», sagt Mediensprecher Kurt Graf. Eine Blutprobe kostet schweizweit rund 400 Franken. Die beweissichere Atemalkoholkontrolle dagegen wird in Luzern mit 100 Franken verrechnet. Der Preis ist in der Rechtssammlung des Kantons geregelt. Da die alten wie die neuen Geräte nur noch Milligramm pro Liter Atemluft anzeigen, gibt die Polizei bei Kontrollen keine Promillewerte mehr an. «Im Volksmund wird dies sicher noch eine bestimmte Zeit dauern, bis die neue Bezeichnung und die neuen Werte geläufig sind», vermutet Graf.

«Milderes Strafmass wird in Kauf genommen»

Doch nicht alle stehen den neuen Messgeräten positiv gegenüber. «Mit der Einführung ergeben sich Änderungen, die teilweise problematisch sind», sagt Thomas Briellmann vom Institut für Rechtsmedizin des Kantons Basel-Stadt. Ohne Blutproben könnten allfällige notwendige Nachuntersuchungen bei späteren Fragestellungen nicht mehr vorgenommen werden. Ein weiterer Nachteil sei zudem, dass die Atemalkoholkontrollen in der Regel nicht vor Ort durchgeführt würden. Auch bei der Luzerner Polizei sind die Geräte stationär in Luzern, Emmenbrücke, Sursee, Hochdorf und Wolhusen im Einsatz. «Ausserdem wird bei der Atemalkoholkontrolle eine im Vergleich zur Blutalkoholanalytik niedrigere Qualitätssicherung angewandt», sagt Briellmann. Bei einem Atemalkoholwert von 0,4 mg/l hätten gemäss Briellmann rund 90 Prozent der Bevölkerung umgerechnet einen höheren Blutalkoholwert als 0,8 Promille. «Der Gesetzgeber nimmt also in Kauf, dass mit der neuen Regelung für viele Personen ein milderes Strafmass als bei der Blutalkoholmessung angewandt wird.» Der Umrechnungsfaktor von 2 stimme nicht für jeden Menschen. Er liege bei Schwankungen von 1,7 bis 3,4. Der Umrechnungsfaktor ändere sich je nachdem, in welcher Phase sich der Alkohol im Körper gerade befinde. Hinzu komme, dass beim Atemalkoholtest Lungen- und Atemwegserkrankungen oder Gewohnheiten wie Rauchen eine Rolle spielten.

Michael Müller vom Bundesamt für Strassen sagt zu dieser Kritik: «Theoretisch kann es sein, dass jemand mit einer Atemalkoholmessung unter dem Grenzwert bleibt, während die gleiche Person mit einer Blutprobe darüber liegen würde.» Das betreffe indes nur eine sehr geringe Bandbreite und sei daher aus rechtsstaatlicher Sicht wie auch aus Sicht der Verkehrssicherheit vertretbar. «Jeder Mensch reagiert auf Alkohol unterschiedlich.»


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