Eine Woche Protest statt Ferien

LUZERN ⋅ Lehrer machen mit einer Mahnwache auf die kantonalen Sparmassnahmen im Bildungsbereich aufmerksam – auch mit einer schlagkräftigen Aktion.

18. Oktober 2016, 00:00

Andrea Muff

andrea.muff@zugerzeitung.ch

Rote Ballone wehen im Wind. Sie sind an einem weissen Pavillon vor dem Luzerner Theater befestigt. Plakate und Flyer weisen auf das Thema der Aktion hin: «Unterricht weggespart», «Stoppt die Sparschweinerei» oder «unwürdig, bildungsfeindlich, skandalös» sind die Schlagworte, die vorherrschen. Bis Ende dieser Woche halten Lehrpersonen jeweils von 8 bis 17 Uhr auf dem Theaterplatz in Luzern eine Mahnwache. Grund ist die derzeit laufende Zwangsferienwoche, die rund 20 000 Gymnasiasten, Mittel- und Berufsschülern sowie deren 1500 Lehrerinnen und Lehrern verordnet wurde – als Sparmassnahme des Kantons. Damit will die Regierung rund 4 Millionen Franken an Lehrerlöhnen einsparen.

Für die betroffenen Lehrpersonen ist die derzeitige unterrichtsfreie Zeit kein Grund, untätig zu bleiben: «Seit zehn Jahren werden wir von Sparmassnahmen nicht verschont, diese Zwangs­ferien haben nun das Fass zum Überlaufen gebracht», sagt Remo Herbst, Präsident Verband Luzerner Mittelschullehrerinnen und Mittelschullehrer (VLM). Zusammen mit dem Verband Personal öffentlicher Dienste (VPOD) hat er die Protestwoche organisiert. «Wir suchen das Gespräch mit der Bevölkerung», gibt Herbst als Grund für die Aktion bekannt und erklärt weiter: «Wir möchten die Leute sensibilisieren, dass das, was im Kantonsrat beschlossen wird, uns alle betrifft.» Für ihn seien die Zwangsferien nun der «Negativhöhepunkt».

Die Aktion auf dem Theaterplatz hat neben der ernsten Sachlage auch eine sarkastische Komponente: «Mit den Zwangsferien zu sparen, ist so lächerlich, dass wir es mit Humor nehmen wollen», erklärt Herbst. So steht neben dem Pavillon ein «Hau den Lukas» bereit: Wer mit dem «Sparhammer» so fest auf die «Bildungsqualität» einschlägt, dass es bimmelt, bekommt ein Zwangsferien-T-Shirt.

Auch Vertreter des Verbandes Luzerner Schülerorganisationen unterstützen vor Ort die Mahnwache. Dessen Präsident Serafin Curti sagt: «Wir stehen hinter der Aktion der Lehrpersonen. Es ist peinlich für den Kanton Luzern, damit macht er sich lächerlich.» Zudem bedeuten die verlängerten Ferien nicht für jeden Nichtstun: «Viele müssen im Selbststudium den Stoff erlernen», erinnert Curti (Ausgabe vom 14. Oktober).

Am 19. August beteuerte Bildungsdirektor Reto Wyss in unserer Zeitung, dass es sich bei der zusätzlichen Ferienwoche um eine einmalige Massnahme handle. Daran glauben wollen die Anwesenden auf dem Theaterplatz noch nicht so richtig: «Das Vertrauen in die Regierung haben wir verloren», sagt Herbst. Beim Schichtwechsel auf dem Theaterplatz erzählen die Lehrer von ihren Erfahrungen. «Ich hatte sehr gute Gespräche. Viele Touristen konnten nicht glauben, dass wir in der Schweiz von solchen Sparmassnahmen betroffen sind», sagt Helen Müller, Geschichtslehrerin an der Kantonsschule Musegg. Ähnliche Überlegungen hat sich auch Regula Schöb, Lehrerin an der Kantonsschule Reussbühl, gemacht. Sie hat auf einem Plakat die Frage aufgeworfen: «Wo werden Schulen wegen leerer Staatskassen geschlossen?» Und die möglichen Antworten daruntergeschrieben: «Lutunguru (Kongo), Lutlut (Myanmar) oder Luzern (Schweiz)?»

«Am falschen Ort gespart»

Die meisten Passanten sind sich einig, bei der Bildung zu sparen, das dürfe nicht sein. So sieht das auch Stefan Jenni aus Sursee: «Eigentlich müssten noch viel mehr Leute auf die Strasse gehen und dagegen protestieren.» Sein Kollege Marcel Brun aus Horw präzisiert: «Bei der Bildung ist definitiv am falschen Ort gespart.» Die Aktion stösst aber nicht bei jedem auf Gegenliebe: «Erst ging es um die Löhne, jetzt wird aber das Stichwort Bildung in den Mittelpunkt gestellt. Die Lehrer schaden sich mit der Aktion am meisten selbst», sagt ein Passant, der seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte.

Hinweis

Heute führen Lehrpersonen von 17 bis 19 Uhr auch auf dem Rathausplatz in Willisau eine Protestaktion durch.


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