Festivaldirektor der Piraterie beschuldigt

URHEBERRECHTE ⋅ Amerikanische Filmemacher werfen dem Chef des Lucerne International Film Festival vor, ohne Bewilligung eingesandte Filme zum Verkauf anzubieten. Dieser wehrt sich und droht mit einer Klage wegen Rufschädigung.

10. März 2017, 00:00

Urs-Ueli Schorno

ursueli.schorno@luzernerzeitung.ch

Die Anschuldigungen sind happig: Dem Gründer des Lucerne International Film Festival (Liff), Guido Baechler, werden Copyright-Verletzungen vorgeworfen. Er soll Amazon, Vimeo und andere Online-Plattformen genutzt haben, um Filme, die am Festival teilgenommen hatten, zu verkaufen. Dies, so der Vorwurf, ohne vorher die Bewilligung von Filmemachern wie Ethan Steinman («Glacial Balance») oder Ferdinand John Balanag («Walking The Waking Journey») und weiteren Regisseuren einzuholen. Diese Anschuldigungen werden in einem Artikel des US-amerikanischen Online-Filmmagazins «Indiewire.com» erhoben.

Regisseur Steinman hatte laut «Indiewire.com» die Organisatoren aufgefordert, seinen Festival-Beitrag «Glacial Balance» von der Video-Plattform Vimeo zu entfernen, wo er auf dem Kanal des Liff einsehbar war. Mit dem Film hatte Steinman 2014 am Festival teilgenommen. Ein Jahr später sei der Film erneut, diesmal auf Amazon, zum Kauf angeboten worden. Als Beweise werden Screenshots der besagten Portale gezeigt, wo Baechler etwa als Produzent aufgeführt ist.

Zuerst ein Missverständnis, dann eine Hexenjagd

Baechler ist auch Besitzer der Jeridoo-Filmproduktion, die unter anderem die Filme von Luke Gasser vertreibt. Die Firma bietet auch Video-on-Demand-Dienste an – unter anderem sind auch hier Filme aus der Liff-Auswahl abzurufen. 50 Prozent der Einnahmen gehen dabei laut den AGB an die Filmemacher.

Es handle sich um ein Missverständnis, wird Guido Baechler im besagten Artikel zitiert. Die Filmemacher hätten das Kleingedruckte des Vertrages nicht gelesen – namentlich nicht die Klausel, wonach teilnehmende Filme, die nicht in den Hauptwettbewerb aufgenommen werden, am sogenannten «Liff Showcase» teilnehmen würden. Dies beinhalte unter anderem die Option, den Film auch nach Durchführung des Festivals der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, etwa per Video-on-­Demand. Gegenüber unserer Zeitung legte Baechler gestern entsprechende Dokumente vor.

Filmemacher Steinman sieht dies anders: Er verweist darauf, dass sein Film nicht innerhalb des besagten «Liff Showcase», sondern am Hauptwettbewerb teilgenommen habe. Aus Sicht des Regisseurs widerspricht die kommerzielle Verwendung des Filmes den Abmachungen. Zu einer Klage gegen Baechler ist es trotz der Vorwürfe bisher nicht gekommen. «Zudem ist auch nie ein Vertrag etwa seitens von Amazon gekündigt worden», betont Baech­ler. Dennoch wird ihm im Artikel unter dem Strich nichts weniger als Videopiraterie vorgeworfen. Das lässt der Festival­direktor nicht auf sich sitzen und spricht gegenüber unserer Zeitung von einer «Hexenjagd». Dabei ist er sich bewusst, dass bei seiner Organisation nicht alles rundlief: «Es sind schon auch Fehler bei uns passiert. So wurde zum Beispiel der besagte Film von der zuständigen Person zwar vom Portal Vimeo gelöscht, bei Amazon ging dies aber vergessen.» Der Mitarbeiter arbeite unterdessen nicht mehr für das Festival.

Festival soll noch dieses Jahr stattfinden

Die Vorwürfe an seine Adresse stünden in keinem Verhältnis zu den Fakten: «Was es dazu zu sagen gibt: Alle Screenshots sind gefälscht», behauptet Baechler. «Indiewire.com» habe im Übrigen Einblick in die Abmachungen mit den Filmemachern gehabt, im Beitrag seien diese aber nicht erwähnt worden. Darum wolle er nun «Indiewire.com» und Filmemacher Steinman wegen Rufschädigung und Urkundenfälschung einklagen. «Und zwar in der Schweiz. Schliesslich entsteht der Schaden ja hier, für das Liff», so Baechler. Er zieht ein bitteres Fazit: «Das Ziel des Filmema­chers, das Liff auszulöschen, ist ihm wahrscheinlich gelungen.» Denn in den kommenden Wochen stünden Vertragsverhandlungen mit Sponsoren an. Ob diese unter dem Eindruck der Vorwürfe noch zusagen würden, sei fraglich. Trotzdem halte er vorerst an der nächsten Durchführung fest – noch dieses Jahr solle das Festival wieder im Verkehrshaus stattfinden. Dort ist bisher allerdings noch keine Reservation eingegangen, wie Mediensprecher Olivier Burger bestätigt.

Seit seiner Premiere 2011 konnte sich das Festival nie richtig etablieren. 2012 fand es aus finanziellen Gründen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die letzte Ausgabe war im Jahr 2014. Schon bei der Gründung meldeten sich in mehreren Medien kritische Stimmen. Sie wiesen auf bestehende Filmfestivals wie Solothurn, Nyon, Locarno und Zürich hin und betonten, der Markt sei übersättigt.

«Es sind schon auch Fehler bei uns passiert.»

Guido Baechler

Direktor Liff


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