Gmürs Ausstieg – im letzten Moment

CVP-PRÄSIDIUM ⋅ Nationalrätin Andrea Gmür wollte die grösste Partei des Kantons führen – und schaffte es locker bis in die letzte Runde. Dann, nach einem Hearing, begrub sie ihre Ambitionen plötzlich. Wegen Guido Graf?
22. April 2017, 00:00

Lukas Nussbaumer

lukas.nussbaumer@luzernerzeitung.ch

Von 22 Kandidaten für die Nachfolge von CVP-Präsident Pirmin Jung blieb einer übrig: Christian Ineichen, 39-jähriger Junggeselle aus Marbach. Das politisch unbeschriebene Blatt, das weder Exekutiv- noch Parlamentserfahrung vorweisen kann, soll die grösste Luzerner Partei in die Zukunft führen. Das entschied eine Findungskommission, präsidiert vom früheren Kantonsratspräsidenten Franz Wüest, Ende Februar. Öffentlich gemacht wurde der Entscheid des aus acht Köpfen bestehenden Gremiums Anfang April (siehe Kasten). Gleichentags kommunizierte Wüest, es seien Hearings mit zwei Personen durchgeführt worden. Die zweite Person, sagte der Ettiswiler auf Nachfrage, sei eine Frau gewesen. Sie habe ihre Kandidatur später aber zurückgezogen. Um wen es sich handelte, liess Wüest offen.

Recherchen unserer Zeitung zeigen nun: Bei der zweiten Person handelte es sich um Andrea Gmür. Die Nationalrätin hätte das Anforderungsprofil – erfahren, gut vernetzt, in der Mitte des CVP-Spektrums politisierend, integrierend – perfekt erfüllt. Die verheiratete, vierfache Mutter wäre der Familienpartei CVP sehr gut bekommen, sagen denn auch Vorstandsmitglieder der Partei.

Dennoch hat die 52-jährige Präsidentin der städtischen CVP und frühere Kantonsrätin ihre Kandidatur kurz nach dem Hearing mit der Findungskommission zurückgezogen. Auf Anfrage sagt Gmür, sie sehe ihren Platz als Politikerin «eher auf der nationalen Ebene», und die städtische CVP liege ihr halt «schon sehr am Herzen». Ausserdem wäre die zeitliche Belastung – das Präsidium der Kantonalpartei entspricht einem 30- bis 40-Prozent-Job – «sehr hoch gewesen». Sie sei vor dem Gang zum Hearing denn auch «hin- und hergerissen gewesen, ob ich das Amt wirklich will». Auf die Frage, ob sie am Hearing von Mitgliedern der Findungskommission besonders forsch angegangen worden sei, sagt Gmür: «Nein, ich habe mich entschieden, ohne von jemandem unter Druck gesetzt worden zu sein.»

Gmür: Bereits Nachfolge bei CVP der Stadt vorbereitet

Mit dieser Darstellung packt Gmür ihren Rückzieher in Watte, wie die folgenden Fakten zeigen.

  • Die frühere Kantilehrerin konnte sich das Präsidium der kantonalen CVP sehr wohl und sehr gut vorstellen. Mit Letizia ­Ineichen, der Vizepräsidentin der städtischen CVP, hat sie sich nämlich bereits über ihre Nachfolge unterhalten. Ineichen bestätigt dies: «Ja, Andrea Gmür und ich haben über das Präsidium der städtischen CVP in einem offenen Austausch gesprochen.»
  • Die zeitliche Belastung als CVP-Präsidentin war der Hobbysportlerin bestens bekannt. Nicht nur deshalb, weil der Aufwand für diesen Posten laufend in den Medien genannt wird, sondern auch darum, weil der Faktor Zeit in einem Gespräch, das vor dem Hearing geführt wurde, ausführlich thematisiert wurde. Ausserdem lassen sich das Nationalratsmandat und das Amt des Parteichefs zeitlich gut kombinieren. FDP-Präsident Peter Schilliger schaffte das genauso wie Ruedi Lustenberger, der zwischen 2001 und 2005 sowohl Nationalrat als auch CVP-Präsident war. Aktuell nimmt Franz Grüter bei der SVP diese Doppelrolle ein.
  • Andrea Gmür wurde im Hearing unter Druck gesetzt – vorab von Guido Graf, der Gmür überdeutlich auf die hohe Belastung hingewiesen hat. Das bestätigen zwei voneinander unabhängige Quellen.

Guido Graf könnte 2019 Ida Glanzmann beerben

Guido Graf will sich zu den Fragen, die er Andrea Gmür im Hearing gestellt hat, nicht äussern. Auch nicht dazu, ob ihm der Rückzug von Gmür gelegen gekommen sei. Die Findungskommission habe zu Beginn ihrer ­Tätigkeit festgelegt, dass nach aussen ausschliesslich Franz ­Wüest kommuniziere. An diesen Beschluss halte er sich. Klar ist: Guido Graf schielt nach einem Amt in Bundesbern, wie laufend kolportiert wird – und wie die Vergangenheit zeigt.

2007 kandidierte der damalige Chef der Kantonsratsfraktion für den Nationalrat, landete aber nur auf dem sechsten Platz jener CVP-Liste, auf der Ruedi Lustenberger und Ida Glanzmann gewählt wurden. Diese Niederlage habe er lange nicht richtig verdaut, sagt ein damaliger Mitbewerber, der Graf gut kennt. 2019 könnte der heute 58-jährige Gesundheits- und Sozialdirektor bereit sein für einen zweiten Anlauf: Es wird davon ausgegangen, dass Ida Glanzmann auf eine weitere Kandidatur verzichtet, Leo Müller und Andrea Gmür hingegen erneut antreten. Und da käme es Graf wohl ungelegen, wenn die parteiinterne Konkurrentin Andrea Gmür mit der Wahl zur Parteipräsidentin noch mehr Publicity erhielte, als sie die in sozialen Medien besonders präsente Politikerin jetzt schon hat. Um die Wahl in den Nationalrat sicher zu schaffen, müsste Graf nämlich auf dem ersten oder zweiten Platz landen, weil das dritte Mandat der CVP stark wackelt: Es konnte 2015 nur dank einer Listenverbindung mit der EVP verteidigt werden.

Während Guido Graf schweigt, sagt Franz Wüest nach kurzem Zögern, er habe die von Graf gestellten Fragen «nicht als bedrängend empfunden». Er habe aber den Eindruck erhalten, Gmür sei im Gegensatz zu Ineichen nie restlos überzeugt gewesen, das Amt wirklich zu wollen. Auf die entsprechende Frage sagt er, Gmür hätte das Profil als ­Präsidentin «selbstverständlich ebenso gut erfüllt wie Ineichen».

Welche Gründe haben Andrea Gmür also zum Verzicht auf das Parteipräsidium bewogen? War es etwa auch die Angst vor einer Niederlage? Gmür hat sich wie die grosse Mehrheit der 21 anderen Kandidaten keine Ausmarchung an der Delegiertenversammlung gewünscht. Die Findungskommission hätte sich also für Ineichen oder für Gmür entscheiden müssen. Und trotz besserer Qualifikationen wäre ein Sieg der Städterin Gmür über den Entlebucher Ineichen in einer Abstimmung in der Kommission alles andere als sicher gewesen – im Gegensatz zu einer Kampfwahl vor den Delegierten.


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