Hier gackern die meisten Hennen

LANDWIRTSCHAFT ⋅ In keiner Luzerner Gemeinde gibt es so viele Hühner wie in Altbüron, zumindest gemessen an der Einwohnerzahl. Der grösste Hühnerstall steht allerdings in einer anderen Gemeinde.
11. April 2017, 00:00

Niels Jost

niels.jost@luzernerzeitung.ch

«In deinem Dorf gibt es doch mehr Kühe als Einwohner!» Wer auf dem Land lebt, musste diesen Spruch wohl schon das eine oder andere Mal über sich ergehen lassen. Im Wissen natürlich, dass der Seitenhieb in den meisten Fällen nicht der Wahrheit entspricht. Wenn man aber – zum Beispiel vor Ostern – anstelle von Kühen von Hühnern spricht, dann trifft die Aussage auf so manche Gemeinde im Kanton Luzern zu (siehe Grafik). Allen voran auf Altbüron. Denn in der kleinen Gemeinde im Luzerner Hinterland leben pro Einwohner gut 26 Hühner – das ist Rekord. Keine andere Gemeinde weist einen solch hohen Hühneranteil auf, wie unsere Zeitung anhand der Zahlen von Lustat Statistik errechnet hat.

Natürlich ist dieser «Rekord» nur ein relativer und vor allem der kleinen Einwohnerzahl der Gemeinde geschuldet. Trotzdem: Für Gemeindepräsident ­Valentin Kreienbühl ist dies eine über­raschende Nachricht. «Das hätte ich nicht erwartet», sagt er und sucht gleich selber nach einer Erklärung: «Auch unsere Landwirte sind innovativ. Mit der Hühnerhaltung haben sie sicherlich ­einen wichtigen Wirtschaftszweig, auf den sie zählen können.»

Ein Stall mit 12500 Hühnern

Wer die knapp 26000 Hühner im 980 Einwohner zählenden Altbüron hält, das weiss Valentin Kreienbühl dagegen mit Sicherheit: In der Gemeinde gebe es insbesondere zwei Bauern, welche sich auf die Hühnerhaltung spezialisiert haben. Einer von ihnen ist André Bösiger. Noch vor wenigen Tagen gackerten bei ihm rund 12500 Hühner im Stall. Jetzt ist es aber ruhig in der Halle – weil Bösiger alle Masthühner vor wenigen Tagen in die Metzgerei gegeben hat. «Am Ostermontag kommen aber bereits die nächsten Küken. 17840, um genau zu sein», sagt Bösiger.

Während es in Altbüron also unter anderem dank André Bösigers Hof ­anteilsmässig am meisten Hühner hat, gackert es wiederum in Sursee gar nicht. Das Städtli weist in den Statistiken von Lustat kein einziges Huhn aus. Zwar ist Sursee tatsächlich nicht primär für seine flächendeckende Landwirtschaft bekannt. Doch auch hier muss erwähnt sein, dass mit Sicherheit nicht jedes ­einzelne Huhn in der Statistik erfasst ist. Gut möglich also, dass das eine oder andere seine Eier auch auf Surseer ­Boden legt.

Viel mehr Eier stammen aber fraglos aus Dagmersellen. Dort führt Urs ­Steiner den wohl grössten Hühnerstall des Kantons. 18000 Legehennen und 40000 Küken für die eigene Aufzucht hält er in den zwei Hallen mit den auffallenden Solardächern, direkt neben der A2. «Wir produzieren rund 5,5 Millionen Eier im Jahr», sagt er bei unserem Besuch. Trotz seines Grossbetriebs gibt es aber Gemeinden, die noch mehr Hühner zählen als Dagmersellen mit rund 34500 gefiederten Tieren (was etwas über 6 pro Einwohner macht). Spitzenreiter ist Ruswil mit über 88500 Hühnern. Ohnehin ist das Rottal hühnermässig gut unterwegs, belegt doch Grosswangen mit seinen 75250 Hühnern Platz 3. Im ganzen Kanton gibt es rund 1300 Hühnerhalter mit 1,31 Millionen Tieren. Ob es sich hierbei um Legehennen oder um Tiere in Mastbetrieben handelt, ist in den Statistiken nicht aufgeschlüsselt.

Klar ist hingegen, dass Eier bei Herrn und Frau Schweizer beliebt sind. Laut dem Branchenverband Gallosuisse essen wir etwa 174 Eier pro Jahr, also rund 3 pro Woche. Während der Ostertage dürfte der durchschnittliche Konsum jeweils zunehmen. Zumindest verkaufen die beiden grössten Schweizer Grossverteiler an Ostern deutlich mehr Eier. «Die Nachfrage nach Ostereiern steigt bei der Migros Luzern in den fünf Wochen vor Ostern stetig an», sagt ­Mediensprecherin Antonia Reinhard und fügt an: «In der Osterwoche nimmt der Verkauf um über 50Prozent zu.» Um der Nachfrage nachzukommen, sei die gemeinsame Planung mit den Produzenten sehr wichtig, so Reinhard. Ähnliches ist auch von Coop zu hören: «Die Nachfrage nach Eiern liegt vor den Ostertagen rund 20Prozent über dem Durchschnitt», sagt deren Sprecher Ramón Gander auf Anfrage.

Dass die Nachfrage nach regionalen Eiern sowie Poulets stetig steigt, nimmt auch Stefan Heller wahr. Entsprechend wichtig sind die Tiere für die hiesigen Landwirte, sagt der Geschäftsführer des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes: «Hühner sind bedeutend für die Luzerner Landwirtschaft, sowohl Legehennen als auch die Pouletmast.» Als «typische Tierhalter» verfügen die ­Luzerner Bauern denn auch über die ­nötige Erfahrung, einen Hühnerbetrieb erfolgreich zu führen. Ein weiterer Faktor, wieso viele Luzerner Bauern auf Hühner setzen, sind die hier ansässigen Betriebe im vor- und nachgelagerten Bereich. So befinden sich mit der BellAG in Zell und der EiAG in Sursee gleich zwei der führenden Schweizer Firmen in der Poulet- und Eierverarbeitung ganz in der Nähe der hiesigen Bauern. Hinzu kommen Firmen, welche sich unter anderem auf den Bau von Landwirtschaftsmaschinen oder Hühnerställen spezialisiert ­haben, weiss Heller. Er ist denn auch wenig erstaunt, dass es in den Gemeinden Ruswil, Beromünster und Grosswangen zahlenmässig am meisten Hühner gibt. «In diesen Gemeinden gibt es allgemein viele Bauern und grosse landwirtschaftlich nutzbare Flächen.»

31 Prozent mehr Masthühner innert fünf Jahren

Diese guten Rahmenbedingungen beflügeln insbesondere die Masthaltung. 2015 zählte man in den Luzerner Ställen 31Prozent mehr Masthühner als noch fünf Jahre zuvor, nämlich rund 762500. Erstaunlich ist: Im gleichen Zeitraum ist die Anzahl Hühnerhalter zurückgegangen. Nicht weniger als 625 Betriebe ­haben diese Art der Tierhaltung aufgegeben. Sorgenfalten bereitet das Stefan Heller jedoch keineswegs. Im Gegenteil: «Der Rückgang ist auf die steigende Professionalisierung der Bauern zurückzuführen.» Jene Landwirte, die heut­zutage Hühner halten, täten das öfter im grösseren Stil. Wiederum gebe es immer weniger Landwirte, die nur über ein oder zwei Dutzend Hühner verfügen. Heller ist überzeugt, dass die Luzerner Bauern auch künftig auf diesen Betriebszweig setzen werden. Denn mit Hühnern verdiene man derzeit gutes Geld – zumindest im Vergleich zur Milchwirtschaft. Ausserdem steige die Nachfrage nach Schweizer Poulets und Schweizer Eiern stetig.


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