Im Rollstuhl auf den Berg – und jetzt auch unter die Dusche

PILATUS ⋅ Seit einem Monat können Rollstuhlfahrer im Hotel Kulm ohne Hindernisse übernachten. Ein betroffener Leser und die Pilatusbahnen machten damit möglich, was letzten Sommer noch unmöglich schien.
08. April 2017, 00:00

«Im Rollstuhl auf den Berg – aber nicht unter die Dusche»: Unter diesem Titel hat unsere Zeitung am 25. Juli 2016 über holprige Folgen einer grossen Renovation der Pilatus-Hotels berichtet. Für rund 30 Millionen Franken bauten die Pilatusbahnen die beiden Gipfelhotels Kulm und Bellevue sowie die Panoramagalerie um. Fertigstellung war im Sommer 2011. Seit 2009 schreibt eine Norm für hindernisfreie Bauten vor, dass bei Hotelumbauten mindestens ein Zimmer vollumfänglich rollstuhlgängig sein muss. Für die Pilatusbahnen war die Norm aber noch nicht verpflichtend, da das Baugesuch schon zuvor einge­geben wurde. Zudem erwarteten die Bahnen hohe Umbaukosten. Deshalb verzichteten sie auf rollstuhlgängige Zimmer.

Szenenwechsel: Es ist der 6. April 2017. Die Seilbahnen schweben durch den dicken Nebel. Touristen aus Asien steigen in der Bergstation aus der «Dragon Ride», einige steuern den Uhrenladen an, andere werfen sich auf der Terrasse in Selfie-Pose.

«Da kann man doch etwas machen»

Dann fährt Hugo Müller (54) aus der Seilbahn. Als einheimischer Rollstuhlfahrer fällt er auf. Er ist mit Matthias Kögl, Leiter Hotels und Gastronomie der Pilatus­bahnen, verabredet. Zusammen machen sie sich auf den Weg zum Hotel Pilatus Kulm. Unterwegs berichtet Hugo Müller, der auf dem Littauerberg in der Gemeinde Malters wohnt, was seit letztem Sommer passiert ist: «Ich habe den Artikel gelesen und dachte: Da kann man doch etwas machen.» Müller, seit einem Töff­unfall vor 27 Jahren im Rollstuhl, arbeitet bei der Nosag AG in Villmergen. Die Firma ist auf behindertengerechte Umbauten in Badezimmern spezialisiert.

Müller nahm Kontakt mit Godi Koch auf. Den Chef der Pilatusbahnen kennt er persönlich. «Dann schauten wir die Situation vor Ort an.» Als das 1890 erbaute Hotel Pilatus Kulm auftaucht, erzählt Kögl weiter: «Wir haben entschieden, zwei der dreissig Zimmer umzurüsten. Das hat eine Woche gedauert, hat aber einen Schreiner, einen Glaser und einen Sanitärinstallateur beschäftigt.» 16000 Franken liessen sich die Pilatusbahnen den freiwilligen Umbau kosten. Seit einem Monat sind die Zimmer 205 und 305 bezugsbereit. Mit dem Lift geht es hoch. Die identischen Zimmer sehen auf dem ersten Blick aus wie jedes andere.

Der Unterschied ist im Badezimmer zu erkennen. Hugo Müller fährt hinein, prüft, ob er die Tür hinter sich schliessen kann. Es passt. Dann fasst er an den Haltegriff bei der Toilette. Er ist stabil. Mit Schwung fährt er über eine kleine Rampe in die Dusche, wo sich ein spezieller Plastikstuhl und weitere Haltegriffe befinden. «Ich bin sehr zufrieden. Mehr war unter diesen Bedingungen nicht zu machen», sagt Müller.

Kögl nickt. Der Platz in diesem alten Haus ist beschränkt, die Wände für Haltegriffe sind zu dünn. «Deshalb wurden die Griffe im Boden verankert», sagt Kögl. «Wir haben das Maximum herausgeholt.» 80 bis 90 Prozent aller Rollstuhlfahrer können die Zimmer selbstständig benutzen, so Müller. Nur mit grossen Elek­trorollstühlen werde es schwierig.

Auf dem Rückweg zur Bergstation sagt Matthias Kögl, dass regelmässig Rollstuhlfahrer auf den Pilatus kommen. «Oft erkundigen sie sich, ob sie in die Zahnrad- oder Seilbahn passen.» Dies sei in den meisten Fällen kein Problem. Auch sonst sei die Infrastruktur auf dem Berg hindernisfrei. «Dass wir jetzt auch entsprechende Hotelzimmer anbieten können, freut uns.»

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@ luzernerzeitung.ch


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