Kurieren statt operieren

LUXUSPATIENTEN ⋅ Das Experiment Lucerne Health, das reiche Medizintouristen nach Luzern locken wollte, ist mehr oder weniger gescheitert. Die Touristiker ziehen trotzdem ein positives Fazit – und sehen mehr Potenzial bei Gesundheit und Wellness.
10. April 2017, 00:00

Urs-Ueli Schorno

ursueli.schorno@luzernerzeitung.ch

Nicht ohne Pomp wurde 2011 das Projekt Lucerne Health ins Leben gerufen. Luzern sollte weltweite Topadresse der Spitzenchirurgie werden. Etwas leiser, ja geradezu ungehört vollzog sich das Ende der Organisation im Mai 2016, wie das Regionaljournal Zentralschweiz kürzlich berichtete. Somit wurden nach fünf Jahren die aktiven Bemühungen um gut betuchte Kundschaft aus Russland, China oder Arabien eingestellt. Und damit auch das Ziel, aus einer Hand medizinische Rundumbetreuung für pro Jahr rund 300 reiche Patienten aus dem Ausland zu bieten: Reise nach Luzern, Aufenthalt im Luxushotel, Transfer zum Spital und medizinische Behandlung – alles massgeschneidert für die Bedürfnisse des Patienten (siehe Box).

Die Marke bleibt im Portfolio

Ist in Luzern der Medizintourismus – weltweit immerhin noch eines der am stärksten wachsenden Tourismus-Segmente – damit vom Tisch? Nicht ganz. Auch wenn die Organisationsstrukturen von Lucerne Health nun aufgelöst sind, bleibt die Marke bestehen. Sie wird von Luzern Tourismus weiter betreut. «Auf unseren Reisen und Workshops werden wir auf das Angebot aufmerksam machen», sagt der Luzerner Tourismusdirektor Marcel Perren. Allerdings würde es nicht mehr aktiv beworben.

Was bleibt, ist der Link zu den drei Spitälern, Luzerner Kantonsspital, Hirslanden-Klinik St.Anna und Cenereo-Klinik in Vitznau. Aufrechterhalten wird auch der Kontakt zu der ehemaligen Mitarbeiterin von Lucerne Health, die sich um die russischsprachigen Gäste kümmerte. Sie hat sich inzwischen selbstständig gemacht. «Lucerne Health war einen Versuch wert», bilanziert Marcel Perren, Luzerner Tourismusdirektor.

Grosse kulturelle und sprachliche Unterschiede

Zukünftig will Perren mehr Ressourcen in die Bereiche Wellness und Regeneration investieren – auch dies sind touristische Wachstumsmärkte, bei denen die Medizin eine Rolle spielen kann. «Hier sieht Luzern Tourismus ein spannendes Entwicklungspotenzial.» Beim Gesundheits- und Wellnesstourismus geht es etwa um die Therapie von chronischen Erkrankungen wie Asthma oder Rheuma sowie Regenerationstherapien. Oder einfach um Entspannung.

Perfekt in diese Beschreibung passt etwa Sonnmatt Luzern am Dietschiberg, das ein massgeschneidertes Angebot für Senioren anbietet. Es kombiniert Kurhotel, Residenz und medizinisches Angebot wie zum Beispiel Pflegeleistungen. Geboten werden gehobene Zimmer und Appartements tageweise oder auf Dauer. Seit vergangenem Oktober ist auch die Reha-Clinic AG angesiedelt, die Patienten im muskuloskelettalen und im neurologischen Bereich betreut. Zudem pflegt man auf Sonnmatt gute Beziehungen zur Klinik St.Anna, aber auch zum Luzerner Kantonsspital. «Unsere Gäste kommen aus der Deutschschweiz, Deutschland, aber auch aus der Westschweiz und dem Tessin», so Direktorin Annette Badillo. Das Gros stammt also aus dem Inland. «Bestrebungen, reiche arabische, chinesische oder russische Gäste anzuwerben, gibt es nicht», sagt sie und begründet: «Bei der ganzheitlichen medizinischen Betreuung ist es zentral, dass wir unsere Gäste genau verstehen.» Die sprachlichen und kulturellen Unterschiede zur Schweiz seien bei Gästen aus entfernteren Ländern zu gross.

Bürgenstock ergänzt das Angebot

Zudem wird auf der Seeseite vis-a-vis von Sonnmatt, auf dem Bürgenstock, in Zukunft unter anderem genau dieses Segment bedient. «Es scheint deshalb klug, wenn wir auch in Zukunft auf unsere Stammgäste setzen, die sich hier wohlfühlen.» Badillo sieht deshalb auch keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung. «Das kann die Cluster-Bildung in diesem Bereich noch verstärken.»

Mit Cluster ist gemeint, dass die Region sich als Anbieterin verschiedener gehobener medizinischer und gesundheitlicher Dienstleistungen etablieren kann. Dabei sollen schliesslich alle Anbieter, ob Spital, Seniorenresidenz für einheimische oder Resort für ausländische Gäste, voneinander profitieren können. Und das war immerhin mit ein erklärtes Ziel, das mit Lucerne Health verfolgt wurde – auch wenn die Chirurgie dabei in Zukunft wohl eher eine untergeordnete Rolle spielen dürfte.


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