Luzern verzichtet auf eine Kampagne

ARBEITSLOSIGKEIT ⋅ Die Zahl von älteren Stellensuchenden nimmt seit Jahren zu. Verschiedene Kantone versuchen mit Kampagnen auf das Problem aufmerksam zu machen. In Luzern setzt man andere Prioritäten.

11. Oktober 2016, 00:00

Noah Knüsel

noah.knuesel@luzernerzeitung.ch

Wenn über 50-jährige Arbeitnehmer entlassen werden, haben sie meist grosse Schwierigkeiten, wieder eine Stelle zu finden. Zu teuer, zu alt, zu unflexibel, heisst es. Mit der demografischen Entwicklung verschärft sich das Problem zusätzlich. Der Anteil von über 50-Jährigen am Total der Arbeitslosen ist zwischen 2006 und 2015 um rund 3 Prozent gestiegen. Das teilt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit. Dieser Trend zeigt sich auch in der Zentralschweiz (siehe unten). Im Kanton Luzern beispielsweise ist heute rund ein Viertel der Arbeitslosen über 50 Jahre alt.

Verschiedene Kantone fahren teilweise seit Jahren öffentlichkeitswirksame Kampagnen, um sich für die Anliegen älterer Arbeitnehmer starkzumachen. Auch der Kanton Zug hat vor kurzem unter dem Titel «Alter hat Potenzial» eine solche Aktion gestartet. Sie kostet rund 250 000 Franken, davon stammen 190 000 Franken aus dem Lotteriefonds des Kantons und 60000 Franken vom Bund. Laut Bernhard Neidhart, Leiter des Zuger Amtes für Wirtschaft und Arbeit, geht es dabei um die Sensibilisierung der gesamten Gesellschaft: «Denn wenn in den Köpfen der breiten Masse verankert bleibt ‹Alter gleich altes Eisen›, dann nützen arbeitsmarktliche Massnahmen wie Kurse und Ausbildungspraktika auch nicht viel.»

Luzern: «Solche Kampagnen bringen nichts»

Heidi Joos, Geschäftsführerin des Vereins «50plus outIn work» in Luzern, wünscht sich ähnliche Sensibilisierungskampagnen wie in Zug oder im Aargau auch im Kanton Luzern: «Doch von der Dienststelle für Wirtschaft und Arbeit kam postwendend die Absage mit der Begründung, dass solche Kampagnen nichts bringen.» Die Praxis zeige jedoch etwas anderes. Aktionen wie jene in den Nachbarkantonen lösten jeweils ein grosses Medienecho aus, und mit jedem Artikel, der erscheine, würden die Arbeitgeber hellhöriger bei diesem Thema. Die Haltung gegenüber älteren Arbeit­suchenden ändere sich nicht von alleine.

Kurt Simon, Bereichsleiter Arbeitsmarkt der Luzerner Dienststelle für Wirtschaft und Arbeit (Wira), hält von solchen «PR-Kampagnen» nicht viel: «Wir investieren unsere Finanzen lieber in konkrete Massnahmen, welche die betroffenen Stellensuchenden direkt unterstützen.» Man wolle möglichst individuell arbeiten, etwa mit Einzelcoachings oder Mentoren. Auch gibt es unter bestimmten Vor­aussetzungen sogenannte Einarbeitungszuschüsse für Firmen, die einen Jobsuchenden anstellen. Zum Beispiel, wenn jemand branchenfremd ist und dar­um länger eingearbeitet werden muss.

Felix Howald, Direktor der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz, findet Kampagnen wie in Zug oder im Aargau grundsätzlich keine schlechte Sache: «Wir unterstützen solche Bemühungen, solange die Arbeitgeber auf freiwilliger Basis für das Problem sensibilisiert werden.» Gesetzliche Vorgaben wie zum Beispiel ein Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer lehnt er jedoch ab. Im Unterschied zu Heidi Joos vom Verein «50plus outIn work» sieht Howald nicht in erster Linie den Kanton, sondern die Arbeitgeber in der Pflicht. Diese seien sich aber zunehmend des Problems bewusst. Gerade im Bereich Prävention passiere derzeit viel. Manche Firmen würden mit gezielten Massnahmen auf die Bedürfnisse der älteren Arbeitnehmer eingehen. Als Beispiel nennt er die B. Braun Medical AG mit Sitz in Sempach. Sie erlaubt über 50-jährigen Mitarbeitern, ihr Pensum flexibler zu gestalten. Dies, indem vorgängig beispielsweise Mehrstunden oder Leistungsprämien auf ein sogenanntes Flex-Time-Konto eingezahlt und in den folgenden Jahren in Form von arbeitsfreier Zeit abgebaut werden. Aber auch die Arbeitnehmer müssten ein neues Bewusstsein entwickeln, so Howald: «Das Salär beispielsweise kann im Laufe eines Arbeitslebens nicht stetig steigen, sondern wird irgendwann stagnieren oder sogar sinken.» Dies, weil der Arbeitnehmer nicht mehr so viel Verantwortung übernehmen könne und weniger leistungsfähig sei als früher.

Heidi Joos kritisiert die Wira noch in weiteren Punkten. Auf die erwähnten Einarbeitungszuschüsse etwa ist sie gar nicht gut zu sprechen: «Diese haben etwas Diskriminierendes, denn sie suggerieren, dass ältere Jobsuchende nicht mehr auf der Höhe sind. Das ist aber die Ausnahme.» Ohnehin habe sie immer wieder erlebt, dass das regionale Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) diese Zuschüsse zu verweigern versuchte.

Weiterbildung statt Beschäftigungsprogramme

Weiter fordert Joos: «Die Arbeitsmarktbehörde und das RAV müssen gegenüber den Arbeitgebern aktiver auftreten und ihr Kerngeschäft der Vermittlung auch tatsächlich wahrnehmen.» Ausserdem müssten die Massnahmen wieder vermehrt auf aktuelle Marktbedürfnisse ausgerichtet werden. Anstatt Beschäftigungsprogramme solle man beispielsweise anerkannte Weiterbildungszertifikate schaffen.

Diese Forderungen stossen bei Kurt Simon auf taube Ohren. Alle RAV-Berater unterhielten seit Jahren persönliche Kontakte zu Luzerner Unternehmen: «Dabei sensibilisieren sie die Personalverantwortlichen nicht nur für die Problematik älterer Stellensuchender, sie versuchen auch, diese direkt vor Ort zu vermitteln.» Die arbeitsmarktlichen Massnahmen entsprächen zudem durchwegs aktuellen Bedürfnissen.

Hinweis

Weitere Informationen:

www.alter-hat-potenzial.ch


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