Nach Eklat: Pflegeheim in Horw sucht jetzt Heimärzte

HORW ⋅ Die Medikamentenabgabe im Horwer Pflege- und Altersheim Kirchfeld hatte bei den Hausärzten für Unmut gesorgt. Nun haben sich die Gemeinde und das Heim für ein neues System entschieden – auch dieses passt nicht allen.

19. Oktober 2016, 00:00

Der Eklat um das Horwer Pflegeheim Kirchfeld hat ein Ende – ohne dass die betroffenen Hausärzte mit der gefundenen Lösung zufrieden wären, wie unsere Zeitung weiss.

Rückblick: Die Horwer Hausärzte haben die Zusammenarbeit mit dem Kirchfeld per Ende August gekündigt. Grund: Die Hausärzte sind mit dem 2013 eingeführten Medikamentenabgabesystem Medifilm unzufrieden. Medifilm stellt Medikamente für jeden Patienten zusammen, verpackt und beschriftet diese und liefert sie dem Heim. Vor 2013 haben die Horwer Hausärzte die Medikamente direkt an die Bewohner abgegeben respektive durch das Personal verteilen lassen. Die Abgabe von Medikamenten ist für die Ärzte ein Bestandteil des Einkommens.

Nach dem Eklat über die Medikamentenvergabe haben zwischen der Gemeinde, dem Alters- und Pflegeheim Kirchfeld und den acht Horwer Ärzten Gespräche stattgefunden (Ausgabe vom 10. September 2016). Ziel war es, eine «ergebnisoffene Lösung» zu finden, wie Oskar Mathis, Horwer Gemeinderat, sagt.

Neu: Ärzte werden pauschal entschädigt

Das Ergebnis: Die Gemeinde und das Heim haben entschieden, das Heimarztmodell mit Vollpauschale einzuführen. Will heissen: Das Heim wählt für die rund 160 Bewohner drei bis vier Ärzte aus, die neben ihrer Praxis noch für je eine Abteilung im Heim zuständig sind. Der Hauptunterschied zum Belegarztmodell liegt darin, dass die Heimärzte pauschal entschädigt werden und nicht mehr über Tarmed abrechnen.

Fakt ist: Mit dieser vermeintlichen Einigung sind vor allem die Hausärzte nicht zufrieden. Jürg Burgherr, einer der acht Horwer Hausärzte, sagt: «Wir wollten lediglich, dass die Gemeinde nebst Medifilm noch andere Verteilsysteme prüft.» Die meisten Heime in der Region würden die Medikamentenverteilung anders organisieren, sagt er. Ausserdem fordert er den Einbezug der Ärzte bei der Entscheidungsfindung, welche die ärztliche Versorgung des Kirchfelds betrifft. «Leider bleibt unsere Kritik meist unerhört.»

L20-Gemeinderat Oskar Mathis hingegen findet, dass die Horwer Hausärzte sich wenig kompromissbereit zeigten und vorwiegend zum Ziel hatten, Medifilm abzuschaffen. «Sie wollen wieder zurück zur Selbstdispensation wechseln.» Der Systemwechsel war damals ein Einwohnerratsentscheid. Diesen rückgängig zu machen, erfordere zuerst einen Bericht und Antrag an das Parlament, so Mathis. Weiter fügt der Gemeinderat an, dass er nicht ganz nachvollziehen könne, warum sich die Ärzte erst drei Jahre nach der Einführung dieses Systems beschweren.

Sabine Schultze, Leiterin des Kirchfelds, sagt zum neuen Heimarztmodell: «Dieses hat sich in anderen Heimen bewährt und ist in unserem Fall eine pragmatische Lösung.» Welche finanziellen Auswirkungen der Wechsel für das Heim hat, bleibt vorerst noch offen. Mathis hält jedoch fest, dass der Aufwand für den Betrieb aufgrund der pauschalen Bezahlung geringer sein wird.

Die Arztwahl wird eingeschränkt

Mathis und Schultze würden es begrüssen, wenn sich auch Horwer Ärzte auf die Stellen melden. Für Burgherr ist aber klar: «Das ist sehr unwahrscheinlich, da die wesentlichen Punkte nicht verbessert wurden.» Auch für Aldo Kramis, Präsident der Luzerner Ärztegesellschaft, ist das Heimarztmodell unbefriedigend. «Wir bedauern diesen Entscheid sehr.» Er erklärt, dass derzeit eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Kantonsapotheker Stephan Luterbacher das Thema Medikamentenabgabe in Heimen bearbeite. «Schade, hat man in Horw vor der Projektauswertung eine Lösung präsentiert – ich denke, der Entscheid ist etwas vorschnell gefallen.» Weiter erklärt er, dass das Belegarztsystem mit freier Arztwahl das favorisierte Modell der Ärztegesellschaft ist. «Nur damit ist die langjährige Beziehung zwischen Hausärzten und Patienten gewährleistet.»

Sabine Schultze und Oskar Mathis bestätigen, dass individuelle Lösungen schwieriger werden. Doch die freie Arztwahl sei auch vorher nicht ausschliesslich gewährleistet gewesen. Schultze: «Mit dem Heimarztmodell wird die Arztwahl eingeschränkter sein.» Die Betagten und deren Angehörige wurden dieser Tage informiert. Wie haben sie auf die Neuerung reagiert? Mathis: «Ganz unterschiedlich. Die einen begrüssen dieses neue Modell, andere sind eher skeptisch.»

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

«Das Heimarzt­modell ist eine pragmatische Lösung.»

Sabine Schultze

Leiterin Kirchfeld


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