Nun stellt sich die Frage der Verantwortung

ST. URBAN ⋅ Der Vorfall in der Luzerner Psychiatrie, bei dem ein Patient seinen Zimmergenossen erschlagen hat, schockiert. Die Strafuntersuchung dürfte sich nicht nur auf den Patienten beschränken.
19. April 2017, 00:00

Martina Odermatt

martina.odermatt@luzernerzeitung.ch

«Zurzeit steht bei uns die Betreuung der Angehörigen, Mitpatienten und Mitarbeitenden im Vordergrund. Gleichzeitig ist die Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft Sursee im Gang», beschreibt Julius Kurmann, Chefarzt stationäre Dienste der Luzerner Psychiatrie (Lups), auf Anfrage die aktuelle Situation. Resultate dieser Untersuchung lägen noch keine vor, aber die Luzerner Psychiatrie sichere ihre volle Unterstützung zu. Kurmann klingt erschöpft. Seit Karfreitag steht er im öffentlichen Fokus, nachdem ein 33-jähriger Kosovare in der psychiatrischen Klinik in St. Urban seinen 85-jährigen ­Zimmergenossen erschlagen hat (Ausgaben vom 15. und 16. April).

Der Patient traf am Donnerstagabend freiwillig in der Klinik ein, gab den Mitarbeitern Auskunft. Seine Biografie und sein Zustand liessen nicht auf gewaltbereites Verhalten schliessen. Entsprechend überraschend sei der Angriff gekommen, erklärte Kurmann letzte Woche gegenüber unserer Zeitung.

Auch Klinik könnte belangt werden

Welche Strafe dem Mann droht, ist offen. Klar ist: Bei der Tat handelt es sich um ein Offizialdelikt. Zuerst muss geklärt werden, ob der Patient überhaupt schuldfähig ist. Allein die Tatsache, dass er in einer psychiatrischen Klinik weilte, macht ihn allerdings nicht automatisch schuldunfähig. «Im Strafverfahren wird durch Gutachten von verschiedenen Fachpersonen geklärt, ob der Täter erkennen konnte, dass das, was er macht, falsch ist», erklärt ein unserer Zeitung bekannter Rechtsanwalt. Fragen wie jene, ob man dem Täter die Tat vorwerfen könne oder ob eine Rückfallgefahr bestehe, seien zentral in der Untersuchung dieses Delikts. Auch ob die Klinik allenfalls für den Vorfall belangt werden kann, sei zu klären. «Es ist denkbar, dass die Klinik oder einzelne Personen allenfalls in die Verantwortung genommen werden, wenn man ihnen einen strafrechtlichen Vorwurf machen kann», so der Jurist.

Julius Kurmann äussert sich nicht zur Untersuchung und verweist auf das laufende Verfahren. Doch der Chefarzt stationäre Dienste erläutert das grundsätzliche Vorgehen beim Eintritt von Patienten: Es gebe ein Gespräch mit jedem neuen Patienten, dann werde die Krankengeschichte aufgenommen. Nach einer Einschätzung des psychologischen respektive psychiatrischen Zustandes, erkundige sich die Klinik bei den Angehörigen bezüglich des Verhaltens des Patienten. Zusätzlich stünden auch spezielle Untersuchungs- und Einschätzungsinstrumente zur Verfügung. «Aufgrund dieser Einschätzung machen wir uns ein erstes Bild und stellen eine vorläufige Diagnose.» Der Zustand des Patienten sei jedoch abhängig vom Kontext, betont Kurmann. Das Zustandsbild kann sich je nach Kontext und Beziehungsperson verändern. Sieht die Klinik im Patienten ein grosses Gefährdungspotenzial, sei es für den Patienten selbst oder auch für andere Personen, werde der Patient in ein Einbett- respektive Intensivzimmer eingeteilt. «Die Patienten werden von uns durch regelmässige Kontakte ‹überwacht›. In der ersten Nacht vereinbart die Nachtwache mit dem Patienten einen genauen Zeitplan, wie oft dieser kontrolliert wird.»

Auch andere Kliniken haben Doppelzimmer

Dem Kosovaren wurde nach dessen Eintritt ein Bett in einem Doppelzimmer zugeteilt. Diese Praxis ist nicht unüblich, wie sich zeigt. Bei den Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel beispielsweise werden Allgemeinversicherte in der Regel in Doppelzimmern untergebracht. «Generell erfolgt in den UPK Basel die Zuteilung der Patientinnen und Patienten auf die verschiedenen Abteilungen nach Diagnose», heisst es auf Anfrage. «Je nach klinischem Zustand des Patienten sowie verfügbaren räumlichen Ressourcen zum Eintrittszeitpunkt wird entschieden, ob der Patient in einem Doppelzimmer oder einem Einzelzimmer untergebracht wird.» Bei der Überwachung der Patienten orientieren sich die Basler generell am klinischen Zustandsbild. «Je akuter dieses ist, desto intensiver die Überwachung des Patienten.»

In St. Urban wurden erste Massnahmen getroffen. Laut Julius Kurmann klärt die Klinik, ob jene Personen, die während des Vorfalls gearbeitet haben, noch arbeitsfähig sind. Ausserdem wurden übers Wochenende keine neuen Patienten aufgenommen, und das Sicherheitspersonal wurde um eine Person aufgestockt. Weitere Schritte treffe das Lups nach einer genauen Analyse.


Leserkommentare

Anzeige: