Opfer einer Gewalttat erhält keine Genugtuung

BEZIRKSGERICHT ⋅ Nicole Dill wurde von ihrem Exfreund mit einer Armbrust fast getötet. Weil die Behörden ihr zuvor verschwiegen hatten, dass der Mann ein verurteilter Mörder ist, verklagte sie den Kanton. Vorerst erfolglos.

18. November 2016, 00:00

Ein langer Leidensweg liegt hinter Nicole Dill Hartmann. Die heute 47-jährige Frau wurde 2007 von ihrem damaligen Freund vergewaltigt und stundenlang gefoltert. Danach sollte sie wohl sterben. Ihr Peiniger schoss dreimal mit einer Armbrust auf sie und verletzte sie lebensgefährlich. Ihr Schicksal hat Dill unter anderem in einem Buch publik gemacht.

Dass sie überhaupt in diese Situation geraten konnte, ist laut Nicole Dill auch auf mehrere Sorgfaltspflichtverletzungen der Behörden zurückzuführen. Sie verklagte deswegen den Kanton Luzern und forderte eine Genugtuung von 105 000 Franken. Unter anderem hätte sie von Behördenmitgliedern über das Vorleben ihres damaligen Partners informiert werden müssen. In erster Instanz wies das Bezirksgericht Luzern nun die Klage ab, wie gestern mitgeteilt wurde.

Verurteilt wegen eines Tötungsdelikts

Nicole Dill hatte dem Mann in einer E-Mail mitgeteilt, dass sie sich von ihm trennen wolle. Sie wusste damals nicht, dass dieser ein verurteilter Mörder ist. 1993 war er zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt worden. Dies, weil er zuvor eine Nachbarin vergewaltigt und danach erdrosselt hatte.

Noch vor der Liaison mit Nicole Dill lernte der Mann 2006 eine andere Frau kennen. Bald erstattet diese Strafanzeige gegen ihn. Unter anderem, weil er sie per SMS terrorisierte, ständig kontrollierte und massiv einengte. Das hatte offenbar System. Dills Verteidiger führte am 31. August bei der Verhandlung am Bezirksgericht Luzern aus, dass der Mann seine Partnerinnen jeweils derart einengte, dass diese sich von ihm trennten. Dabei habe jedes Mal die Polizei eingeschaltet werden müssen, «weil der Mann für seine jeweiligen Partnerinnen gefährlich wurde», betonte er.

In der Beziehung mit Nicole Dill zeichneten sich schnell dieselben Muster ab. Dill wurde auf Schritt und Tritt kontrolliert und eingeengt. Der Mann war krankhaft eifersüchtig. Gegen Ende August 2007 rief Nicole Dill den Hausarzt ihres Freundes an und fragte ihn um Rat. Der Arzt verschwieg ihr aufgrund des Arztgeheimnisses das Vorleben seines Patienten und wandte sich mit Dills Einverständnis an die Polizei. In der Folge meldete sich ein Polizist bei Nicole Dill und riet ihr, sich nicht mehr mit dem Mann zu treffen und sich von ihm zu trennen. Aus Datenschutzgründen informierte er sie aber nicht über die Details der früheren Delikte, auch nicht über den Mord. Wenig später teilte Nicole Dill ihrem Partner per E-Mail mit, dass sie sich von ihm trennen werde.

Schwebte von Beginn weg in Lebensgefahr

Dill ist der Ansicht, dass die Behörden sie vor dem Mann – insbesondere vor den möglichen Folgen einer Trennung – hätten warnen müssen. Ihr Anwalt führte in seinem Plädoyer aus, dass seine Mandantin vom Zeitpunkt des ersten Treffens an in Lebensgefahr geschwebt sei.

Das Bezirksgericht wies die Klage ab. Nicole Dill habe in Bezug auf die Einschätzung der Gefährlichkeit des Täters grundsätzlich die gleiche Kenntnis gehabt wie die Polizei. «Sie wusste einzig nicht, dass der Täter in der Vergangenheit bereits einmal wegen Mordes verurteilt worden war.» Laut Dills Verteidiger wird der Fall weiter gezogen.

Roger Rüegger

roger.rueegger@luzernerzeitung.ch


Login


 

Leserkommentare

Anzeige: