Wieder hat Luzern das Nachsehen

SBB ⋅ Die Pendlerstrecke Luzern–Zug–Zürich ist überlastet. Längere Züge sollen Abhilfe schaffen. Doch die SBB lassen die Zentralschweiz hängen – und setzen die neuen Modelle vorerst in anderen Regionen ein.
20. April 2017, 00:00

Christian Glaus

christian.glaus@luzernerzeitung.ch

Das sind schlechte Nachrichten für Pendler: Bis die Kapazitäten auf der überlasteten Strecke Luzern–Zug–Zürich ausgebaut werden, wird es noch rund fünf Jahre dauern. Das bestätigen die SBB gegenüber unserer Zeitung.

Bekanntlich werden die SBB in diesem Jahr die neuen Doppelstockzüge mit dem Namen Twindexx von Bombardier für den Fernverkehr übernehmen – mit drei Jahren Verspätung. Sie sind bis zu 400 Meter lang und bieten gegenüber den heutigen Doppelstöckern des Typs IC 2000 etwa 28 Prozent mehr Sitzplätze (siehe Box). 1346 Personen können in einem Twindexx sitzen. Die Züge sollen vor allem auf der Ost-West-Achse zu einer Entlastung beitragen.

Doch sie sollen auch in die Zentralschweiz fahren. Die Kantone Zug und Luzern gingen bisher davon aus, dass die 400-Meter-Züge ab Fahrplanwechsel im Dezember 2019 auf dieser Strecke verkehren. Das schrieb der Zuger Regierungsrat noch im letzten Dezember – nach Rücksprache mit den SBB, wie die Verantwortlichen betonen – in der Antwort auf einen kantonsrätlichen Vorstoss. Auch der Luzerner Regierungsrat Robert Küng (FDP) erwähnte gegenüber unserer Zeitung mehrfach, dass die längeren Züge ab 2019 eingesetzt werden.

Kantone wurden nicht informiert

Doch die SBB haben ihre Pläne inzwischen wieder geändert. Gemäss heutigem Planungsstand dürfte der Twindexx erst zwei Jahre später, also ab Dezember 2021 in die Zentralschweiz fahren. Die Kantone wurden darüber nicht informiert. Sie reagierten entsprechend enttäuscht, als sie durch unsere Zeitung von den Verzögerungen erfuhren. Beim Zuger Amt für öffentlichen Verkehr will man die Enttäuschung allerdings nicht öffentlich kundtun. Anders in Luzern: «Wir bedauern, dass die Reisenden voraussichtlich zwei Jahre länger auf das neue Rollmaterial warten müssen – zumal die Linie Luzern–Zug–Zürich die meistfrequentierte Linie in der Zentralschweiz ist.» Dies erklärt Thomas Buchmann, Departementssekretär des Bau-, Umwelt- und Wirtschaftsdepartements, auf Anfrage. Die Möglichkeiten, dies zu ändern, sind jedoch gering. Buchmann: «Der Fernverkehr ist eigenfinanziert und somit weitgehend autonom beim Einsatz von Rollmaterial.»

Seit Jahren schon stehen die neuen Doppelstockzüge von Bombardier in den Schlagzeilen. Dies vor allem, weil sich deren Auslieferung um drei Jahre verzögert. Einerseits hatte die Firma Bombardier Probleme beim Bau, andererseits mussten sie behindertentauglich gemacht werden. Diese Verzögerung sei aber nicht der Grund, weshalb die Zentralschweiz länger auf die 400-Meter-Züge warten müsse, sagt SBB-Mediensprecher Reto Schärli.

«Das ist eine berechtigte Klage»

Ähnlich wie bei den Neigezügen ist beim Twindexx der Antrieb unter den Wagen verteilt. Der Doppelstöcker muss also nicht mehr von einer Lok gezogen werden. Durch diese verbesserte Technik kann er schneller beschleunigen. «Aufgrund der Fahrplanstabilität sind wir nach heutigem Planungsstand auf anderen Strecken ausserhalb der Zentralschweiz dringender auf diese Eigenschaft angewiesen», sagt Schärli. Heisst also: Eine andere Region wird bevorzugt, die Zentralschweiz muss hinten anstehen. Reto Schärli betont dabei, dass die Planung noch nicht abgeschlossen sei. Es könne sein, dass die Züge womöglich früher nach Luzern fahren. Es könnte auch noch länger dauern; das sei, so Reto Schärli, aber «unwahrscheinlich».

Vor allem aus Luzerner Sicht löst dies ein Déja-vu aus: Per Fahrplanwechsel im letzten Dezember wurde die frühmorgendliche Direktverbindung ins Tessin von den SBB gestrichen – zu Gunsten der Zürcher. Der erste Direktzug fährt nun in Luzern um 10.18 Uhr ab. Die SBB begründeten dies mit den niedrigen Frequenzen. Selbst Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) konnte diese Verschlechterung nicht nachvollziehen. Zum Widerstand aus Luzern sagte sie kurz vor Weihnachten im Ständerat: «Das ist eine berechtigte Klage.» Auch der Direktor des Bundesamts für Verkehr, Peter Füglistaler, sagte am 27. Januar gegenüber unserer Zeitung: «In der Tat finden auch wir die Einbindung von Luzern nicht optimal.»

Die SBB haben inzwischen auf den Druck aus Luzern und Bern reagiert. Sie arbeiten daran, wieder eine Frühverbindung von Luzern ins Tessin zu ermöglichen. Das zumindest sind die Signale aus der Chefetage. Ob die SBB das Versprechen auch einlösen können, wird sich erst zeigen, wenn der Fahrplanentwurf vorliegt.


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