Als das Einkaufen revolutioniert wurde

SHOPPINGCENTER ⋅ Die neue Mall of Switzerland bleibt von Kritik und Skepsis nicht verschont. Ganz anders war das vor genau 50 Jahren: Damals öffnete mit dem Luzerner Schönbühl das erste Einkaufszentrum der Schweiz seine Türen. Der Jubel war riesig.
06. November 2017, 00:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Es ist 1967. Der Vietnamkrieg tobt, die Rolling Stones spielen zum ersten Mal in Zürich, Che Guevara wird erschossen. In Luzern eröffnet derweil am 16. November das Einkaufszentrum Schönbühl. Das «Vaterland» feiert diese «Pioniertat, die vorläufig in der Schweiz noch ihresgleichen sucht», euphorisch – so wie die restliche Luzerner Presse. Wo vor zwei Jahrzehnten noch Frösche quakten, lockte nun das «Haus der unbeschränkten Möglichkeiten» («Vaterland»), das «Paradies für Einkäufer» (LNN), ein «Zauberland» («Luzerner Tagblatt»): das erste gedeckte Einkaufszentrum der Schweiz.

Das «Geschäftszentrum» Schönbühl zusammen mit dem Hochhaus des finnischen Star-Architekten Alvar Aalto sei die «Vision einer modernen Stadt», ein «glänzendes Beispiel fortschrittlichen Bauens», jubelten die «Luzerner Neuesten Nachrichten». Es stehe sinnbildlich für ein ganzes Quartier, «das die Zukunft bereits gemeistert hat», meinte das «Vaterland». Ins gleiche Horn stiess auch das «Tagblatt», wenn auch ungleich nüchterner: «Es ist der Anfang einer modernen grosszügigen Überbauung, wie man sie auch anderen Quartieren wünschen möchte.»

«Praktisch unbegrenzte Fläche für gebührenfreies Parkieren»

Neun Läden, eine Post- und eine Bankfiliale, ein Coiffeursalon sowie eine Cafeteria waren die Erstmieter – «eine sorgfältig programmierte, organische Einheit unter einem Dach». Überrascht war das «Tagblatt» dabei von der Grösse des Sortiments und von der Ladenwahl: Mit Migros, Coop und dem Delikatessenladen Tico fin habe man bewusst «Firmen einbezogen, die sich untereinander hart konkurrenzieren». Der Kunde könne davon nur profitieren: Preise liessen sich so ohne grossen Aufwand direkt vergleichen. Zudem verfüge das neue Einkaufszentrum über «eine praktisch unbegrenzte Fläche für gebührenfreies Parken», schwärmte das «Luzerner Tagblatt» weiter. Konkret heisst das: 300 Parkplätze um und auf dem Gebäude. Sichtlich beeindruckt waren die Luzerner Journalisten dabei von den beheizten Auf- und Abfahrrampen. Aber auch von den 13 Klimaanlagen, die dafür sorgten, dass sich die Temperatur im Innern des Einkaufszentrums immer zwischen 20 und 26 Grad bewegte.

Was Ende der Sechzigerjahre das Nonplusultra war, wirkt heute fast schon niedlich. Das verdeutlicht ein Vergleich mit der Mall of Switzerland in Ebikon. Wenn diese nach 14 Jahren Projektzeit am 8. November ihre Tore öffnet, wird sie das grösste Zentralschweizer Einkaufszentrum sein – und das zweitgrösste der Schweiz. Auf einer Fläche von 65 000 Quadratmetern buhlen vorerst knapp hundert Läden und Restaurants um die Gunst der Konsumenten. Ebenfalls im Zentrum untergebracht sind das grösste Kino der Region mit zwölf Sälen, einer davon mit Imax-Leinwand, und ein grosszügiger Freizeitbereich – samt Indoor-Wellenanlage. Für die Besucher stehen nicht nur 300, sondern 1600 Parkplätze zur Verfügung. 40 Prozent der Besucher, hoffen die Mall-Verantwortlichen, sollen dabei mit dem öffentlichen Verkehr oder dem Velo anreisen – um die ohnehin schon hohe Verkehrsbelastung in und um Ebikon im Rahmen zu halten. 450 Millionen kostet das Projekt. Finanziert wird es – anders als noch das Zentrum Schönbühl – nicht von hiesigen Patrizierabkömmlingen, sondern von Investoren aus Abu Dhabi.

«Den anderen Geschäften wird täglich 1 Million Franken fehlen»

Gewachsen ist seither nicht nur Anzahl und Grösse der Einkaufszentren, sondern auch die Skepsis ihnen gegenüber. Gewichen ist die einst unvoreingenommene Begeisterung. Nicht nur Konsumkritiker zweifeln am Sinn solcher Unterfangen. Kann die Mall of Switzerland rentieren, wo doch gegenwärtig fast alle grossen Einkaufszentren der Schweiz mit rückläufigen Umsätzen kämpfen – nicht zuletzt aufgrund des Onlinehandels? Auch der Umsatz des grössten Einkaufszentrums der Region Luzern, des Emmen-Centers in Emmenbrücke, ist eingebrochen: 2016 hat es noch 218 Millionen erwirtschaftet – das sind 56 weniger als 2010. Und die Umsätze der Einkaufszentren dürften gemäss Experten künftig noch weiter zurückgehen.

Kritiker werfen der Mall auch vor, das Lädelisterben zu beschleunigen. Denn damit unter dem Strich noch genügend übrig bleibt, muss die Mall of Switzerland jährlich einen Umsatz von 300 bis 400 Millionen Franken erwirtschaften. Das sagte Detailhandelsexperte Thomas Hochreutener vor Beginn der Bauarbeiten im Juni 2014 gegenüber unserer Zeitung. «Auf einen Öffnungstag heruntergerechnet, ergibt das 1 Million Franken, die in anderen Zentren und Läden fehlen wird.»

Das Schönbühl, nach wie vor «das grösste Shoppingcenter in Luzern», wirkt heute in seinen Dimensionen fast schon heimelig – und trotzdem erstaunlich zeitgemäss. Zum einen liegt das an der seit jeher klaren architektonischen Formsprache. Über den markanten Eingangsbereich gelangt man auf die helle, glasüberdachte Flaniermeile. Zum anderen am Umbau von 2006. Seither erstreckt sich das Einkaufszentrum auch auf das untere Geschoss, die Verkaufsfläche beträgt nun fast 6700 Quadratmeter. Zu Migros und Coop haben sich inzwischen Denner und Aldi gesellt. Delikatessen kauft man heute bei Estermann. Die Zahl der Geschäfte hat sich fast verdoppelt, auf heute 24. Auch das Parkplatzangebot ist angewachsen – um 30 weitere Plätze.

Heute ist das «Schönbühl» ein Quartiercenter

Auch wenn sich an diesem Mittwochnachmittag die Besucher nicht gegenseitig auf den Füssen rumtrampeln: Der Jahresumsatz bewegt sich seit 2010 auf gleichem Niveau und beträgt 54 Millionen Franken (Stand 2016). «In der heutigen Zeit ist das sehr erfreulich», zeigt sich Stefan Styger, Leiter des Shoppingcenters Schönbühl, zufrieden. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen tout Lucerne für den Grosseinkauf ins Schönbühl-Center kutschierte. «Wir sind ein klassisches Quartiercenter», sagt denn auch Styger. Gut möglich, dass die Kundschaft aus der Nachbarschaft dem Zentrum auch künftig stabile Umsätze beschert. Nur wer sich klar positioniert, kann bestehen, sagen auch Experten. Wer einen attraktiven Angebotsmix bietet, könnte allenfalls sogar profitieren. Deshalb stellt auch die Mall of Switzerland das Erlebnis in den Mittelpunkt. Ob das klappt? Der Leiter des ältesten Schweizer Einkaufszentrums ist auf jeden Fall «sehr gespannt».


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