Auf dem Weg zum Medizinmaster Luzern

AUSBILDUNG ⋅ Jetzt ist klar: 40 Medizinstudenten haben sich für den Master in Luzern angemeldet. Vivienne Woodtli ist eine davon. Obwohl der Medizinmaster noch nicht begonnen hat, schwärmt die 22-Jährige bereits heute vom Programm.
09. April 2018, 00:00

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Vivienne Woodtli führt die Bügel des Stethoskops in die Ohren und legt den Schalltrichter auf den Unterarm einer Patientin. Damit hört die Medizinstudentin den Puls ab. Währenddessen gibt Woodtlis Mentor, Hausarzt Aldo Kramis, Anweisungen. «Dort, wo die Arterie liegt, musst du den Schalltrichter hinhalten. Hörst du etwas?» Ja, Vivienne Woodtli hört den Puls. Der Blutdruck der Patientin liegt am Tag unseres Besuchs im Normbereich: 140 zu 85. Das war aber nicht immer so, wie Auswertungen einer entsprechenden Elektrokardiogramm-Kurve der älteren Dame zeigen. Nebst den Herzproblemen wird bei der Patientin demnächst noch der graue Star operiert; Aldo Kramis klärt die letzten Details vor dem bevorstehenden Eingriff.

Kramis ist seit mehr als 20 Jahren in Emmenbrücke als Hausarzt tätigt. Er unterstützt Vivienne Woodtli, die aktuell an der Universität Zürich im zweiten Semester Medizin studiert. Nach drei Jahren, also nach Erlangen des Bachelordiploms, wechselt sie an die Uni Luzern. Woodtli ist demnach Teil des ersten Klassenzugs, der den dreijährigen Masterstudiengang in Luzern absolvieren wird.

Der familiäre Rahmen hat überzeugt

Warum gerade die Universität Luzern? «Dafür gibt es keine spezifischen Gründe», sagt sie. Lu-zern sei quasi auch Zufall, weil sie sich für den Master ebenfalls für Zürich und Basel angemeldet habe. Zugeteilt wurde sie dann der Uni Luzern. «Heute bin ich allerdings froh, ist das Los zu Gunsten Luzern ausgefallen.» Einige hiesige Fachpersonen – viele davon praktizierende Ärzte am Luzerner Kantonsspital – hätten nun schon Vorträge gehalten «und ich war begeistert», so Woodtli. «Die Ärzte sind motiviert, kompetent und bereit, uns Studenten die bestmögliche Ausbildung zu gewähren.» Zudem habe sie das Gefühl, die Uni Luzern würde einen familiären Rahmen mit guter Betreuung bieten, «was an einer Fakultät wie jener in Zürich schon der Grösse wegen nicht möglich ist». Das erste Studienjahr ist in nun in den finalen Zügen. Am meisten gezittert hat Woodtli vor den Physikprüfungen Ende des ersten Semesters – vergeblich, wie sich herausstellte. Die 22-Jährige hat alle Fächer auf Anhieb bestanden. «Das zweite Semester gefällt mir schon besser, da es weniger zahlenlastig ist und mehr Biologie gelehrt wird.»

Bisher hat Vivienne Woodtli, die ursprünglich aus Brunnen kommt, derzeit aber in Zürich wohnt, mehrheitlich Vorlesungen besucht und Formeln auswendig gelernt. Bei Aldo Kramis, der auch die Ärztegesellschaft Luzern präsidiert, konnte sie nun die ersten Erfahrungen «am Menschen» machen.

«Hausärzte sind auch ein bisschen Psychologen»

Selbst wenn sie nur einen Tag in der Hausarztpraxis Gersag in Emmenbrücke war, weiss sie: «Medizin ist das richtige Studium für mich. Es vereint Wissenschaft, Soziales und Psychologie.» Einige Patienten hätten beispielsweise kaum medizinische Probleme, aber würden jemanden brauchen, bei dem sie ihre Sorgen deponieren können. «Man ist als Hausarzt also auch ein bisschen Psychologe», stellt die Studentin fest.

Am meisten beeindruckt hat Woodtli die Fähigkeit des Hausarztes, auf jeden einzelnen Patienten einzugehen: «Im 15-Minuten-Takt kommt ein neuer Patient. Jeder mit einem anderen Leiden. Und auf jeden muss der Arzt innerhalb von wenigen Sekunden eingehen und das Problem eruieren können.» Das sei eine immense Leistung. Für die angehende Medizinerin ist klar: Der Mensch soll bei ihr mal im Zentrum stehen. Einen Job in der Forschung käme für sie daher eher nicht in Frage. Auch sehr technische Fachrichtungen wie etwa Radiologie könne sie sich weniger vorstellen. Vivienne Woodtli ist allerdings auch pragmatisch: «Während des Studi-ums kann sich noch einiges ändern, zumal ich bis dato kaum Einblick in die unterschiedlichen Fachrichtungen hatte.» Wer weiss, vielleicht wird Woodtli dereinst Hausärztin in unserer Region? «Ausschlagen würde ich das nicht.»

Aldo Kramis hat in den letzten Jahren bereits zwei Dutzend Studenten begleitet. Trotz Mehraufwand möchte er diese Tätigkeit nicht missen: «Ich freue mich immer sehr, wenn ich meine Erfahrung mit angehenden Ärzten teilen darf.» Zudem stelle er immer wieder fest, dass auch er profitieren könne: «Begleiten mich Studenten in die Sprechstunden, so muss ich mir für die Untersuchungen mehr Zeit nehmen. Zeit, welche mir im Alltag unter dem Druck oft fehlt.» Das führt dem erfahrenden Arzt dann immer wieder vor Augen, wie bedeutend aktives Zuhören ist. «Die Kommunikation ist ein zentrales Instrument für eine korrekte Anamnese. Die Wichtigkeit des Patientengesprächs möchte ich den Studenten vermitteln.» Ausserdem will er die vielen Aspekte des Hausarztes aufzuzeigen und «die Freude am Beruf weitergeben». Woodtli bestätigt die Vielfältigkeit: «Ich habe an einem Tag zig unterschiedliche Krankheitsbilder gesehen.»


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