Bei den Insekten ist der Wurm drin

LUZERN ⋅ Seit dem 1. Mai erlaubt das Gesetz den Verkauf von drei Insektenarten als Lebensmittel. Noch stehen aber keine Produkte in den Regalen, weil die kantonalen Bewilligungen fehlen. Das sorgt für Ärger.
10. Mai 2017, 00:00

Stephan Santschi

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

«Die Produktion ist auf Eis gelegt, wir wissen nicht, woran wir sind. Das ist mehr als ärgerlich.» Philipp Wiprächtiger verheimlicht seinen Unmut nicht. Der Co-Geschäftsführer der In-Snekt GmbH in Hergiswil am Napf ging ursprünglich davon aus, sein Sortiment ab dem 1. Mai auf den Markt zu bringen. An diesem Tag trat nämlich das überarbeitete Lebensmittelgesetz in Kraft. Dieses sieht vor, dass fortan auch Insekten als Nahrungsmittel an die zahlende Kundschaft abgegeben werden dürfen (siehe Kasten). Noch kann er aber keine Frischkäsetaler oder Gugelhüpfli mit Mehlwürmern produzieren. Der Grund: «Uns und unserem Insektenproduzenten fehlt die kantonale Bewilligung.»

Wiprächtiger ist damit nicht allein, in der gesamten Schweiz sind noch keine Insekten als Lebensmittel erwerbbar. Auch in den Kühlregalen des Grosshändlers Coop fehlen bislang die angekündeten Burger und Hackbällchen aus Mehlwürmern. «Der Verkaufsstart hat sich tatsächlich etwas verzögert, die Insekten aus Holland lassen auf sich warten. Wir hoffen, die Produkte so schnell wie möglich anbieten zu können», sagt Coop-Mediensprecher Ramón Gander.

Weshalb es mit dem Import der Insekten harzt

In der Insektenbranche ist also der Wurm drin. Die Ursachenforschung führt nach Grossdietwil, zur Entomos AG. Sie gehört zur Andermatt-Firmengruppe, dem grössten Insektenzüchter der Schweiz. Als nächstes sollen hier Insekten zur Weiterverarbeitung im Detailhandel, in der Gastronomie oder im Eventbereich hergestellt werden. Losgelegt hat man aber auch in Grossdietwil noch nicht. Weshalb? «Weil es beim Import harzt», erklärt Geschäftsführer Urs Fanger.

Der Grossteil der Insekten für menschliche Nahrung soll nämlich im Ausland bezogen werden. Das Problem: In der EU sind bisher keine Insekten als neuartige Lebensmittel zugelassen worden. Zwar wird in Holland, Belgien, Dänemark oder England deren Verkauf toleriert, gesetzlich erlaubt wie nun in der Schweiz, sind sie aber nirgends. «Deshalb tun sie sich schwer mit dem Schritt zum Export», sagt Fanger. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) verlangt von den ausländischen Firmen, dass sie die lebensmittelrechtlichen Anforderungen der Schweiz erfüllen und dass sie von der Lebensmittelbehörde ihres Landes kontrolliert wurden. Holland mache dies im Moment noch nicht, nun hofft Fanger auch auf die Belgier.

Produzenten beklagen späte Information

Bis es so weit ist, bleibt als Alternative die Eigenproduktion. Doch auch die Entomos AG hat noch keine Bewilligung vom Kanton. Laut Luzerns Kantonschemiker Silvio Arpagaus seien in dieser Sache keine Anträge pendent. Urs Fanger erklärt das so: «Für uns als Hersteller war die Zeit zu knapp bemessen, um alle erforderlichen Dokumente bereitzustellen. Erst am 6. April publizierte das BLV ein Schreiben mit den konkreten Richtlinien zur Produktion.» Nun gehe es darum, so schnell wie möglich die Hausaufgaben zu machen, ein sicheres Lebensmittel herzustellen und Vertrauen bei der Kundschaft zu schaffen. «Für uns heisst das: weitere mikrobiologische Untersuchungen durchführen, die Ergebnisse in Labors schicken und unsere Methoden qualifizieren lassen. Das dauert Wochen.» Kantonschemiker Arpagaus weiss um den Aufwand: «Insekten werden im Gegensatz zu anderen Tieren mit dem ganzen Magen-Darm-Trakt verspeist, deshalb können sie mit mehr Bakterien belastet sein. Die Produktion von Insekten als Lebensmittel beinhaltet daher spezielle Anforderungen wie das Erhitzen zum Abtöten von Keimen oder die Vorgaben für Futter- und Tierarzneimittel.»

Angesprochen auf den Kritikpunkt der späten Information antwortet BLV-Mediensprecher Stefan Kunfermann: «Mit dem Entscheid des Bundesrats Ende 2016, das neue Lebensmittelrecht auf den 1. Mai in Kraft zu setzen, fiel auch der Startschuss zur Erarbeitung der Informationsgrundlagen.» Letztlich hätten alle Neuland betreten, auch die Lebensmittelproduzenten müssten sich erst in die Materie einarbeiten. «Das geht nicht von heute auf morgen.» In Hergiswil am Napf und nicht nur dort ging man davon aus, dass der Verkaufsstart mit der Einführung des Gesetzes einhergehe. Nun müssen sich die Insektenliebhaber aber noch etwas gedulden.


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