Bei Futter-Ernte winkt Rekordjahr

LANDWIRTSCHAFT ⋅ Viel Sonne, Regen zur richtigen Zeit: Die Heuböden und Silos der Luzerner Bauern sind so gut gefüllt wie selten. Das freut die Bauern – sorgt aber für Schwierigkeiten auf dem Futtermarkt.
06. Oktober 2017, 00:00

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Toni Freis Telefon läutet dieser Tage ständig. Frei ist Lohnunternehmer, erntet im Auftrag der Bauern deren Futtermais mit seinen spezialisierten Landmaschinen. Von St. Urban über Huttwil bis nach Wolhusen sorgt er dafür, dass die Ernte rechtzeitig unter Dach und Fach kommt. Mehr als 20 Jahre Erfahrung hat er. Und das Jahr 2017 wird ihm wohl in bester Erinnerung bleiben. «Wir haben wirklich überall sehr schöne Erträge. Eigentlich haben wir alles im Überschuss.»

Mit diesem Eindruck steht der Zeller nicht allein da. Herbert Schmid vom Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung (BBZN) in Hohenrain sieht es nämlich gleich: «Im Kanton Luzern wird die Futterernte in diesem Jahr sehr gut ausfallen.» Im ganzen Kanton habe er das beobachtet, auch die Landwirte hätten ihm dies bestätigt. Und selber kann er sich auch freuen: «Auf unserem Gutsbetrieb in Hohenrain waren die Erträge auf den Wiesen und Weiden sowie beim Silomais überdurchschnittlich.» Toni Frei glaubt, die Silos werden dieses Jahr so voll, weil zu wenig Vieh in den Ställen steht, um all das Geerntete zu fressen. Einen anderen Grund macht Stefan Heller, Geschäftsführer des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbandes, aus: «Die Witterung im Sommer war optimal. Die Temperaturen waren hoch, und es gab immer genügend Niederschläge.» Herbert Schmid stösst ins gleiche Horn, wenn er sagt: «Die Sonnenscheindauer und die Temperaturen waren überdurchschnittlich. Zudem fielen die Niederschläge zur richtigen Zeit.» Und dies notabene, obwohl Juli und August teilweise zu trocken waren. Schmid geht davon aus, dass der Ertrag je nach Standort um 10 bis 20 Prozent höher ausfällt als üblicherweise: «Aber das sind Schätzungen, genaue Zahlen gibt es nicht.»

Auch die Qualität ist hervorragend

Nicht nur die Menge, auch die Futterqualität dürfte dieses Jahr um einiges besser ausfallen als normalerweise. Denn Gras, Heu und Mais konnten laut Schmid jeweils rechtzeitig geerntet werden. Und weil es mit viel Sonneneinwirkung gewachsen sei, werde es gehaltreicher. Sprich: Es liefert den Tieren den Winter über mehr Energie. Das Gleiche sagt Stefan Heller vom Bauernverband: «Viele Landwirte beurteilen die diesjährige Ernte als gut bis sehr gut.» Allerdings sind die genauen Qualitätswerte noch nicht bekannt. Diese werden erst im November veröffentlicht. In den letzten Jahren stiegen die Qualität und die Mengen der Futtermittel immer wieder. Grund dafür sind Heller zufolge Fortschritte in verschiedenen Bereichen – wie bei der Pflanzenzucht, der Saatmischung oder beim Dünger.

Also alles in bester Ordnung? Nicht ganz. Denn wo Licht ist, ist der Schatten bekanntlich nicht weit: «Der Raufuttermarkt für die Verkäufer ist angespannt», erklärt Herbert Schmid vom BBZN. Viele Bauern konnten genügend Erträge mit dem eigenen Land erwirtschaften, müssen daher weniger Futter zukaufen als in anderen Jahren. Das Angebot ist grösser als die Nachfrage, der Markt spielt: Die Preise sinken. Gut für die Käufer, schlecht für die Händler.

«Es sollte ein Umdenken stattfinden»

Zu diesen Händlern gehört Hans Stettler. Er ist Geschäftsführer der Agrokommerz AG mit Sitz in Marbach. Auch er sagt, dass das Angebot mehr hergeben würde, als nachgefragt wird. Besonders beim Silomais. «Aber ich schätze die Lage nicht als prekär ein. Überhaupt nicht.» Weshalb? Einerseits gebe es immer wieder Schwankungen, andererseits könne man beim Silomais gut ausweichen, wenn der Markt überfüllt ist: «Die Landwirte könnten den Mais länger stehen lassen und nur die Körner ernten», so Stettler. Dreschen nennt sich dieser Vorgang, mit dem man Körner- statt Silomais gewinnt. Und für Körnermais finde man immer einen Abnehmer, ist sich Stettler sicher. In der Vergangenheit seien Silomais und Maiswürfel für die Landwirte aber oftmals lukrativer als Körnermais gewesen. «Wahrscheinlich ist es dieses Jahr anders. Vielleicht sollte beim einen oder anderen Produzenten deshalb ein Umdenken stattfinden», sagt der Agrokommerz-Geschäftsführer.

Silomais hin, Körnermais her – Hans Stettler macht nochmals klar, dass die Lage nicht so angespannt ist, wie man meinen könnte. «Heuer produzierten die Landwirte grosse Mengen selber. Unter dem Strich bedeutet das nur, dass in der Zukunft weniger importiert wird.» Angesichts der Tatsache, dass in der Schweiz Hunderttausende Tonnen Mais eingeführt würden, könne der Markt einen Ernteüberschuss also problemlos schlucken.

Doch lange dauert die Ernte nicht mehr, die Herstellung von Dürrfutter ist grösstenteils beendet. Heller und Schmid gehen davon aus, dass die Ernte Mitte November definitiv vorbei sein wird – allerdings dürften dann die Landmaschinen schon in der Remise bleiben: Die letzten Reste gehören üblicherweise dem Vieh auf der Weide.

Geschäftsführer Agrokommerz AG

Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung Hohenrain


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