Billigkassen: Prämien steigen stark

KANTON LUZERN ⋅ Je nach Modell und Region werden die günstigsten Krankenkassenprämien um über 10 Prozent teurer. Experten geben der Politik die Schuld – und raten den Versicherten zur Vorsicht.
11. November 2017, 00:00

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Das Schweizer Krankenkassenwesen gleicht einer Packung Gummibärchen: 60 Versicherer; unterschiedliche Modelle, Franchisen und Prämienregionen. Im farbenfrohen Gemisch der Krankenkassenangebote den Überblick zu bewahren, ist schwierig. Das weiss auch Oliver Zadori. Er ist Geschäftsführer und Gründer des Online-Vergleichsdienstes Dschungelkompass.ch, der mit der Stiftung Konsumentenschutz zusammenarbeitet: «Es ist eine komplexe Materie.» Dschungelkompass hat darum jüngst analysiert, wie sich die Prämien bei den günstigsten Angeboten je Prämienregion für das kommende Jahr entwickeln.

Das Resultat ist ernüchternd: «Personen, die sich im letzten Jahr für die günstigste Krankenkassenprämie entschieden haben, sind 2018 vom Prämienaufschlag um einiges stärker betroffen», erklärt Zadori. Das zeigen die Zahlen für die günstigsten Prämien im Kanton Luzern – ­namentlich in der ländlichen Prämienregion 3, wo die Prämien ­tiefer sind als in der städtischen ­Region 1. Grund: Auf dem Land fallen weniger hohe Gesundheitskosten an als in der Stadt.

In der dritten Region liegen Gemeinden wie Hitzkirch, Eschenbach, Eschholzmatt-Marbach oder Hasle. Und dort sitzt der Prämienschock tief: Die güns­tigste Versicherung im Standard­modell für Erwachsene ab 26 Jahren kostet dort kommendes Jahr 227 Franken (Franchise bei 2500 Franken, mit Unfall) und wird von der Gesellschaft Assura angeboten. Das sind verglichen mit dem günstigsten Angebot 2017 ganze 8,5 Prozent mehr. Oder monatlich 17.80 Franken. Aufs Jahr gerechnet fallen so notabene 213.60 Franken zusätzlich an. 2017 erhob die Galenos-Versicherung die niedrigsten Prämien. Wer bei dieser Versicherung ­bleiben will, muss noch tiefer ins Portemonnaie greifen: Die Prämie steigt um satte 18,9 Prozent – von 209 auf 248.70 Franken. Noch höher sind die Anstiege im Standardmodell in der Prämienregion 2 – also zum Beispiel in Gemeinden wie Rothenburg oder Adligenswil (siehe Tabelle).

Die grösste Zunahme erfolgt aber in der Prämienregion 3. Nämlich für das Hausarztmodell mit einer Franchise von 300 Franken: Die Prämie des günstigsten Versicherers – wiederum Assura – beläuft sich auf 316.30 Franken pro Monat. Das sind 11 Prozent oder 31.30 Franken mehr als noch 2017 bei der Galenos gezahlt werden musste, die damals am günstigsten war.

Experte gibt Politik die Schuld an hohen Prämien

Nur, wieso steigen die Prämien derart an? Eine abschliessende Antwort kann Oliver Zadori nicht geben: «Das kann viele Gründe haben, wie zum Beispiel die gesteigerten Gesundheitskosten, höhere Medikamentenpreise oder die Tatsache, dass die Bevölkerung zunehmend älter wird.» Eine weitere Erklärung hat Felix Schneuwly, Versicherungsexperte beim Internetvergleichsdienst Comparis, der die Analyse von Dschungelkompass nachvollziehen kann: «Die Versicherer erheben ihre Prämien anhand von drei massgebenden Faktoren: den Gesundheitskosten, dem Risikoausgleich und den Reserven, die sie bilden müssen.» Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) prüft, ob die Annahmen der Versicherer für die jeweiligen Prämienprognosen plausibel sind. Laut Schneuwly ist der Bund stur, wenn es um die Prämienhöhen geht: «Die Erhöhung hat nichts mit Willkür oder Gewinnstreben der Versicherer zu tun.» Grund sei viel mehr das neue Aufsichtsgesetz über die Krankenversicherungen. Dieses ist seit 2016 in Kraft. Unter anderem verlangt es von den Kassen, dass sie mehr in den Risikoausgleich einbezahlen müssen, wenn sie viele gesunde, junge Kunden in ihrem Portfolio haben. Was sich auf die Prämien auswirkt. «Die Versicherer haben so immer weniger Spielraum, Prämienschwankungen möglichst kleinzuhalten. Das ist ein Fehlentscheid des Parlaments», ist sich Schneuwly sicher. Allerdings glaubt er, dass sich die Si­tuation in den kommenden Jahren wieder entschärfen könnte: «Weil der neue Risikoausgleich erst heuer in Kraft getreten ist, fehlen Vergleichszahlen für die Prämienprognosen. Sind Erfahrungswerte da, werden sich BAG und Versicherer wohl einigen, wie sie den Risikoausgleich bei den Prämienprognosen berücksichtigen wollen.»

Bei Wechsel auf Kundenzufriedenheit achten

Nur ist das Zukunftsmusik. Für die Versicherten ist dieser Tage wohl wichtiger, worauf sie achten sollen, wenn sie ihren Anbieter wechseln wollen. Experte Felix Schneuwly rät logischerweise, die Angebote miteinander zu vergleichen. «Ganz wichtig ist, auf die Kundenbewertungen zu achten. Denn die günstigste Versicherung muss nicht zwangsläufig die beste sein.»

Versicherungsexperte


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