«Das kann kein anderer»

WOLFGANG BELTRACCHI ⋅ Seit diesem Jahr wohnt der ehemalige Kunstfälscher mit seiner Frau Helene in Meggen. Dem verurteilten Deutschen mangelt es weder an Aufträgen noch an Selbstbewusstsein.
28. Dezember 2017, 00:00

Interview: Chiara Stäheli

chiara.staeheli@luzernerzeitung.ch

Wolfgang Beltracchi, womit verdienen Sie heute Ihr Geld?

Ich bin derzeit gemeinsam mit einem Team rund um den Münchner Kunstförderer Christian Zott daran, eine neue Ausstellung zu gestalten. «Kairos, der richtige Moment» wird sie heissen. Wir möchten darin aus allen wichtigen Epochen der letzten 2000 Jahre ein Bild präsentieren, das es so noch nie gegeben hat – ein Moment also, der in der Kunstgeschichte fehlt und der nicht gemalt wurde.

Sollen diese Bilder quasi Lücken der jeweiligen Epochen schliessen?

Genau. Mit dieser Ausstellung gehen wir dann im kommenden Jahr auf Europa-Tournee, der Start ist im nächsten Oktober in Venedig. Neben diesem Grossprojekt male ich Porträts und gestalte unter anderem die Bildprojektionen für «Art on Ice» im Hallenstadion Zürich.

Sind Sie unterdessen befreit von den finanziellen Forderungen, die nach dem Prozess auf Sie zugekommen sind?

Ja, uns geht es sehr gut. Ich war sogar der erste deutsche Gefangene, der aus dem offenen Vollzug eine Serie für das Fernsehen gedreht hat. So konnte ich bereits während meiner Haft wieder Geld verdienen. Wir haben unsere Schulden abgearbeitet und unsere Strafe verbüsst.

Warum sind Sie vor kurzem nach Meggen gezogen?

Das ist purer Zufall. Meine Frau und ich wollten in die Schweiz ziehen. Das Land ist für uns die einzig wirkliche Demokratie, die es noch gibt in Europa. Die Situa­tion in Frankreich, wo wir unsere Kinder grossgezogen haben, gefiel uns schon länger nicht mehr. Also suchten wir irgendwo in der Schweiz einen hohen Raum, den ich als Atelier nutzen kann. Fündig wurden wir in Meggen mit dem ehemaligen Tanzsaal im Jugendstil beim Gasthof Kreuz. Er eignet sich optimal, und unsere Wohnung liegt nur wenige Minuten entfernt.

Sind Ihre Kinder mitgekommen?

Nein, unsere Tochter studiert derzeit Kunst in London, und der Sohn ist Lehrer in Deutschland.

Wie gefällt es Ihnen hier?

Es ist super. Die Umgebung hier in Meggen ist ruhig, und wir sind nahe am Wasser. Die Leute sind zwar etwas zurückhaltend, aber sehr freundlich. Ich würde den Schweizer Pass sofort annehmen, wenn er mir angeboten würde.

Sie haben in der Vergangenheit viele Gemälde mit dem Namen berühmter Künstler unterzeichnet, obschon Sie selbst diese Bilder gemalt haben. Wie konnten Sie die Experten hinters Licht führen?

Ich sage immer wieder: Experten sind nur so schlecht, wie der Künstler gut ist. Meine Bilder waren keine Kopien, ich habe neue Bilder gemalt in derselben Handschrift, die der Künstler hatte. Deshalb wurden wir letztlich auch wegen Urkundenfälschung verhaftet und nicht wegen Betrugs. Das, was während Jahrzehnten mein Job war, macht sonst kein anderer – das kann gar kein anderer.

Wie haben Sie zum Malen gefunden?

Ich wuchs in einer Familie auf, in der praktisch alle gemalt haben. Mein Vater war Kirchenmaler, und ich begleitete ihn oft bei seinen Aufträgen. So habe ich schon als Kind das Handwerk gelernt. Doch wer richtig gut malen will, der muss 10 bis 15 Jahre Arbeit investieren. Heute kann ich alle Techniken malen – diese Begabung entdeckte ich im Jugendalter. Das ist vermutlich ein genetischer Defekt. Ich schaue ein Bild an und sehe es in den Augen des Malers. Ich weiss genau, wie der Künstler sein Bild gemalt hat. Genau deshalb bin ich wohl dazu gekommen, mehr als 300 Werke neu zu malen. Oder wie alle anderen sagen: zu fälschen.

Wie sieht Ihre Zukunft aus, welche weiteren Projekte sind geplant?

Ich bin Botschafter von Ford Schweiz. Zudem bin ich im Februar an der Kunsthochschule in Luzern und werde dort einen Vortrag halten. Als Künstler ist mir nie langweilig, ich arbeite sieben Tage die Woche, ansonsten gerate ich in Rückstand – zumal es mir schwer fällt, Aufträge absagen zu müssen. So bin ich für weitere Projekte derzeit auch in Kontakt mit dem Schweizer Fernsehen sowie mit anderen Medien. Unter anderem möchte ich gerne meine Biografie verfilmen und einige Reportagen erstellen.

Ihre gefälschten Bilder wurden zu Millionenbeträgen verkauft. Wie viel bezahlt man heute für eines Ihrer Gemälde?

Die meisten Werke kosten zwischen 50000 und 150000 Franken. Aber man kann bei mir keine Bestellungen aufgeben, ich male nur das, was ich will.

Wie sehen Sie den heutigen Kunstmarkt?

Heutzutage gibt es zu viel «Kunst aus Unvermögen» – produziert von schlecht ausgebildeten Künstlern, die ihr Handwerk nicht verstehen. Kunstakademien bilden Tausende junge Menschen mangelhaft aus, die bereits von vornherein zur Arbeitslosigkeit verurteilt sind.


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