Der Letzte seiner Art

HOLZBOOTE ⋅ Pius Wäger ist Bootsbauer mit Leib und Seele. 28 Segel- und Motorboote hat er bereits gebaut. Nun tritt der 52-Jährige kürzer – auch weil seine Marktnische zunehmend austrocknet.
05. August 2017, 00:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

«Meine Kunden müssen immer mindestens zweimal leer schlucken: ein erstes Mal, wenn ich ­ihnen den Preis nenne – und ein zweites Mal, wenn ich ihnen die Lieferzeiten bekanntgebe.» Pius Wäger (52) aus Weggis lacht, stiftet mit seinen aufgeweckten, blauen Augen zum Miteinstimmen an. Auch wenn Wägers ­Humor verführt, Verständnis kommt auch für die Reaktion seiner Kundschaft auf: Denn eine Holzjacht aus Wägers Werft hat ihren Preis. Sie kostet schnell ein paar hunderttausend Franken, Spezialanfertigungen schlagen mit bis zu 700000 Franken zu Buche. Die Bauzeit dauert mindestens fünf Monate, nahm aber auch schon 18 Monate in Anspruch. Vor allem aber stecken Tausende von Arbeitsstunden in diesen Booten. «Eine Familie liegt da schlicht nicht mehr drin», sagt Wäger, der keine Kinder, wohl aber eine Partnerin hat.

Momentan sind drei Holzboote in seiner Werft im Industriegebiet von Weggis aufgebockt; Werkzeug hängt ordentlich an der einen Wand, an der anderen stapeln sich Holzbretter in allen Längen. Die Werft ist sauber, Späne sucht man vergeblich am Boden. Und tatsächlich wird beim letzten Holzbootbauer am Vierwaldstättersee nicht mehr so viel gehobelt wie auch schon. Wehmütig wandert Wägers Blick hoch zur Comandante, die auf einem riesigen Werbeplakat elegant und unbeirrt ihre Kreise zieht. «Für dieses Foto haben wir extra einen Helikopter organisiert», bemerkt Wäger nicht ohne Stolz. In diese 7-Meter-Motorjacht hatte Wäger viel Hoffnung gesetzt. Sie kombiniert klassisches Design und neuste Technik – auch in der Fertigung – und hätte ihn als Bootsbauer auch im Ausland etablieren sollen. Bauen wollte er sie in (kleiner) Serie.

Wechselkurs machte die Jacht unbezahlbar

Dass er mit zu 100 Prozent in der Schweiz gefertigten, in der Basisausführung über 300000 Franken teuren Holzbooten nicht mit den billigen ausländischen Kunststoffboten würde konkurrieren können, war für ihn immer klar. Einen Strich durch die Rechnung machte ihm aber letztlich der Frankenwechselkurs. Dieser habe sich in der langen Entwicklungsdauer deutlich verschlechtert. «Für den ausländischen Kunden wurden wir schliesslich viel zu teuer», erklärt Wäger. In der Schweiz allein sei die Nachfrage einfach zu klein, die angepeilte Klientel zu wenig spendierfreudig. Nach nur drei gefertigten Motorjachten des Modells Comandante war darum bereits Schluss.

Wäger legte in der Folge nicht nur seine Ausbaupläne auf Eis, sondern reduzierte sukzessive seine einst acht Mann starke Belegschaft. 2014 zog er dann nach Weggis, nunmehr als Einmannfirma. «Heute mache ich mehr Unterhalts-, Reparatur- und Beratungsarbeiten.» Seine Freude am Bootsbauhandwerk hat der gebürtige Stadtzürcher dabei nicht verloren. «Hobeln ist noch immer das Grösste! Zudem trage ich nun keine so grosse Verantwortung mehr, geniesse mehr Freiheiten.» Beruf und Hobby würden immer mehr ineinander übergehen, davon zeugt seine sonnengebräunte Haut. Auch wenn er mit seinem Handwerk nie das Geld machen wird, das seine Klientel bereits besitzt, so hat zumindest ihr Lebensstil ein wenig abgefärbt. «Endlich habe ich auch wieder mehr Zeit, die Welt zu entdecken», freut sich Wäger, der sich in seiner Freizeit gerne auf den Töff schwingt – und so schon fast ganz Südamerika bereist hat.

DJ, Rheinschiffer oder Bootsbauer

Vorgezeichnet war Wägers Weg in den Bootsbau beileibe nicht. Sein Vater war Polizist, aufgewachsen ist er mitten in der Stadt Zürich. Schon in jungen Jahren aber zeigte sich, dass er ein begnadeter Schrauber und Bastler war. «Zuerst wollte ich eine Lehre als Feinmechaniker machen, um Töffli zu frisieren», gesteht Wäger unverblümt. Der Berufsberater schlug ihm dann aber andere Alternativen vor: DJ, Rheinschiffer oder Bootsbauer. Eine Schnupperlehre bei einem Bootsbauer räumte dann die letzten Zweifel aus. Es folgten eine Lehre und anschliessend einige Jahre beim renommierten Zürcher Bootsbauer Boesch. In diese Zeit fällt auch Wägers erster Bootseigenbau. In kürzester Zeit baute er sich in einer Scheune ein Holzmotorboot, jeweils nach Arbeitsschluss bis um 2 Uhr in der Früh – und um 6 Uhr klingelte wieder der Wecker. «Während der Znünipause schliff ich dann mein Werkzeug für die nächste Nachtschicht», so Wäger.

Wäger hat noch eine Rechnung offen

Dieses Erlebnis prägte Wäger nachhaltig. «Es ist einfach faszinierend, mit den eigenen Händen etwas Grossartiges zu schaffen.» Es folgten weitere Boote: kleinere und grössere, Segel- und Motorboote, Jachten für Banker am Genfersee. Alle aus Holz, alle mit viel Liebe zum Detail von Grund auf selber gefertigt. Wenn Wäger über seine Boote redet, dann kann er seine Begeisterung nicht verbergen, bekräftigt diese mit energischen Gesten. Auch wenn Wäger nun ein wenig kürzertritt: Er hat noch nicht ausgeträumt und noch eine Rechnung offen mit der Comandante. «Es werden bereits Vorprojekte für eine Weiterentwicklung ausgearbeitet», lässt Wäger durchblicken, mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen.


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