Der Plan B der Touristiker

WINTERSPORT ⋅ Um die Folgen des Klimawandels zu meistern, investieren auch viele kleinere Gebiete in der Zentralschweiz weiterhin kräftig ins Geschäft mit dem Schnee. Manche Destinationen greifen dabei zu neuartigen Methoden.
02. November 2017, 00:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Der Klimawandel wird den Winter verändern – auch in unserer Region. In weniger als hundert Jahren werden laut Experten nicht nur sämtliche Zentralschweizer Gletscher wegschmelzen, auch die Schneegrenze wird um 500 Meter in die Höhe klettern. Zudem wird die Schneedecke wegen der höheren Temperaturen noch maximal halb so mächtig und deutlich weniger lang geschlossen sein. Die Zentralschweizer Tourismusorte reagieren auf diese Veränderung. Dabei dominieren zwei Strategien: Entweder man investiert verstärkt in die Wintersport-Infrastruktur oder aber man diversifiziert, um von der Wintersaison weniger abhängig zu sein.

Kaum ein Weg führt da an der künstlichen Beschneiung vorbei. «Für ein modernes Wintersportgebiet», schreibt der Verband Seilbahnen Schweiz, «ist sie heute unverzichtbar.» Denn: «Ein Wintersportort, der keine Schneegarantie bieten kann, hat je länger je schlechtere Karten.» Mit diesen Ansichten steht der Branchenverband nicht allein da. Fast alle Zentralschweizer Wintersportorte – vom tiefgelegenen Familienskigebiet Sattel-Hochstuckli bis zu den grossen und höhergelegenen Gebieten Engelberg-Titlis und Andermatt-Sedrun – haben in den letzten Jahren kräftig in die künstliche Beschneiung ihrer Pisten investiert. Das geht ins Geld: Ein Kilometer Pistenbeschneiung kostet rund 1 Million Franken.

Skigebiet tritt Flucht in die Höhe an

Viel Geld wenden Wintersportorte auch für neue Anlagen auf. So beispielsweise im Ferienort Sörenberg. Dort wird unter anderem gegenwärtig eine neue 4er-Sesselbahn auf den höchsten Luzerner Berg, das Brienzer Rothorn, gebaut. Es ist die erste Etappe eines fast 40 Millionen teuren Ausbauprojekts. Im Entlebucher Wintersportort hat man damit die Flucht in die Höhe angetreten: Das so besser erschlossene Gebiet Rothorn ist nämlich deutlich höher gelegen als das restliche Skigebiet. Trotzdem werden die Pisten dereinst bis zur Bergstation künstlich beschneit, bestätigt Tourismusdirektorin Carolina Rüegg.

Nach wie vor glaubt sie ans Geschäft mit dem Schnee, das für den Löwen­anteil des Umsatzes sorgt. «Auch in Zukunft wird bei uns noch Ski gefahren.» Trotzdem versuchen die Verantwortlichen nach Kräften, das Geschäft in den übrigen Jahreszeiten zu beleben. «Zusätzliche Sommeraktivitäten können wir aber nicht einfach aus dem Ärmel schütteln», gibt Rüegg zu bedenken.

Im Gebiet Engelberg-Titlis lässt sich oft noch vorzüglich Ski fahren, wenn niedrig gelegene Gebiete Schneemangel beklagen. Noch ist auch das Hauptverkaufsargument der Tourismusregion Engelberg, der Titlisgletscher, nicht dahingeschmolzen. Deshalb will Tourismusdirektor Frédéric Füssenich auch nicht den Untergang des Tourismus heraufbeschwören. Den möglichen Folgen des Klimawandels blickt er aber sehr wohl mit Respekt entgegen: Denn spätestens Ende dieses Jahrhunderts dürfte der Gletscher Geschichte sein. Der Anblick des dahinsiechenden Gletschers, gesteht der Tourismusdirektor, schmerze ihn aber schon heute. «Zudem müssen wir auch wegen des tauenden Permafrosts und der Gletscherschmelze künftig mit mehr Extremereignissen rechnen.»

Trotzdem ist für Füssenich klar: «Es werden weiterhin Touristen nach Engelberg kommen, und am Titlis wird auch ohne Gletscher noch lange Ski gefahren.» Dafür hat man schon jetzt viel Geld in neue Beschneiungsanlagen gesteckt. Wie auch andernorts versucht man in Engelberg, das Sommergeschäft auszubauen. Zwar überwiegen laut Füssenich schon jetzt die Logiernächte im Sommer (60 Prozent). Die Wertschöpfung allerdings ist im Winter deutlich besser. Einen ersten Schritt weg von Gletscher und Schnee sieht Füssenich dabei in der Errichtung des Cliff Walks – der höchst gelegenen Hängebrücke Europas. «Vielleicht führen aber auch die höheren Temperaturen in Zukunft zu einer Renaissance des Sommertourismus.»

Auch andernorts will man künftig weniger abhängig von der Wintersaison sein. Gerold von Rickenbach, Geschäftsführer ad interim der Sattel-Hochstuckli-Bahnen, sagt: «Dieser Wandel findet nicht über Nacht statt, die Weichen haben wir deshalb schon vor Jahren neu gestellt.» Das Sommergeschäft trägt laut von Rickenbach bereits mehr als die Hälfte zum Umsatz bei. 45 Prozent wird aber nach wie vor während der Wintersaison erwirtschaftet – obschon diese mit rund 100 Tagen deutlich kürzer ausfällt.

Grundsätzlich gelassen sieht’s Silvio Schmid, Geschäftsführer der Skiarena Andermatt-Sedrun: «Dank der Lage und Höhe ist unser Skigebiet sehr schneesicher – selbst wenn die Schneegrenze noch steigen sollte.» Trotzdem wurden in den letzten Jahren Millionen in neue Beschneiungsanlagen investiert. Auch künftig wollen die Verantwortlichen viel Geld in die Infrastruktur stecken.

Die Erwärmung bleibt im Urserntal aber nicht abstrakt. Würde man nicht schon seit 2005 einen Teil des Gurschengletschers am Gemsstock den Sommer über mit Vliesen abdecken, wäre dieser bereits stark geschrumpft. So habe man die Situation momentan im Griff, sagt Schmid. «Wie sich der Gletscher aber in 30 Jahren präsentieren wird, weiss niemand.»

Im Gebiet Gemsstock will man die Wintersaison künftig schon Ende Oktober einläuten. Möglich machen soll dies das sogenannte Snow-Farming – Schnee wird im grossen Stil überwintert (siehe Box). Diese Strategie könnte aufgehen. Denn auch Daniel Dommann, Medienverantwortlicher der Melchsee-Frutt, sagt: «Viele Gäste sehnen sich einen frühen Saisonstart herbei.» Nach den Sportferien würden viele Gäste die Ski in den Keller stellen – und auch bei besten Verhältnissen nicht mehr hervornehmen.

Wirzweli stellt den Skilift spätestens 2021 ganz ab

Trotz aller Bestrebungen, das Sommergeschäft anzukurbeln: Der klassische Wintertourismus bleibt ein wichtiges Standbein – auch für kleinere und tiefer gelegene Skigebiete. So glaubt Gerold von Rickenbach von den Sattel-Hochstuckli-Bahnen, für die nächsten 15 bis 20 Wintersaisons gewappnet zu sein. «Wir beobachten die Entwicklungen und investieren – sofern es wirtschaftlich ist – weiter in die technische Beschneiung. In unserem Skigebiet wird man so noch lange das Skifahren lernen können.»

Nebst Investieren und Diversifizieren gibt es eine dritte Möglichkeit: Aus dem Skizirkus aussteigen und den Betrieb einstellen. Als vorerst einziges Skigebiet hat sich Wirzweli zu diesem Schritt durchgerungen. Im Nidwaldner Familienskiort laufen die Skilifte noch so lange, bis grössere Investitionen anstehen. Spätestens 2021 ist aber Schluss. Ob und wie das Gebiet Wirzweli den Wegfall des Skigeschäfts verkraftet, dürften etliche Zentralschweizer Schneesportorte mit Interesse verfolgen. Für denselben Schritt wird sich aber wohl keiner von ihnen freiwillig entscheiden.


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