Der Traumatisierte

Der Tag des Sackmessers

06. Dezember 2017, 00:00

Samichlaus-Tag. Das bedeutet Mandarindli, herzige Gedichte, ehrfürchtige Kinderaugen, selig lächelnde Eltern. Kurz: garantiert schöne Erinnerungen – zumindest für die Erwachsenen. Für Klein Kilian bedeutete der Tag jedoch nur eines: Stress. Dazu muss man wissen, dass ich keine Geschwister habe, dafür einen älteren Cousin. Unsere ­Familien feierten den Anlass jeweils gemeinsam. Das ging so lange gut, bis mein Cousin selber im Sami­chlaus-Alter war.

Danach lief die Sache aus dem Ruder. Weil nämlich mein Cousin und mein Götti begannen, mir – dem Fünfjährigen mit den roten Wangen und den glänzenden Augen – die schlimmen Märchen vom Samichlaus und von seinem Schmutzli zu erzählen: «Wenn du das Jahr über nicht brav gewesen bist, nimmt dich der Chlaus in seinem Sack mit in den Wald.» Stellen Sie sich vor, was das in einem Kindergärtler auslöst. Ich hatte panische Angst, wollte ums Verrecken nicht in diesen Sack und fragte mich, ob ich brav genug ge­wesen war – ohne jemals ganz sicher zu sein.

Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Und so wurde der 6.Dezember zum Tag des Sackmessers: Aus der Küchenschublade stibitzte ich den kleinen roten Retter. Fest entschlossen, mich damit aus dem Sack zu schneiden, sollte es hart auf hart kommen. Kilian Rambo, Bear Grylls junior.

Gott sei Dank haben weder Eltern noch Samichlaus je etwas davon mitbekommen. Denn wer als Fünfjähriger trotz Verbot ein Taschenmesser mit sich herumträgt, hat den Sack verdient – herzige Gedichte hin, glänzende Kinderaugen her.

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch


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