Die Angst vor dem grossen Zittern

ERDBEBEN ⋅ Schweizer Hausbesitzer sind nicht automatisch gegen Erdbeben versichert. Seit der Katastrophe in Mittelitalien 2016 hat das Interesse an Erdbeben-Versicherungen aber deutlich zugenommen. Immer lauter ertönt zudem der Ruf nach einem Obligatorium.
13. April 2018, 00:00

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@ luzernerzeitung.ch

Die Uhr am Glockenturm in Ama­trice zeigte 3.36 Uhr an, als am 24. August 2016 ein Erdbeben Mittelitalien erschütterte. Die Seismologen notierten: Stärke 6 auf der Richterskala. Geblieben ist aber eine andere Zahl: 299 Todesopfer. Ganze Dorfteile lagen in Trümmern. Das Beben bekamen auch Versicherungen in der Schweiz zu spüren – in Form von Anmeldungen für eine freiwillige Erdbebenversicherung.

Bei der Zurich zum Beispiel schnellte der Anteil der Kunden aus dem Kanton Uri mit freiwilliger Erdbebenversicherung nach dem November 2016 von 1 auf 25 Prozent hoch. Dies gibt die Zurich auf Anfrage bekannt. Ebenfalls gross war die Zunahme im Kanton Schwyz: von 13,7 auf 23,2 Prozent. Im Kanton Luzern nahm der Anteil der Erdbeben-Versicherungskunden von 3,5 auf 4,5 Prozent zu. In Ob- und Nidwalden allerdings wurde ein leichter Rückgang verzeichnet; von 16 auf 14,4 (OW) respektive von 8,8 auf 5,6 Prozent (NW).

Auch die AXA stellte mehrheitlich eine Zunahme der Erdbeben-Versicherungskunden fest. In der Zentralschweiz hatten vor November 2016 rund 7,7 Prozent der Schadenversicherungskunden eine Erdbebenversicherung; ein Jahr später waren es 8,6 Prozent.

Die Mobiliar gibt auf Anfrage keine genauen Zahlen bekannt. Die Erfahrung zeige allerdings, dass die Anfragen vor allem nach einem Erdbeben zunehmen. Das bestätigt auch René Harlacher von der Zurich: «Nach dem Erdbeben in Amatrice mit seinen tragischen Folgen ist vielen Menschen in der Schweiz bewusst geworden, dass Gebäude und der Hausrat in der Schweiz nicht obligatorisch gegen Erdbeben versichert sind. Viele Menschen haben danach den Kundendienst angerufen und sich erkundigt, wie sie sich gegen Erdbeben versichern können.»

Nur in Zürich sind alle Gebäude versichert

Tatsächlich sind die Gebäude in der Schweiz ausser im Kanton Zürich nicht obligatorisch gegen Erdbeben versichert. Ein Obligatorium hatte bisher politisch keine Chancen. Der letzte Versuch stammt von den Kantonen. Die Konferenz der Kantonsregierungen klärte letztes Jahr ab, ob ein «Konkordat Obligatorische Erdbebenversicherung» ins Leben gerufen werden kann. Doch die Hälfte der Kantone stand der Idee skeptisch bis ablehnend gegenüber. Die angestrebte Abdeckung von mindestens 85 Prozent der zu versichernden Gebäude und Sachwerte wurde nicht erreicht.

Immerhin: Die Gebäudeversicherungen der meisten Kantone haben sich zu einem Pool zusammengeschlossen. Im Falle eines oder mehrerer Erdbeben pro Jahr werden betroffene Gebäudeeigentümer mit maximal zweimal 2 Milliarden Franken entschädigt. Die Summe wirkt stattlich, wird aber bei einem kräftigen Beben nicht ausreichen. So wird alleine nach dem Erdbeben in Mittelitalien 2016 mit einer Schadenssumme von 4 Milliarden Euro gerechnet.

Nun mag man sich fragen: Kann das auch bei uns passieren? Ja, lautet die Antwort des Schweizerischen Erdbebendienstes (SED) an der ETH Zürich. Nach Berechnungen des SED ist irgendwo in der Schweiz alle 50 bis 150 Jahre mit einer Magnitude von etwa 6 zu rechnen. Mediensprecherin Michele Marti: «Die Schweiz ist ein Erdbebenland.» Letztmals ereignete sich ein Beben in dieser Grössenordnung im Kanton Wallis. Das Beben vom 25. Januar 1946 mit Stärke 5,8 war das heftigste in der Schweiz des 20. Jahrhunderts. 3500 Gebäude wurden beschädigt. Vier Menschen kamen ums Leben.

Auch die Zentralschweiz wird immer wieder von stärkeren Beben heimgesucht. So zitterten am 11. Februar 2012 im Kanton Zug Böden und Wände. Das Beben mit Stärke 4,2 war bis ins Wallis und ins Tessin zu spüren, verursachte aber zwischen Zuger- und Ägerisee glücklicherweise kaum Schäden. Vor gut einem Jahr gab es auf dem Urnerboden ein Erdbeben mit einer Stärke von 4,6.

Erdbebendienst will nationale Lösung

Trotz der latenten Gefahr und der beschränkten Mittel aus dem Erd­bebenpool wollen weder der SED noch die Gebäudeversicherungen die Hauseigentümer zum Abschluss einer privaten, frei­willigen Erdbebenversicherung zwingen. «Das hängt von den persönlichen Finanzen, den Versicherungsbedingungen, dem Standort und dem Gebäudezustand ab. Der Schweizerische Erdbebendienst befürwortet aber eine schweizweite Versicherungslösung, welche die finanzielle Absicherung im Falle eines Erdbebens verbessert», sagt SED-Sprecherin Michele Marti. «Wir überlassen den Entscheid den Kunden», ergänzt Markus Clerc, Leiter des Direktionsstabs bei der Gebäudeversicherung Luzern. Auch Clerc stellt im Übrigen fest, dass die Zahl der Anfragen über eine Versicherung nach einem Erdbeben steigt.

Wer sich für eine freiwillige Erdbebenversicherung entscheidet, muss allerdings die Leistungen der Privatversicherung genau studieren. Das Konsumentenmagazin K-Tipp hat kürzlich festgestellt, dass Selbstbehalt und Prämie je nach Ort sehr unterschiedlich ausfallen. Als Basis diente ein Einfamilienhaus mit Baujahr 1970 und einem Versicherungswert von 500000 Franken. In Kantonen mit erhöhtem Erdbebenrisiko wie Basel beträgt die Prämie zwischen 146 Franken und 1072.50 Franken pro Jahr. In Freiburg mit geringerem Erdbebenrisiko kommt die Prämie auf 103 bis 619 Franken zu stehen. Auch der Selbstbehalt variiert: von 2 Prozent der Versicherungssumme bei der HIS Solutions von Helvetia oder der RMS von Lloyd’s bis zu 10 Prozent des Schadens bei der Zurich Versicherung.

Wer beurteilt überhaupt den Schaden?

Nicht nur aufgrund dieser Unterschiede geben SED und Gebäudeversicherungen keine generelle Empfehlung ab, eine private Erdbebenversicherung abzuschliessen. Sondern auch wegen der unklaren Schadensregulierung: Oft ist nicht klar, wer den Schaden protokolliert und wie die Entschädigung verteilt wird. Bei einer obligatorischen, einheitlichen Versicherungslösung wäre das klarer geregelt gewesen, bedauern die amtlichen Stellen.

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Video zur Geschichte der Erdbeben in der Schweiz: luzernerzeitung.ch/video


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