Einsatz scheiterte an maroder Tür

BEZIRKSGERICHT KRIENS ⋅ Die Luzerner Polizei ging am 9. März 2016 in Malters zu viele Risiken ein und musste mit dem Suizid der 65-jährigen Frau rechnen. Das sagte der Aargauer Staatsanwalt Christoph Rüedi gestern. Es gab keine Alternative, konterten die Polizeikader.
20. Juni 2017, 00:00

Alexander von Däniken

alexander.vondaeniken@luzernerzeitung.ch

War es fahrlässige Tötung oder ein wohlkalkulierter und rechtmässiger Einsatz, der ein tragisches Ende nahm? Um diese Frage wurde gestern vor Gericht gestritten. Auf der einen Seite standen Christoph Rüedi, der den «Fall Malters» als ausserordentlich eingesetzter Staatsanwalt zur Anklage brachte, und Oskar Gysler. Er vertritt als Anwalt den Sohn der 65-jährigen Frau, die sich im Zuge des Einsatzes vom 8. und 9. März 2016 das Leben nahm. Auf der anderen Seite standen Daniel Bussmann, Kripochef der Luzerner Polizei, der am Morgen des 9. März die Einsatzleitung übernahm, und Polizeikommandant Adi Achermann, der für die Intervention die Verantwortung übernahm. Staatsanwalt Rüedi beantragt Geldstrafen von 67 200 respektive 50 400 Franken, bedingt auf eine Probezeit von zwei Jahren, sowie eine Busse von je 1000 Franken. Gestern fand die erstinstanzliche Gerichtsverhandlung statt.

Die Verhandlung

Wegen des grossen Interesses fand die Verhandlung nicht in Kriens, sondern im Kantonsgericht am Luzerner Hirschen­graben statt. Tatsächlich waren alle für Journalisten und Interessierte vorgesehenen 48 Sitze besetzt. Achermann und Bussmann, begleitet von ihren Anwälten, entschieden sich für den Vordereingang, um ins Gebäude zu kommen. Während der Befragung im immer heisser werdenden Saal wirkte Daniel Bussmann sehr selbstsicher, Adi Achermann war die Nervosität etwas anzumerken. Nicht anwesend war der Sohn der 65-jährigen Frau.

Die Vorwürfe

Der ausserordentliche Aargauer Staatsanwalt Christoph Rüedi wirft Kripochef Daniel Bussmann vor, nicht alle Varianten detailliert geprüft zu haben, bevor er sich für den Zugriff entschied. Der Zugriff selbst sei voller unwägbarer Risiken gewesen. «Das hohe Risiko des Scheiterns war vorhersehbar», so Rüedi. Zumal die Frau selbst während der telefonischen Verhandlungen gesagt habe, sie würde sich oder den Polizisten etwas antun, wenn diese die Wohnung betreten. Die Frau erbat sich eine Frist von 24Stunden, um über sich und die Situation nachzudenken. Zudem verlangte sie, dass ihr Sohn, der zu dem Zeitpunkt im Kanton Zürich in U-Haft sass, freigelassen werde und sie mit ihm sprechen könne. Dazu sei es nicht gekommen. Adi Achermann wiederum habe sich freiwillig in die Verantwortung begeben – ohne aber entscheidende Details zu kennen.

Die Verteidigung

Schon bei der Befragung durch Kilian Emmenegger – der Krienser Bezirksgerichtspräsident leitete das dreiköpfige Richtergremium – legte Daniel Bussmann dar, warum es keine Alternative zur Stürmung der Wohnung gegeben habe. So sei ihm gesagt worden, die Frau sei brandgefährlich. Die Verhandlungen hätten sich während Stunden in einer Endlosschleife bewegt und zu keinem Ergebnis geführt. Die Frau war mit einem Revolver des Kalibers .357 bewaffnet und hatte bereits zwei Mal geschossen, zuerst in der Wohnung in eine Wand, dann aus dem Fenster. Hätte sie ein weiteres Mal aus dem Fenster geschossen, hätte das Dritte gefährdet – trotz grossräumiger Absperrung. Denn die Durchschlagskraft der Waffe entfalte ihre Wirkung auch über mehrere hundert Meter hinweg. Hätte sie beteuert, sie würde auf niemanden schiessen – es wäre Bussmann zum Vorwurf gemacht worden, wenn sie dann doch geschossen hätte. Bussmann: «Ich wäre auch hier, wenn ich gewartet hätte und sie sich in der Zeit das Leben nahm.» Adi Achermann betonte, dass er nicht an der Entscheidfindung beteiligt war, sondern erst danach dazukam. «Man sagte mir, die Verhandlungen befänden sich in einer Endlosschleife, deshalb habe ich den Interventionsentscheid unterstützt.»

Der Türrahmen

Gescheitert ist der Zugriff bereits an der Wohnungstür. Geplant war, dass das Verhandlungsteam die Frau ans Telefon bindet, sie sich ohne Waffe an einem bestimmten Ort befindet, ein Ablenkungsfeuerwerk gezündet, die Wohnungstür aufgebrochen und ein Hund reingeschickt wird. Als ein Einsatzteam allerdings die hydraulische Presse zum Öffnen der Wohnungstür installierte, spreizte sich bereits der Rahmen, ohne dass der Schlagbolzen zum Einsatz kam. Die Tür fiel also zu früh auf. Die Frau und das Verhandlungsteam versuchten derweil gleichzeitig, einander anzurufen, was naturgemäss misslang. Das Ablenkungsfeuerwerk zündete zwar, und der Hund wurde reingeschickt, doch da war die Frau bereits im Badezimmer, richtete ihre Katze und dann sich selbst. Gemäss Anklageschrift fielen die Schüsse «unmittelbar kurz bevor oder nachdem» die Türe aufgebrochen wurde. Daran hielt Christoph Rüedi fest. Oskar Gysler sagte: «Die Schüsse fielen eindeutig nach dem Öffnen der Tür.» Die Anwälte von Achermann und Bussmann beriefen sich auf Rüedis Aussage – und zwar darum, weil dadurch nicht bewiesen sei, dass die Intervention die Schüsse ausgelöst habe.

Die Urteilsfähigkeit

Die Anwälte von Achermann und Bussmann stellten auch in Frage, dass die Frau zum Zeitpunkt des Zugriffs nicht urteilsfähig war. Denn während Rüedi und Gysler die Paranoide Schizophrenie und einen akuten psychotischen Schub als eindeutige Zeichen sahen, dass die Frau nicht mehr frei über ihren Suizid entscheiden konnte – sie also von der Polizei unter Druck gesetzt wurde –, betonten die Verteidiger, dass die Frau in den Verhandlungen sehr klar und bestimmt auftrat. Umso gefährlicher wäre es geworden, wenn man den Sohn hinzugezogen hätte, so die Verteidigung. Denn ausgerechnet dieser Sohn habe seiner Mutter die Waffe mit Munition überlassen. Eine weitere mögliche Vertrauens- und Verhandlungsperson war der Anwalt der Frau. Bussmann nahm mit ihm Kontakt auf und vereinbarte, dass sich der Anwalt bei Bussmann melde, nachdem er mit der Frau gesprochen habe. Der Anwalt meldete sich aber nie. Laut Staatsanwalt Rüedi hat er es versucht, es wäre aber auch an Bussmann gelegen, sich nochmals zu erkundigen.

Das Urteil

Sollten keine Beweisanträge mehr in die Beurteilung fliessen, ist die öffentliche Urteilsverkündung auf den 27. Juni angesetzt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es nicht das letzte Urteil in diesem Fall sein wird. Bis auf weiteres dürfen Achermann und Bussmann keine heiklen Einsätze mehr leiten.

«Man sagte mir, die Verhandlungen befänden sich in einer Endlosschleife.»

Adi Achermann

Kommandant Luzerner Polizei

«Ich wäre auch hier, wenn ich gewartet und die Frau sich dann das Leben genommen hätte.»

Daniel Bussmann

Kripochef Luzerner Polizei

«Die Schüsse fielen eindeutig nach dem Öffnen der Tür.»

Oskar Gysler

Anwalt des Sohnes/Privatkläger

«Das hohe Risiko des Scheiterns war vorhersehbar.»

Christoph Rüedi

Ausserordentlicher Staatsanwalt


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