«Es müssen ungeheuer viele Möglichkeiten abgeklärt werden»

ZUGUNGLÜCK ⋅ Bis die Ursache der Entgleisung im Bahnhof Luzern bekannt ist, kann es noch Jahre dauern. Das überrascht Experte Walter von Andrian nicht. Wohl aber die Massnahme, welche die SBB einleiten.
10. Mai 2017, 00:00

Noch ist unklar, weshalb der italienische Eurocity am 22. März bei der Langensand-Brücke entgleist ist. Die SBB sind sich aber mittlerweile ziemlich sicher, dass der Zug nicht wegen eines beschädigten Gleises aus der Schiene sprang. Anders am 29. März: Damals entgleiste in Bern eine ­S-Bahn, weil eine Weiche gebrochen war. Die SBB prüfen nun, ob sie ihre Kontrollen verbessern und die Schienen künftig auch ­horizontal scannen sollen. Bisher werden sie vertikal durchleuchtet, um Brüche zu erkennen. Für Walter von Andrian bringt diese Massnahme kaum etwas.

Walter von Andrian, gemäss den SBB deutet vieles darauf hin, dass sich der Unfall im Bahnhof Luzern nicht aufgrund beschädigter Gleise ereignet hat. Offenbar soll eine Kombination von unterschiedlichen Problemen verantwortlich sein. Teilen Sie diese Auffassung?

Laut den offiziellen Aussagen ­haben weder die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) noch die SBB einen technischen Mangel gefunden, der eine Entgleisung allein erklären könnte. Somit muss man die Erklärung wohl in einem Zusammenwirken mehrerer Einflussfaktoren suchen, die – jeder für sich allein – keine Gefahr darstellen und nur beim gleichzeitigen Auftreten ein Risiko bergen.

Laut dem aktuellen Netz­zustandsbericht der SBB ist die Fahrbahn in einem ausreichenden Zustand. Dieser Wert gilt aber für das ganze Fahrbahnnetz und nicht für einzelne neuralgische Stellen wie jene im Bahnhof Luzern. Ist die Fahrbahn wirklich sicher?

Die Note ist ein Durchschnittswert, der für den Einzelfall gar nichts aussagt. Aber die SBB kontrollieren ihr Netz ja regelmässig mit einem Ultraschall-Messzug. (Die letzte Ultraschallmessung wurde am 28. Juni durchgeführt, Anm. d. Redaktion.) Wären damals Unstimmigkeiten aufgetreten, hätten die SBB sofort eingegriffen.

Die Gleise im Luzerner Bahnhof sind also keine Gefahr.

Nein, wieso sollten sie auch? Am Gleis wurde kein Mangel ausserhalb der zulässigen Toleranzen festgestellt.

Trotzdem prüfen die SBB, ob es zusätzlich horizontale Ultraschallkontrollen braucht. Begrüssen Sie diesen Schritt?

Solche horizontalen Ultraschallkontrollen dürften schwierig zu realisieren sein – und sie sind auch kaum verhältnismässig. Brüche treten in der Regel am Schienenkopf oder -steg auf, also im oberen Teil einer Schiene. In Bern ist die Schiene zwar im Schienenfuss gebrochen. Aber solche Brüche sind extrem selten.

Die Sust teilte jüngst mit, es könne noch Jahre dauern, ehe die Unfallursache klar sei. Ist eine so lange Unter­suchungsdauer üblich?

Leider ja. Denn wenn man keine offensichtlichen Spuren erkennen kann, müssen ungeheuer viele Möglichkeiten abgeklärt werden. Möglicherweise sind sogar neue Berechnungen und Simulationen erforderlich.

Interview: Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Walter von Andrian ist Chefredaktor und Herausgeber der «Schweizer Eisenbahn-Revue». Der Verlag hat seinen Sitz in Luzern.

«Es ist nicht unüblich, dass eine Untersuchung so lange dauert.»

Walter von Andrian

Chefredaktor «Schweizer Eisenbahn-Revue»


Leserkommentare

Anzeige: