ETH misst Tsunami-Gefahr für Luzern

02. Oktober 2017, 00:00

Forschung Mitten in der Nacht auf den 18. September 1601 erschütterte ein Erdbeben der Magnitude 5,9 auf der Richterskala die Zentralschweiz. See-Sedimente gerieten ins Rutschen, und ein Teil des Bürgenstocks stürzte in den Vierwaldstättersee. Kurz darauf folgte eine Flutwelle, lokal bis zu 8 Meter hoch. Sie forderte mindestens acht Todesopfer, die meisten in der Umgebung von Beckenried. Auch am nächsten Tag war der See wild und rau – trotz des schönen und windstillen Wetters. Die Reuss trocknete phasenweise komplett aus, «dass man schier trochens fusses herüber hette gan mögen», wie der Luzerner Stadtschreiber Renward Cysat in seinem Augenzeugenbericht festhielt.

Wie gross ist die Gefahr, dass sich erneut ein Tsunami ereignet? Das will ein breitangelegtes Forschungsprojekt herausfinden, an dem nebst der Uni Bern und dem Zentrum für Marine Umweltwissenschaften Bremen auch die ETH Zürich und besonders der ihr angeschlossene Schweizerische Erdbebendienst mitarbeiten. Um die Beschaffenheit der Sedimente des Vierwaldstättersees genauer zu erforschen, sollen während 22 Monaten Messungen auf dem Seegrund durchgeführt werden. Ein entsprechendes Gesuch liegt bei der Dienststelle Raum und Wirtschaft des Kantons Luzern auf.

Neun Sonden werden See-Sedimente erforschen

Wird dieses bewilligt – die Einsprachefrist läuft bis am 21. Oktober –, soll die erste 200 Kilogramm schwere Sonde noch vor Ende Jahr auf den Grund des Vierwaldstättersees gelassen werden. Weitere acht Ozeanboden-Seismometer sollen im nächsten Jahr zum Einsatz kommen. Wie sind die Sedimente beschaffen, inwiefern können sie ein Erdbeben verstärken, und welche Bodenbewegungen braucht es, damit sie ins Rutschen geraten? Das sind die zentralen Fragen, auf die Forscher Antworten suchen. Die gewonnenen Daten werden in eine Computersimulation eingespeist, um Rückschlüsse zu ziehen über die Wahrscheinlichkeit und Grösse einer erneuten Zentralschweizer Flutwelle.

Eine Untersuchung des Vierwaldstättersees habe sich angeboten, vor allem weil das letzte Tsunami-Vorkommnis so gut dokumentiert ist – und weil bereits viel Vorarbeit geleistet worden sei, sagt Donat Fäh vom Schweizerischen Erdbebendienst. «Zudem liegt der Vierwaldstättersee von allen Schweizer Seen in dem Gebiet mit der höchsten Erdbebenaktivität.» Finanziert wird das 2 Millionen teure Projekt hauptsächlich vom Schweizerischen Nationalfonds. Fast 1 Million kosten alleine die Messungen und deren Interpretation. Die Umsetzung der Forschungserkenntnisse in eine aktuelle Gefahrenkarte finanziert voraussichtlich das Bundesamt für Umwelt.

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch


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