«Fixierungen gibt es kaum mehr»

PFLEGEHEIME ⋅ Damit sich Betagte nicht selber verletzen, können Institutionen freiheitseinschränkende Massnahmen anordnen. Das tun sie zwar immer weniger – trotzdem ist jeder vierte Luzerner Bewohner betroffen.
11. Mai 2017, 00:00

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Eine Horrorvorstellung: Eine demente Heimbewohnerin wird mit einem Gurt an ihr Bett fixiert. Das Heim ordnet dies an, weil sich die Frau nicht selber verletzen soll. Irgendwann verheddert sie sich im Gurt. In ihrer Panik will die Betagte die Pfleger rufen, nur gelingt ihr das nicht: Sie kann den Alarmknopf nicht erreichen. Erst als ihr Sohn zu Besuch kommt und das Pflegepersonal alarmiert, wird sie aus ihrer Zwangslage befreit.

Dieser Fall, der sich in einem Walliser Alters- und Pflegeheim zugetragen hat, machte jüngst der «Sonntagsblick» publik. Der Artikel thematisiert freiheitseinschränkende Massnahmen in Schweizer Alters- und Pflegeheimen. Darin bezog sich die Zeitung auf eine Studie des Heimverbandes Curaviva, wonach 25 Prozent aller Heimbewohner der Schweiz eine bewegungseinschränkende Massnahme auferlegt wird. Die Erhebung basiert auf Beobachtungen, welche in zehn Heimen gemacht worden sind. Laut einer Darstellung von Curaviva ist die zitierte Studie daher nicht repräsentativ. Dennoch bestätigt der Präsident von Curaviva Luzern, Roger Wicki, dass der Wert zutrifft. «Allerdings nur, wenn man den Begriff der freiheitseinschränkenden Massnahmen weit fasst.» Denn nicht jeder vierte Luzerner Heimbewohner werde an sein Bett gefesselt. Als freiheitseinschränkende Massnahme gelte bereits, wenn jemand in einer geschützten Wohngruppe lebe. «Das macht alleine mehr als die Hälfte aller freiheitseinschränkenden Massnahmen aus», so Wicki. Ein anderes Beispiel dafür seien sogenannte Bodenkontaktmatten, in denen ein Sensor eingebaut ist. Dieser meldet dem Pflegepersonal, wenn ein Bewohner sein Bett verlässt und auf die Matte tritt. «Damit können wir schnell reagieren, wenn sturzgefährdete Personen nachts aufstehen», erklärt Wicki.

Alters- und Pflegeheime können freiheitseinschränkende Massnahmen verordnen, wenn ein Betagter Gefahr läuft, sich selber oder andere zu verletzen. Oder wenn ein reibungsloses Zusammenleben schlicht nicht mehr möglich ist. Curaviva Luzern stellt fest, dass in den letzten Jahren immer weniger solcher Massnahmen angeordnet werden – besonders Fixierungen gäbe es kaum mehr. Und dies, obwohl die Zahl der Demenzerkrankungen ansteigt: 2014 waren in Luzern gemäss der Schweizerischen Alzheimervereinigung noch 5200 Personen an Demenz erkrankt. Bis ins letzte Jahr stieg die Zahl auf 5700 an. Laut seiner Demenzstrategie geht der Kanton Luzern davon aus, dass sich diese Zahl in den nächsten zwei Jahrzehnten verdoppeln wird. Und dennoch sind weniger Fixierungen nötig – weshalb? Wicki: «Wir haben heute mehr und bessere Hilfsmittel, um mit sturzgefährdeten Personen das Laufen zu trainieren.» Weiter sei die Sensibilisierung mit der Einführung des neuen Erwachsenenschutzrechts gestiegen: «Und damit auch die Chance, die adäquateste Massnahme zu wählen.»

Keine Beschwerden in Luzern

Dies dürfte mit ein Grund sein, weshalb der Entscheid für bewegungseinschränkende Massnahmen in Luzern praktisch nicht hinterfragt wird: Angehörige von urteilsunfähigen Personen – also von Demenzkranken – könnten die Anordnung solcher Massnahmen bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) anfechten. Gemäss der Vizepräsidentin der Kesb der Stadt Luzern, Marion Loretan, ist dies aber noch nie passiert, seit es die Kesb gibt – also seit 2013.

Gleiche Informationen gibt auch die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA). Aus der gesamten Deutschschweiz gingen bei der UBA im letzten Jahr 467 Beschwerden und Anfragen ein. 36 davon stammten aus dem Kanton Luzern. Allerdings hatte keine einzige bewegungseinschränkende Massnahmen zum Thema. «Der Kanton Luzern kann sich ob dieser Tatsache glücklich schätzen», sagt UBA-Geschäftsleiterin Ruth Mettler Ernst auf Anfrage unserer Zeitung. Denn aus anderen Kantonen würden durchaus Meldungen über unverhältnismässig angeordnete Massnahmen eingehen. «Allerdings», so Mettler Ernst, «stellen auch wir fest, dass die Heime sehr bewusst mit dem Thema umgehen, das Personal schulen und möglichst darauf bedacht sind, die mildeste aller Massnahmen anzuwenden.»

Zu Hause sind Missbräuche häufiger

Die Alters- und Pflegeheime müssen regelmässig Rechenschaft über die Freiheitseinschränkungen abliefern. Dafür zuständig im Kanton Luzern ist die Dienst­stelle Soziales und Gesellschaft (Disg). Mindestens alle vier Jahre kontrolliert diese jedes Heim vor Ort. Laut UBA-Geschäftsführerin Mettler Ernst besteht die grösste Gefahr des Missbrauchs aber nicht in den Heimen, sondern im häuslichen Bereich. Dies, weil pflegende Angehörige häufig überfordert seien und nicht das nötige Wissen hätten. Gleicher Meinung ist Wicki: «Durch die deutliche Gesetzeslage ist den Heimen klar, dass die Massnahmen zurückhaltend anzuwenden sind.» Und dass sie verpflichtet seien, die mildestmöglichen Massnahmen anzuwenden. Jede einzelne Anordnung bleibt für die Heime aber eine schwierige Aufgabe: «Wir müssen immer wieder abwägen, was wichtiger ist: die Sicherheit oder die Autonomie der Bewohner. Das ist eine Gratwanderung.»

Trotz des Rückgangs der Verhängungen glaubt Wicki, dass die Zahl wieder steigt. Erstens, weil die Zahl der Demenzerkrankungen zunimmt. «Und weil Betagte immer später in ein Heim ziehen, weshalb sie automatisch mehr Pflege benötigen.»

«Wir müssen immer wieder abwägen, was wichtiger ist: Sicherheit oder Auto­nomie.»

Roger Wicki

Präsident Curaviva Luzern


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