Florida stellt mutmasslichen Täter an Pranger

05. August 2017, 00:00

Hergiswil/Orlando Der Fall hat viele Menschen erschüttert: Ein 55-jähriger Mann mit Wohnsitz in Hergiswil NW reiste in die USA, um dort ein Mädchen sexuell zu missbrauchen. Der mutmassliche Täter hatte mit dem vermeintlichen Vater, einem verdeckten Ermittler, Kontakt aufgenommen und wurde darauf in Orlando (Florida) verhaftet.

Neben den Schweizer Medien berichten auch die amerikanischen über den Fall. Die Art der Veröffentlichung könnte aber unterschiedlicher nicht sein: Während Schweizer Strafverfolgungsbehörden und Medien zurückhaltend sind mit Informationen, wird der Mann in den USA öffentlich an den Pranger gestellt. Sie geben Vor- und Nachnamen, Wohnort und Alter des Mannes bekannt. Auf der Polizei-Homepage postet der zuständige Sheriff ein Foto des Mannes. Der Fall scheint klar: Der 55-Jährige ist schuldig.

USA: Nur Autonummer und Konfession bleiben geheim

Diese Freizügigkeit mit Informationen ist insofern interessant, als man in den Vereinigten Staaten gegen alles und jeden Anklage einreichen kann. Dennoch: Angst vor einer Klage hat Tod Good­year, Polizeisprecher in Orlando, nicht. Im Bundesstaat Florida gebe es keine ­engen Regeln bezüglich Datenschutz. «Uns ist erlaubt, Namen, Adressen, Arbeitgeber und Fakten zum Fall bekanntzugeben.» Einzig die Sozialversicherungsnummer, die Konfessionszugehörigkeit und die Autonummer dürfe die Polizei nicht preisgeben.

Diese Spielregeln gelten für Erwachsene. «Jugendliche oder Opfer von Gewalttaten sind besser geschützt.» Das Gleiche gilt bei Fotos: Bilder von Verdächtigen dürfen gezeigt werden, sofern es sich nicht um Jugendliche oder Opfer handelt.

Schweiz: Grundsatz der Unschuldsvermutung

In der Schweiz ist eine solche Menge an Informationen über ­einen Verdächtigen undenkbar: Wer hier Namen von mutmasslichen Tätern oder gar Fotos publiziert, muss mit einer Klage rechnen. Das gilt für die Polizei, die Staatsanwaltschaft und auch für Journalisten.

Im Gegensatz zur Praxis in den USA gilt in der Schweiz – solange die Person noch nicht verurteilt ist – stets der Grundsatz der Unschuldsvermutung. Die Staatsanwaltschaft, die Gerichte sowie mit deren Einverständnis die Polizei können die Öffentlichkeit nur dann über hängige Verfahren orientieren, wenn damit die Bevölkerung bei der Aufklärung von Straftaten oder bei der Fahndung nach Verdächtigen mitwirken kann. Auch wenn durch die Öffentlichkeitsarbeit die Bevölkerung gewarnt oder beruhigt werden kann, darf informiert werden. Selbst in solchen Situationen aber wird der Persönlichkeitsschutz hoch gewichtet. Es werden nur die absolut nötigsten Angaben bekannt. (kuy)


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