Freikirchen holen Pfarreien ins Boot

ÖKUMENE ⋅ Lange hatten die «offiziellen» Landeskirchen und die Freikirchen das Heu nicht auf derselben Bühne. Doch beim freikirchlichen Mega-Event «Explo 17» auf der Luzerner Allmend wollen auch Katholiken und Reformierte dabei sein.
14. November 2017, 00:00

Robert Knobel

robert.knobel@luzernerzeitung.ch

Wenn die Mitternachtsmessen in den Luzerner Kirchen verklungen sind, startet auf der Allmend ein nachweihnächtliches Grossereignis: Tausende versammeln sich in den Messehallen, um Gottesdienste zu feiern, charismatischen Predigern mit Livemusik zuzuhören oder einfach über Gott und das Leben zu diskutieren.

«Explo 17» heisst der christliche Kongress, der nach 2015 zum zweiten Mal in Luzern stattfindet. Damals strömten in vier Tagen 6000 Gläubige auf die Allmend. Organisiert wird der Anlass von Campus für Christus, einem freikirchlich orientierten Verein, der aber Berührungspunkte mit der reformierten Landeskirche hat.

Die Zusammenarbeit mit den Reformierten wurde in den letzten Jahren immer enger. Und nicht nur dies: Auch die katho­lische Kirche wagt neuerdings eine Annäherung an den freikirchlichen Kosmos. Der Basler Bischof Felix Gmür hat seine Pfarreien dazu ermutigt, an der «Explo» teilzunehmen. Und wenn es ihm zeitlich drinliegt, wird der Bischof sogar selber auf der Allmend vorbeischauen. Bereits definitiv zugesagt hat der neue Pfarrer der Luzerner Hofkirche, Ruedi Beck. Er wird nicht nur als Besucher an der «Explo» teilnehmen, sondern hat auch seine Mithilfe angeboten. So gehört er zu einem Team von Seelsorgern, die sich an der «Explo» für persönliche Gespräche zur Verfügung stellen. «Die Zeiten, in denen sich Katholiken und Freikirchen vor allem mit Misstrauen begegneten, sind vorbei», sagt Ruedi Beck.

Ökumene richtet sich nun auch an Freikirchen

Er sei neugierig auf die Begegnung mit anderen Christen, sagt Beck. Dass man nicht in allen Glaubensfragen übereinstimmt, stellt für ihn kein Problem dar. «Es ist doch selbstverständlich, dass man trotz unterschiedlicher Meinungen zusammenarbeitet.» Dank diesem Grundsatz schafften es Katholiken und Reformierte in den letzten Jahrzehnten, sich friedlich anzunähern. Jetzt scheint der Zeitpunkt gekommen, um die Ökumene auf freikirchliche Bewegungen auszudehnen. Das bestätigt der reformierte Pfarrer Jonas Oesch aus Horw, der ebenfalls an der «Explo» aktiv teilnehmen wird. «Wir können viel voneinander lernen», sagt Oesch. «Die Freikirchen zeigen uns, wie man ohne falsche Hemmungen Zeugnis seines Glaubens ablegen kann.» Die Freikirchen wiederum könnten von den traditionellen Institutionen lernen, wie man mit einer sehr heterogenen Gemeinde umgeht.

Beim ersten Mal waren die Landeskirchen überrumpelt

Die von Campus für Christus organisierte «Explo» gibt es als Grossanlass schon seit Jahrzehnten und fand früher meist in Basel oder Lausanne statt. Als der Anlass 2015 nach längerer Pause nach Luzern verlegt wurde, waren Katholiken und Reformierte erst einmal überrumpelt. Wie sollte man mit einem Anlass umgehen, der einen Glaubensstil zelebriert, welcher vielen traditionellen Kirchgängern völlig fremd war? Gleichzeitig war die «Explo» mit ihren 6000 Besuchern schlicht zu gross, als dass man sich um einen Positionsbezug foutieren konnte. Also wurde eine Arbeitsgruppe mit Vertretern von Katholiken, Reformierten und Freikirchen geschaffen. Ruedi Beck und Jonas Oesch sind heute Teil dieser Gruppe. Ihre Aufgabe ist es, im Rahmen der «Explo» gemeinsame Projekte ins Leben zu rufen. Der Höhepunkt dieser Bestrebungen ist dieses Jahr eine Lichterfeier rund ums Luzerner Seebecken. Dort sollen sich am 31. Dezember «Explo»-Teilnehmer und Mitglieder der Luzerner Pfarreien treffen und gemeinsam feiern.

Reformierte sollen es jetzt besser machen

Die durch die «Explo» initiierten Aktivitäten ziehen aber noch weitere Kreise, die über den vier­tägigen Kongress hinausgehen. So haben Ruedi Beck und Jonas Oesch zusammen mit der freikirchlichen Markuskirche Luzern gemeinsame Gottesdienste ins Leben gerufen. Dreimal im Jahr wird gemeinsam in der katholischen Mariahilfkirche, in der reformierten Kirche Horw oder eben in der Markuskirche gefeiert. «Wir sehen im anderen Bruder und Schwester. Damit wollen wir ein Zeichen setzen in einer zunehmend polarisierenden Gesellschaft», begründet Jonas Oesch sein Engagement. Dass er sich als Reformierter für den Dialog mit den Freikirchen einsetzt, erklärt Oesch aber auch mit einer historischen Schuld. «Man vergisst oft, dass die Protestanten früher freikirchliche Bewegungen wie die Täufer brutal verfolgt haben.» Aus diesen Fehlern habe man gelernt und wolle heute den Freikirchen trotz Differenzen mit Wohlwollen begegnen. Ruedi Beck räumt ein, dass man in Sachen Ökumene mit den Freikirchen noch ganz am Anfang stehe. «Die Zusammenarbeit zwischen Katholiken und Reformierten ist heute stark institutionalisiert. Mit den Freikirchen fehlen solche Gefässe noch.»

Dass sich Christen unterschiedlicher Konfessionen an­nähern, beobachtet auch Rachel Stoessel, Sprecherin von Campus für Christus. «Das gegenseitige Vertrauen ist in den letzten Jahren gewachsen. Bei den wesentlichen Punkten gibt es wenig, wo wir uns nicht einig sind.»

Hinweis

Explo 17: 29. Dezember

bis 1. Januar, Messe Luzern.

Lichterfeier am Seebecken:

31. Dezember ab 16.30 Uhr.

www.explo.ch

Reformierter Pfarrer, Horw


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