Im Parlament regiert er mit dem Handy

LUZERN ⋅ Nationalratspräsident Jürg Stahl besuchte gestern Morgen unsere Redaktion. Er zieht Bilanz über seine Amtszeit, die in zwei Wochen enden wird. Im Gespräch gab er Einblick in seine Geschäfte und verriet dabei ein paar Geheimnisse.
14. November 2017, 00:00

Auf den ersten Blick scheint es wie eine reguläre Redaktionssitzung: Am runden Tisch haben sich gestern Morgen zahlreiche Journalisten unserer Zeitung mit den jüngsten Ausgaben und der Zeitungsplanung für die laufende Woche versammelt. Doch am Kopf des Tisches sitzt nicht wie gewöhnlich Chefredaktor Jérôme Martinu, sondern der höchste Schweizer – Nationalratspräsident Jürg Stahl (SVP). Zwischen zwei Sessionen hat der 49-jährige Swiss-Olympic-Verbandspräsident aus Winterthur Zeit gefunden, um unsere Redaktion zu ­besuchen und aus dem Bundeshaus-Nähkästchen zu plaudern. «Alles off the record», so wie das auch bei den immer mal wieder stattfindenden Bundesratsbesuchen auf Redaktionen Usus ist. Wahrscheinlich ahnt der seit 1999 als Nationalrat amtierende Stahl aber schon, dass demnächst etwas darüber zu lesen sein wird. Schliesslich ist der höchste Schweizer nicht jeden Tag in unserer Region unterwegs. Aber selbstverständlich bleiben Details über das Gespräch geheim. Die meisten jedenfalls.

Stahl, dessen Ratspräsidium in zwei Wochen endet, schaut auf ein bewegtes Jahr zurück. Er hatte beispielsweise die ehrenvolle Aufgabe, den abgetretenen Didier Burkhalter zu verabschieden und dessen Nachfolger Ignazio Cassis zu vereidigen. Zur Vereidigung vom 20. September löst er noch ein Rätsel auf. Denn sowohl im Parlament als auch unter den Zuschauern herrschte damals Irritation darüber, dass Cassis, der Stahl den Eid nachsprechen sollte, unvermittelt auf Italienisch wechselte. Jürg Stahl klärt auf: «Im Drehbuch hat der Nebensatz ‹in Ihrer Muttersprache› gefehlt, den ich hätte sagen müssen.» In Anbetracht der 28-seitigen Anleitung aber ein kleiner Lapsus.

Unter der Führung von Jürg Stahl – so verrät er selber – sei es im Parlament wohl etwas ruhiger geworden. Die Glocke, die für die Ermahnung zur Ruhe bereitsteht, kam nur selten zum Einsatz. «Wird sie zu oft gebraucht, verfehlt sie schnell ihre Wirkung.» Er vergleicht dieses Szenario mit lauten Kindern und Eltern, die ständig «Psst, ruhig, seid still» sagen. «Am Ende ärgert man sich mehr über die Eltern als über die Kinder», sagt er und lacht. Als Familienvater kennt er solche Situationen nur zu gut.

Jürg Stahl liebt ein lebhaftes Parlament

Um im Parlament für Ruhe zu sorgen, hat Jürg Stahl ohnehin eine ganz andere Methode entwickelt: «Jene Politiker, die zu laut sind, erhalten von mir – ganz unauffällig – einen Telefonanruf. Sehen sie meinen Namen auf dem Display, genügt ein Blick – und das Problem ist gelöst.» Ein weiterer Grund für den geringen Einsatz der Glocke mag noch dieser sein: Jürg Stahl begrüsst grundsätzlich ein aktives Parlament. Kein Wunder, fühlte er sich im Kreise von uns Journalisten – die wir auch nicht immer auf dem Mund sitzen können – ganz wohl.

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch


Leserkommentare

Anzeige: