Immer mehr junge Luxuspatienten

KRANKENKASSEN ⋅ Innerhalb von vier Jahren hat sich die Zahl halbprivat oder privat versicherter Kinder am Luzerner Kinderspital verdreifacht. Ein Zuwachs, der sich für die Kliniken lohnt.
08. Juli 2017, 00:00

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernzeitung.ch

Der Chefarzt schaut täglich nach den kleinen Patienten, er operiert das Kind, die Eltern erhalten gratis Verpflegung und ein zusätzliches Bett: Diese Konditionen gelten im Kinderspital des Luzerner Kantonsspitals (Luks), wenn das Kind privat versichert ist.

Die Zahl privat versicherter Kinder am Luzerner Kantonsspital hat sich in den vergangenen vier Jahren verdreifacht, wie Luks-Sprecherin Ramona Helfenberger auf Anfrage unserer Zeitung sagt. Waren im Jahr 2012 noch 4,3 Prozent der Kinder halbprivat und privat versichert, stieg die Zahl letztes Jahr auf knapp über 12 Prozent. Von rund 4100 behandelten Kindern pro Jahr sind das knapp 500. Die genauen Zahlen zur Entwicklung will Helfenberger nicht kommunizieren.

Krankenkassen verzeichnen steigende Tendenz

Eltern geben immer mehr Geld für die Versicherung ihrer Sprösslinge aus. Diese Entwicklung bestätigen auch angefragte Krankenkassen. Bei der Concordia waren vor zehn Jahren im Kanton Luzern 90 Kinder bis 15 Jahre privat versichert. Heuer sind es 602. Ähnlich sieht es bei der KPT/CPT aus: Waren vor zehn Jahren im Kanton Luzern noch 0,2 Prozent der unter 18-Jährigen privat versichert, sind es heute 1,6 Prozent. Auch die CSS als grösste Krankenkasse der Schweiz verzeichnet eine «leicht steigende Tendenz», sagt Sprecherin Christina Wettstein. Derzeit seien bei der CSS im Kanton Luzern 7 Prozent der Kinder privat versichert. Schweizweit sind es 14 Prozent.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig, wie eine Umfrage bei den Krankenkassen zeigt. So seien gemäss KPT/CPT unter anderem die freie Arzt- und Spitalwahl ausschlaggebend. Ein weiteres Argument sind die Rettungskosten: «Gerade für Familien, die viel reisen, macht eine private Versicherung Sinn», sagt Barbara Weber, Mediensprecherin der KPT/CPT. Zudem sei es Eltern wichtig, ihr Kind frühzeitig halbprivat oder privat zu versichern. Grund: Hat das Kind mal einen Unfall oder es wird ernsthaft krank, erschwert dies den Übertritt in eine andere Klasse nach der Gesundheitsprüfung.

Stefan Heini, Leiter der Medienstelle bei Helsana, nennt einen weiteren Grund: «Wenn Eltern privat oder halbprivat versichert sind, möchten sie den gleichen Standard für ihre Kinder.» Zudem seien die Prämien für Kinder attraktiv. Bei Helsana zahlt man für die private Versicherung mit Spital-Franchise 0 Franken beispielsweise für ein 5-jähriges Kind aus der Stadt Luzern eine monatliche Prämie von 26 Franken. Ist das gleiche Kind halbprivat versichert mit einer Spital-Franchise von 0 Franken, kostet es monatlich 8.10 Franken. Konkrete Zahlen zu halbprivat und privat versicherten Kindern kommuniziert Helsana nicht.

Vergleichbar mit Helsana sind die Prämien bei Concordia. Bei Kindern bis 15 Jahre kostet eine Privatversicherung ohne Franchise, aber mit Unfalldeckung, 25.90 Franken monatlich. Die Prämien für die halbprivate Versicherung belaufen sich – ohne Franchise und mit Unfalldeckung – auf 15.10 Franken. Ist das Kind allgemein versichert, kostet die Prämie mit Unfalldeckung 2 Franken.

Mehr Zweierzimmer im Luzerner Kinderspital

Das Kinderspital des Luks – mit Zentrumsfunktion für die Zentralschweiz – hat Ausbaupläne. Allerdings nicht aufgrund der geschilderten Entwicklung, wie Ramona Helfenberger sagt, sondern weil der Bau grundsätzlich sanierungsbedürftig sei. Zum Neubau sagt sie: «Eine separate Abteilung für zusatzversicherte Kinder ist auch in Zukunft nicht geplant.» Ziel sei es dennoch, Patienten ein auf ihre Versicherungsklasse abgestimmtes Zimmer anzubieten. Bis zum Neubau des Kinderspitals im Jahr 2025 würden zur Überbrückung diverse Massnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur für Patienten, Besucher und Personal umgesetzt. «In diesem Rahmen werden etwa die Anzahl der Zweierzimmer erhöht und neu auch Einzelzimmer angeboten», sagt sie. Auch der geplante Neubau werde über mehr Zweier- und Einzelzimmer verfügen. Zudem weist Helfenberger darauf hin, dass auch allgemein versicherte Kinder Einzelzimmer nützen können, wenn es medizinisch angezeigt ist.

Zürich: Stellenausbau wegen privat versicherter Kinder

Ausserkantonal zeigt sich ein ähnliches Bild: Im Kinderspital in Zürich stieg die Zahl halbprivat und privat versicherter Kinder von 11 Prozent im Jahr 2012 auf 17 Prozent im vergangenen Jahr. Ein paar Jahre vor Luzern – per Ende 2021 – wird in Zürich die neue Kinderklinik eröffnet. Die Entwicklung bei den zusatzversicherten Kindern werde dabei in der Planung miteinbezogen, sagt Michael Meier, Finanzdirektor des Kinderspitals Zürich: «Dem Umstand wird insofern Rechnung getragen, dass es im Neubau praktisch nur noch Einer- und Zweierzimmer geben wird.» Zudem könne man die Zweierzimmer auch in zwei Einzelzimmer verwandeln.

Ausserdem bietet das Kinderspital in Zusammenarbeit mit dem Verein Zürcher Krankenhäuser ein Angebot für privat und halbprivat versicherte Patienten an. So wird den Kindern je nach Status ein Einzel- oder Zweierzimmer garantiert, sie können mehrere Multimediaangebote nutzen und haben kostenlosen Internetzugang. Die Eltern profitieren während des Spitalaufenthalts von einem Gratisparkplatz in der Tiefgarage. Des Weiteren wird bei der Terminplanung Rücksicht genommen. Das heisst: Für Spitaleintritte, Abklärungen und Sprechstunden gibt es eine Auswahl an Terminen. Damit dies gewährleistet werden könne, «kam es auch zu einer Erhöhung der Stellenprozente in der Pflege, beim Servicepersonal und in der Verwaltung», sagt Meier.

Trotz Mehraufwand: Der Finanzdirektor begrüsst diese Entwicklung: «Da Spitäler mit allgemein versicherten Patienten in der Regel keinen Gewinn erzielen, sind die zusatzversicherten Patienten aus betriebswirtschaftlicher Sicht von Bedeutung.» Dem pflichtet auch Ramona Helfenberger vom Luzerner Kantonsspital bei. Doch Meier relativiert: «Der Anteil von weniger als 20 Prozent ist nach vor klein.»


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