«Manchmal wäre ich froh, ich dürfte die Spritze selber setzen»

TIERSCHUTZ ⋅ In Luzern dürfen ausschliesslich Veterinäre verletzte Tiere einschläfern. Das macht Igelschützerin Evelyne Noser zu schaffen: Nicht immer findet sie einen Tierarzt, der einen Igel schnell von seinen Leiden erlösen kann.
09. Mai 2017, 00:00

Karsamstag in Ebikon, kurz vor 18 Uhr: Erika Noser ist im Stress, sie erwartet Besuch. Es klingelt; doch vor der Tür stehen nicht die Gäste. Dafür ein Ehepaar, das ­einen Igel dabei hat, der schwer verletzt ist: Die Wunden an der Schnauze sind tief, ein Auge fehlt. Das Paar bittet Evelyne Noser, sich um das Tier zu kümmern. So, wie es die Luzerner Igelschützerin schon Hunderte Male getan hat. Doch sofort weiss sie: In diesem Fall kann sie nichts mehr tun. Zu übel zugerichtet ist der Igel. Er muss eingeschläfert werden. Das aber kann Noser nicht tun, im Kanton Luzern dürfen nur Tierärzte Einschläferungen vornehmen – so genannte Euthanasien. Gleiches gilt für Betäubungen, also für Sedationen. «Daher wollte ich einen befreundeten Tierarzt anrufen», sagt Noser im Gespräch mit unserer Zeitung. Nur ist dieser über die Feiertage mit seiner Familie verreist. Also versucht sie es bei einem anderen Tierarzt. Aber auch dort geht niemand ans Telefon. «Ich musste bis zum Dienstag nach Ostern warten, ehe ich den Igel vorbeibringen konnte.» Sie habe ihm aber Schmerzmittel gespritzt, um ihm das Leiden wenigstens zu erleichtern. Diese Erlaubnis hat sie.

Seit 2014 benötigt Evelyne Noser eine Bewilligung für ihre Igelstation. Vorher bestand lediglich eine Meldepflicht. Seit jeher ist es aber so, dass nur Tierärzte Einschläferungen und Betäubungen übernehmen dürfen. Anders war das bisher im Kanton Zürich: Dort haben Igelpfleger Tiere selber eingeschläfert, um sie von ihren Leiden zu erlösen. Doch nun hat auch Zürich die Schraube angezogen: Aufgrund eines neuen Merkblattes, das der Bund Anfang Jahr veröffentlichte, dürfen Igelpfleger die erlösende Spritze nun auch hier nicht mehr selber setzen. In Zürich stösst das auf Unmut. Zum Beispiel bei Erika Heller aus Winterthur. Gegenüber dem «Blick» sagt sie, es könne Stunden dauern, bis ein Tierarzt vor Ort sei. Besonders an Wochenenden und nach Feierabend. «Ohne Spritzen leiden die Tiere Höllenqualen.»

Noser: Tierarzt rückte wegen Igel nicht aus

Zurück nach Ebikon: Evelyne Noser hat sich mit der kantonalen Vorgabe zwar arrangiert. Sie selber sagt aber auch: «Manchmal wäre ich froh, ich dürfte selber Euthanasien durchführen.» Zum Beispiel eben an Feiertagen. Aber auch sonst hat sie – je nach Tages- und Nachzeit – Mühe, einen Tierarzt aufzutreiben. Laut dem stellvertretenden Kantonstierarzt Martin Brügger existiert in Luzern «seit langem ein gut organisierter tierärztlicher Notfalldienst». Man könne also davon ausgehen, dass die Tiere keine unnötigen Qualen leiden müssten. Evelyne Noser weiss von diesem Notfalldienst, hat ihn aber am Karsamstag nicht angerufen. Auf diese Idee sei sie gar nicht gekommen: «Als ich das in anderen Fällen tun wollte, wurde mir am Telefon gesagt, dass der Tierarzt nur wegen eines Igels nicht vorbeikommen würde.»

Zum Glück für Noser und die Igel könne sie sich aber in aller Regel auf einen befreundeten Tierarzt verlassen. Im Normalfall sind Einschläferungen kostenlos. Für kleinere Eingriffe fällt ein Unkostenbeitrag an, den der Verein Pro Igel übernimmt. Ganz anders sieht es aus, wenn sie einen Igel in einer Tierklinik einschläfern ­lassen muss. Bis zu 200 Franken koste eine Euthanasie. Auf Anfrage erklärt Martin Keiser, der Leiter der Tierklinik Obergrund, dass die Kosten variieren – je nach Aufwand und Zeitpunkt: «Wir haben eine 24-Stunden-Notfallfallabteilung. Wenn einer unserer Ärzte um 3 Uhr morgens wegen eines Igels ausrückt, dann müssen wir den Aufwand decken können.» Daher erhebt die Klinik rund 60 Franken für einen solchen Einsatz. Eine Umfrage unserer Zeitung bei anderen Tierkliniken zeigt indes: Nicht alle verrechnen etwas, wenn sie ein Wildtier einschläfern müssen.

Im Moment befinden sich neun Igel in der Obhut von Evelyne ­Noser. Und sie ist froh, dass ihr der Gang zum Tierarzt in naher Zukunft erspart bleiben wird: «Von den neun Tieren ist keines lebensbedrohlich verletzt.» Die neun Igel bedeuten für Noser wenig Arbeit. Aber sie weiss, dass sich das schnell ändern kann: «Im letzten Jahr habe ich 224 Igel aufgenommen. 59 sind leider verstorben, 19 davon mussten wir einschläfern.»

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch


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