Neuer Verein macht den Tod auch für Kinder begreifbar

31. Oktober 2017, 00:00

Trauerbegleitung Für Familien, die von schwerer Krankheit oder Verlust betroffen sind, kann eine Familientrauerbegleitung eine wichtige Hilfe bedeuten. Ein in Luzern gegründeter Verein bietet hier Unterstützung. Präsidiert wird er von Eliane Bieri, einer verheirateten Mutter von drei Kindern im Alter von vier bis zehn Jahren. Bieri arbeitet Teilzeit als Pflegefachfrau im Kinderspital in Luzern. Die 41-Jährige war zuvor während zehn Jahren auf der Kinderintensivstation tätig. Während dieser Zeit war sie vermehrt mit Sterbebegleitungen und Trauersituationen konfrontiert. «Wenn der Tod unausweichlich ist, ist nicht nur das Sterben eines Kindes schlimm, sondern auch die Tatsache, dass die Eltern beim Verlassen des Spitals oft allein dastehen», sagt sie. «Das ganze Konstrukt, welches die Familie zusammengehalten hat, fällt plötzlich weg.» Manchmal sei es für Eltern eine sehr grosse Anforderung, nebst ihrer Trauer auch auf die Trauer der anderen Kinder einzugehen. Dabei sei es enorm wichtig, dass jedes Familienmitglied in seiner Trauer individuell wahrgenommen und begleitet werde. «Kinder und Jugendliche brauchen vor allem altersentsprechende Informationen, um den Tod begreifen zu können.»

Vor vier Jahren begann Eliane Bieri, sich intensiver mit dem Thema Trauerbegleitung auseinanderzusetzen. Sie absolvierte Weiterbildungen bei der Lebensgrund GmbH in Luzern. Dabei lernte sie die Familientrauerbegleiterin Mechthild Schroeter Rupieper aus Deutschland kennen. «Die Methode, mit der diese Frau arbeitet, hat mich so überzeugt, dass ich den Diplomlehrgang als Familientrauerbegleiterin absolviert habe. Ein Schwerpunkt dieser Methode ist, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer gesehen werden und für ihre Gefühle Raum und Ausdruck bekommen», fügt Bieri an. Mit fünf weiteren Frauen, die denselben Lehrgang besucht haben, hat sie vor einem Jahr den Verein familietrauerbegleitung.ch gegründet – mit dem Ziel, ein Netzwerk aufzubauen, in dem Familien, Kinder und Jugendliche in schweren Verlustsituationen professionell Begleitung anfordern können.

In Luzern soll bald eine Trauergruppe entstehen

Wer als Trauerbegleiterin für familientrauerbegleitung.ch arbeiten möchte, muss eine solide Ausbildung in Trauerbegleitung absolvieren. «Es ist unser Ziel, dass Trauerbegleiterinnen in der ganzen Schweiz vermittelt werden können», sagt Bieri. Aktuell sei man noch in der Aufbauphase. Die selbstständig arbeitenden Frauen – momentan gibt es keine Männer – haben einen Stundenansatz von 120 Franken. Falls eine Familie diesen Betrag nicht aufbringen kann, besteht die Möglichkeit für eine finanzielle Unterstützung durch den Verein. Neben dem Angebot von Einzelbegleitung wird der Aufbau von Trauergruppen gefördert. «Es ist wichtig, dass sich Kinder und Jugendliche in ihren Altersgruppen austauschen können», erklärt Bieri. In Bern existiert bereits eine Trauergruppe, in Luzern soll nächstes Jahr eine entstehen. Alle Frauen vom Vorstand arbeiten ehrenamtlich. «Wir sind jedoch auf finanzielle Unterstützung, namentlich auf Spendengelder, angewiesen – auch für das Entgelten der Administrationsarbeit.» Die Nachfrage für Trauerbegleitung sei zunehmend. «Bis anhin haben wir rund zehn Familien in ihrem Trauerprozess begleiten können. Unser Verein hat aktuell 100 Mitglieder, die den Verein ideell und finanziell fördern.»

Die Fähigkeit zu trauern habe jeder Mensch, sagt Bieri. Trauerarbeit bei Kindern geschehe oft über den Ausdruck im Spiel, in der Kreativität sowie im Erzählen. «Wenn ich in eine Familie komme, informiere ich die Kinder offen, warum ich da bin.» Die Auseinandersetzung mit eigenen Trauer- und Verlusterlebnissen ist für diese Arbeit sehr wichtig.

«Wir Menschen haben die Fähigkeit, Krisen zu überstehen»

Der Tod ihres Vaters war für Bieri und ihre Familie ein prägender Einschnitt. «Dabei hat mich sehr berührt, wie unterschiedlich die Kinder ihrem Alter entsprechend damit umgegangen sind.» So meinte ihre vierjährige Tochter ein Jahr nach dem Verlust, der Grossvati sei genug gestorben, er könne nun wieder zurückkommen. «Trauer ist eine Grundfähigkeit, wie auch Freude. Viel schlimmer als die Trauer aber ist, von ihr ausgeschlossen zu werden. Verlust hört niemals auf. So wenig, wie die Liebe zum verstorbenen Menschen aufhört.» In der Trauerbegleitung würden Gefühle der Trauer wahrgenommen und ausgedrückt, weiss Bieri. «So können die Kinder und Jugendlichen wachsen und erfahren, dass wir Menschen die Fähigkeit haben, Krisen zu überstehen.»

Jeanette Voltz

stadt@luzernerzeitung.ch


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