Polizei bremst Raserbande aus

VERKEHR ⋅ Jahrelang treiben sechs junge Raser ihr Unwesen in der Zentralschweiz – mit bis zu 280 Stundenkilometern heizen sie über hiesige Autobahnen. Ihre Eitelkeit wurde ihnen jetzt zum Verhängnis.
11. Juli 2017, 00:00

Kilian Küttel

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Lewis Hamilton brachte es beim Gand Prix von Österreich auf 328,8 Stundenkilometer. Zwar ging der Sieg am Sonntag an den Finnen Valtteri Bottas, schneller als Hamilton war aber keiner der 19 anderen Formel-1-Piloten.

Was auf einer Rennstrecke geht, funktioniert offenbar auch auf der Autobahn. Jedenfalls fast: Die Luzerner Polizei hat eine Bande ausgehebelt, welche über drei Jahre hinweg immer wieder Raserfahrten auf Zentralschweizer Autobahnen veranstaltet hatte. So war ein 21-jähriger, eingebürgerter Mann aus dem Kanton Nidwalden mit 280 Stundenkilometern auf der Autobahn in Altdorf unterwegs. Den Führerschein hatte er zu diesem Zeitpunkt gerade einmal sechs Tage. Der gleiche Mann jagte später auch noch mit 250 und 210 Stundenkilometern über die Autobahn bei Stans.

Anzeige wegen Drohung brachte alles an den Tag

Aufgeflogen ist die Bande nicht etwa, weil eine Radarfalle zuschnappte. Die sechs jungen Männer sind viel mehr über ihre eigene Eitelkeit gestolpert. «Die Luzerner Polizei hat im April bei einem der mutmasslichen Täter eine Hausdurchsuchung gemacht, weil eine Anzeige wegen Drohung gegen ihn vorlag», sagt Simon Kopp, Sprecher der Luzerner Staatsanwaltschaft.

Dort fand sie diverse Datenträger. Auf den Festplatten entdeckte die Polizei Videos, welche die jungen Männer während ihrer Raserfahrten aufgenommen hatten. Eines der Videos zeigt eine Fahrt auf der Baselstrasse in der Stadt Luzern mit 100 Stundenkilometern. Auf einem anderen Video sind die Männer zu sehen, wie sie mit 190 Stundenkilometern durch den Spiertunnel bei Horw blochen.

Dass die Polizei auf Datenträgern belastendes Material findet, kommt laut Kopp immer wieder vor. «Wir sind sehr froh, dass wir diese Personen zumindest vorübergehend von der Strasse holen konnten.» Ein solcher Fall sei einzigartig, die 280 Stundenkilometer ein «trauriger Negativrekord». Obwohl die sechs Männer alle im Kanton Nidwalden wohnen, hat sich die Luzerner Polizei des Falls angenommen – weil die Anzeige wegen Drohung aus dem Kanton Luzern eingegangen ist. Die Nidwaldner sind zwischen 21 und 24 Jahre alt und stammen aus der Schweiz, Deutschland und Bosnien. «Es war einfach geil, so schnell unterwegs zu sein», sagte einer von ihnen bei der polizeilichen Befragung. Eines der Videos zeigt ihn, wie er mit 213 Stundenkilometer über eine Autobahn jagt. Einen Führerschein hatte er zu diesem Zeitpunkt nicht, da er diesen schon wegen einer zu schnellen Fahrt hatte abgeben müssen.

Die Raser fuhren Mietautos

Wer solche Geschwindigkeiten auf dem Tacho hat, fährt keinen normalen Smart. So auch nicht diese Raser, welche sich ganz besondere Karossen ausgesucht haben. Unter anderem einen Audi RS 6, einen Mercedes GT oder einen Nissan GTR. Jedes dieser Modelle bringt eine Leistung von über 500 Pferdestärken auf die Strasse. Das Besondere an der Geschichte: Die Raser hatten die Autos weder gekauft noch geleast, sondern von einem Autogeschäft gemietet (siehe Box).

Nebst den Geschwindigkeitsübertretungen müssen sich einige der sechs Männer auch wegen anderer Delikte verantworten. Die Palette ist breit und reicht von verbotener Pornografie bis zu Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittel- und gegen das Waffengesetz. Laut Simon Kopp hat die Polizei Beweise wegen Marihuanakonsum und wegen Verstössen gegen das Waffengesetz mit einem Messer, einem Schlagring und einer Pistole gefunden.

Für die Untersuchung zuständig ist die Staatsanwaltschaft Sursee. Da diese noch andauert, ist ein Gerichtstermin vorderhand nicht klar, ebenso ist das Strafmass nicht abzusehen. Den Beschuldigten dürfte aber eine mehrjährige Freiheitsstrafe winken. Kopp: «Natürlich gilt die Unschuldsvermutung. Aber der Kanton Luzern ist bekannt dafür, dass wir den Gesetzesrahmen ausnutzen, um verantwortliche Raser mit aller Härte zur Rechenschaft zu ziehen.»


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