Robin und 150 andere Schüler machen Lehrern das Leben schwer

STÖREFRIEDE ⋅ Im Kanton Luzern werden grundsätzlich alle Kinder in der Regelschule integriert. Jene, die negativ auffallen, können zwar in eine Sonderschule versetzt werden. Doch das kann Jahre dauern.
24. November 2017, 00:00

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Nennen wir ihn Robin. Irgendwo im Kanton Luzern besucht er derzeit die zweite Sekundarklasse. Doch zum Lernen ist Robin nicht da. Der Bub hält sich an keine Vereinbarungen, versäumt jeg­liche Termine und ist gegenüber Lehrpersonen respektlos. Auch ausserhalb der Schule fällt Robin negativ auf. Ein Fall für die Regelschule? Mitnichten, könnte man meinen. Der 14-Jährige gehört in eine Sonderschule, da sind sich Lehrer, Schulleitung und Sozialpädagogen einig. Intern und extern hat man diverse Sondermass­nahmen durchgeführt – allesamt sind sie gescheitert. Vorübergehend wurde das Kind gar von der Schule suspendiert. Etliche Gespräche mit allen Beteiligten haben schon stattgefunden. Der Jugendliche sitzt heute immer noch in der Regelklasse.

Kein Wunder ist Robins Klassenlehrer frustriert: «Was muss passieren, damit endlich Massnahmen ergriffen werden?» Obwohl der Lehrer, der schon einige Jahre Erfahrung aufweist, das integrative Schulmodell generell begrüsst, sieht er auch dessen Grenzen. «Es muss möglich sein, solche Querulanten aus der re­gulären Schule zu entlassen – zu Gunsten des Schülers, der Mitschüler, der Lehrer, der Schul­sozialarbeiter.» Der Pädagoge betont, das Wohlergehen des Schülers liege ihm am Herzen, aber er könne es nicht verantworten, ihn zu unterrichten, «weil die normale Schule für ihn das falsche Umfeld ist. Er kann nichts profitieren.» Robin ist nun seit ungefähr 1 1/2 Jahren in dieser Klasse. Die Schwierigkeiten mit ihm waren von Anfang an da, haben sich mit der Zeit allerdings akzentuiert. Schon in der sechsten Primarklasse war der Schüler negativ aufgefallen, wie der jetzige Klassenlehrer weiss.

Antrag erst nach psychologischer Abklärung

Für solche Szenarien hat man im Kanton Luzern einen Massnahmenkatalog mit klar definierter Vorgehensweise. Charles Vincent, Leiter der kantonalen Dienststelle Volksschulbildung, sagt: «Wenn alle Massnahmen der Regelschule und auch eine Auszeit in der Time-out-Klasse getroffen wurden und sich nichts bessert, kann die Schulleitung bei uns gestützt auf eine schulpsychologische Abklärung einen Antrag auf Sonderschulung stellen.» Dabei muss der Fall allerdings genau dokumentiert sein. Will heissen: Alle Bemühungen müssen von der Schulleitung schriftlich dargelegt werden.

Zudem ist es von Vorteil, wenn die Eltern oder die Erziehungsberechtigten mit dem Vorhaben einverstanden sind. Doch auch wenn dies nicht der Fall ist, könne sich die Dienststelle für eine Sonderschulung entscheiden, sagt Vincent.

Pro Jahr gehen bei der Dienststelle Volksschulbildung aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten wie bei Robin rund 150 Anträge zur Prüfung einer Sonderschulung ein. Bei einer Gesamtschülerzahl von rund 40000 sind das weniger als 0,5 Prozent. Bei ganz wenigen Verfügungen komme es zu Beschwerden, wie Vincent sagt. Dies sei vor allem dann der Fall, wenn das Kind für die Sonderschulung in ein Internat soll.

Die Sonderschule Mariazell in Sursee und das Schul- und Wohnzentrum in Malters sind die zwei grössten privaten Sonderschul­institutionen im Kanton Luzern, die verhaltensauffällige Kinder aufnehmen. Die Plätze dort seien allerdings auf insgesamt 200 beschränkt «und derzeit ausgelastet», ergänzt Vincent.

Neben der Sonderschulung gibt es seit knapp fünf Jahren für alle Regelklassen die Integrative Förderung (IF). Mit diesem System werden insbesondere lernbehinderte Kinder unterstützt, die früher in den Kleinklassen untergebracht waren. Aber auch hochbegabte Schüler werden im Einzelfall gefördert. Im Jahr 2015 hat man das integrative Schul­modell erstmals im Rahmen der regulären Schulevaluation untersucht. Aus den Ergebnissen ging damals hervor, dass die Integration in 40 Prozent aller Luzerner Schulen nicht ausreichend institutionell geregelt ist (wir berichteten). Gegenüber unserer Zeitung erwähnte der Leiter der Evaluation dazumal die steigende Zahl schwieriger Schüler. Darunter fallen etwa hyperaktive Kinder oder Kinder wie Robin, die mit ihrem respektlosen Verhalten Grenzen überschreiten.

Langer Weg bis zur Versetzung

Der Kanton lässt die Integrative Förderung als System im Hinblick auf die Überprüfung des Sonderschulkonzepts demnächst von der Universität Zürich erneut untersuchen, wie Charles Vincent sagt.

Selbst wenn die Integration in gewissen Fällen nicht klappt: Vincent ist überzeugt vom integrativen Schulsystem. «Viele Kinder und Jugendliche können mit dieser Unterstützung im normalen Rahmen einer Regelklasse gut gefördert werden und müssen nicht separiert werden.» Dem pflichtet auch Annamarie Bürkli, Präsidentin des Luzerner Leh­rerinnen- und Lehrerverbands (LLV), bei. Sie betont jedoch auch die Grenzen des Systems: «Wenn die Regelschule für Kinder nicht geeignet ist, müssen Alternativen geprüft werden.» Das Prozedere dauert jeweils lan­ge, wie Bürkli aus eigener Erfahrung weiss. Darum kann sie auch den Frust jener Lehrpersonen nachvollziehen, die einen solchen Fall betreuen. «Solche Abklärungen rauben viel Energie.» Dennoch: Ein schnelleres Verfahren ist unrealistisch: «Versetzungen in eine Sonderschule müssen seriös untersucht werden.»

Die lange Dauer wird auch von Robins Lehrer bemängelt. «Schwierig wird es vor allem dann, wenn die Schulleitung mit dem Antrag an die Dienststelle zuwartet.»


Anzeige: