SBB wollen Schienen besser durchleuchten

ENTGLEISUNG ⋅ Sieben Wochen nach der Entgleisung eines Eurocitys im Bahnhof Luzern ist die Unfallursache weiterhin unklar. Trotzdem überprüft die Bahn nun ihr Sicherheitskonzept.
09. Mai 2017, 00:00

Kilian Küttel, Bern

kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

Ein Konferenzzimmer in einem Bürogebäude mitten in Bern: Am 22. März ging es hier hoch zu und her. In diesem Raum im Infrastrukturzentrum leiteten die SBB die Notmassnahmen ein, welche die Entgleisung des Eurocitys im Bahnhof Luzern notwendig gemacht hatten. Gestern, rund sieben Wochen später, orientierten die SBB im gleichen Zimmer über die Hintergründe der Entgleisungen von Luzern und von Bern. Letztere hatte sich eine Woche später ereignet. «Die zeitliche Nähe ist die einzige Gemeinsamkeit der Unfälle», sagte Philippe Gauderon, Infrastruktur-Chef bei den Bundesbahnen.

Die Ursache der Entgleisung in Bern ist mittlerweile so gut wie geklärt: Eine gebrochene Weichenzunge war schuld daran, dass am 29. März eine S-Bahn der BLS im Bahnhof der Hauptstadt aus den Schienen sprang.

Verkettung unglücklicher Umstände

Offen bleibt indes, was die Entgleisung im Luzerner Bahnhof verursacht hat. Dennoch äusserten die SBB eine Hypothese zum Unfallhergang. «Wir gehen davon aus», so Gauderon «dass es sich um eine unglückliche Verkettung von Elementen handelt. Für sich allein hätten diese nicht zu einer Entgleisung geführt, in Kombination aber schon.» Als Beispiele nannte SBB-Konzernleitungsmitglied Gauderon mögliche Probleme mit dem Bremssystem oder mit elektronischen Komponenten der Steuerung. Als sicher gilt, dass der Zug nicht zu schnell aus dem Bahnhof Luzern gefahren ist. Laut Gauderon war er gar langsamer unterwegs als mit den erlaubten 40 Stundenkilometern. Und: Die Weichen, welche 2005 eingebaut wurden, seien regelwerkkonform unterhalten worden. Die Untersuchung der Ursache führt die Schweizerische Unfalluntersuchungsstelle (Sust). Auf Anfrage unserer Zeitung sagt Christoph Kupper, der den Bereich Bahnen und Schiffe bei der Sust leitet, es sei nicht absehbar, wann die Ursache kommuniziert werden könne: «Es könnte Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern.» Derzeit befinden sich Teile des Zuges in Italien. Dieser musste ins Ausland überführt werden, da die erforderlichen Werkzeuge für Messungen und Arbeiten am Zug nur im dortigen Werk vorhanden sind. Grund für die langwierigen Abklärungen ist die Komplexität des Falles. «Es ist möglich, dass aufwendige Simulationen erforderlich sind, welche Zeit benötigen», erklärt Kupper. Gleicher Meinung war gestern auch Stefan Sommer, Leiter Fahrbahn bei den SBB: «Bei einer Entgleisung sieht man in der Regel schnell erste Spuren, welche eine Hypothese ermöglichen. In diesem Fall gab es solche Hinweise aber nicht.» Weiter wollten die SBB zu den Ursachen keine Stellung nehmen. Gauderon: «Alles andere wäre Spekulation.»

SBB überdenken Kontrollen

Dafür präsentierten die SBB in einer anderen Frage harte Fakten: 11 Millionen Franken kostete die Entgleisung. Je 5 Millionen fallen für die Schäden an der Infrastruktur und am Zug an. Die restliche Million floss in die Kommunikation sowie in das Bahn­ersatzkonzept. Wer die Kosten trägt und ob allenfalls die Besitzerin des Zuges, das italienische Unternehmen Trenitalia, belangt wird, konnte Gauderon nicht sagen: «Wichtiger ist jetzt, herauszufinden, was zur Entgleisung geführt hat.»

Aufgrund der Zwischenfälle in Luzern und Bern erwägen die SBB, ihre Kontrollen anzupassen – etwa die Untersuchung der Schienen durch Ultraschall. Heute werden diese nur senkrecht gescannt. Dadurch ist es laut den SBB nicht möglich, Schäden im untersten Teil einer Schiene zu bemerken. Den Weichenbruch in Bern hatte ein Riss verursacht, der in diesem Teil entstanden war. Deshalb klären die SBB ab, ob Schienen in Zukunft auch waagrecht durchleuchtet werden sollen. Überdies prüfen die SBB, die Züge mit Entgleisungsdetektoren auszurüsten. Damit könnten die Fahrzeuge bei einem Zwischenfall schneller bremsen.


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