So breitet sich das Kantonsspital aus

PRAXIS-STREIT ⋅ In den letzten Jahren hat das Luzerner Kantonsspital rund ein Dutzend Praxen ausserhalb des Spitalstandorts eröffnet. Damit greift es in die ambulante Versorgung ein. Das ärgert nicht nur die Hausärzte.
12. April 2018, 00:00

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

Das Luzerner Kantonsspital (Luks) realisiert nach und nach ambulante Praxen ausserhalb des Hauptstandortes. So zum Beispiel das Gesundheitszentrum Mattenhof in Kriens, das im Herbst 2019 eröffnet werden soll. Diese Expansionsstrategie eckt bei den ansässigen Hausärzten an – 28 Horwer und Krienser Grundversorger drohen, bei einer Realisierung des Mattenhofs, ihre Patienten nicht mehr dem Spital zuzuweisen (Ausgabe von gestern). Ein Blick über den Hauptstandort hinaus offenbart, dass das Luks mittlerweile über viele weitere Standorte verfügt: eine Augenklinik am Hirzenhof in Luzern und eine Augenpraxis in Baar. Zudem zieht das Brustzentrum an der Seidenhofstrasse in Luzern ein, in Sursee befindet sich die Dialyse-Station im Buchenhof, wo Nierenpatienten behandelt werden. Ferner betreibt das Spital eine sportmedizinische Abteilung in der Allmend, eine Hebammenpraxis im Grendel und ein Röntgeninstitut an der Theaterstrasse in Luzern (siehe Grafik). Noch bis im letzten Jahr war das Kantonsspital mit 25 Prozent an den Monvia-Gemeinschaftspraxen in Hochdorf und Inwil beteiligt. Greift das Spital in die ambulante Versorgung ein, sehen sich Hausärzte und freipraktizierende Spezialisten zunehmend unter Druck.

In den vergangenen Jahren hat das Luks also diverse Bereiche ausserhalb des Hauptstandortes angesiedelt. Zum einen handelt es sich um Auslagerungen wie etwa das Brustzentrum, zum anderen um neu errichtete Angebote wie das Ambulatorium im Mattenhof. Das Luzerner Kantonsspital begründet die zusätzlichen Praxen mit den «beengten Räumlichkeiten am Hauptstandort», wie dessen Kommunikationsleiter Andreas Meyerhans sagt. Die knappen Raumkapazitäten seien eine Folge der demografischen Entwicklung sowie der mittlerweile in die Jahre gekommenen Bausubstanz des Spitals. Meyerhans führt aus: «Die Bausubstanz hat einen erheblichen Erneuerungsbedarf. Sanierungen und Anpassungen finden während des laufenden Betriebs statt. Solche Bautätigkeiten bedingen Auslagerungen, damit Patienten auch während Bauphasen versorgt werden können.»

Luks: Wohnortnahe Betreuung hat an Bedeutung gewonnen

Neben der Entlastungen an den Spitalstandorten hätten Auslagerungen einen weiteren positiven Aspekt. Meyerhans macht ein Beispiel: «Weil auf dem Spitalareal in Sursee zu wenig Platz vorhanden war, hat man die Nierenabteilung des Luks im Buchenhof in Sursee untergebracht. Der Standort Buchenhof ermöglich dem Luks eine wohnortsnahe Versorgung der Nierenpatienten aus der Region Sursee/Sempachersee.»

Meyerhans weist ausserdem darauf hin, dass sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen über die Jahre hinweg generell geändert hätten. Als Stichworte nennt er unter anderem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Teilzeitarbeit. «Das spiegelt sich auch im Spitalbetrieb wider», hält er fest und folgert: «So müssen auch Versorgungs- und Arbeitsmodelle angepasst werden.» Gerade die wohnortnahe Betreuung habe an Bedeutung gewonnen. Aus diesem Grund wird das Luks künftig auch in Baar am Zuger Kantonsspital eine Radio-Onkologieabteilung in Betrieb nehmen. So können die krebskranken Patienten aus dem Raum Zug voraussichtlich ab 2019 in Baar behandelt werden. Das Luks mietet die Räumlichkeiten und stellt seinerseits einen Teil des Personals und der Geräte zur Verfügung. Am Hauptstandort in Luzern würden gleichzeitig Kapazitäten abgebaut, so Meyerhans.

In einem Fall hat das Luks eine bestehende Praxis übernommen, nämlich das Röntgeninstitut an der Theaterstrasse in der Stadt Luzern (Medical Imaging Luzern AG). Dieses Angebot führe zu einer Entlastung am Hauptstandort, vermeide Zusatzinvestitionen und würde überdies die Wartezeiten für Patienten im Spital massgeblich reduzieren, so der Luks-Kommunikationsleiter.

Mit Platzknappheit und Patientenbedürfnissen begründet das Spital also den Zuwachs an externen Standorten. Aldo Kramis, Präsident der Luzerner Ärztegesellschaft, kann die Argumente nicht ganz nachvollziehen. Für ihn ist auf der einen Seite klar, dass komplexe Krankheiten und Verletzungen hoch spezialisierte Medizin benötigen, zu der nicht nur die Apparaturen, sondern auch die ambulanten Sprechstunden gehören. «Doch dies sollte am Zentrumsspital selber und nicht in externen Praxen betrieben werden.» Der Bau der Augenklinik am Hauptstandort, die Erweiterung der radio-onkologischen Abteilung in Baar und der interdisziplinäre Notfall seien für die Patienten eine Verbesserung in der Versorgung, ist sich Kramis sicher. Trotz Mehrwert von externen Spitalpraxen hält er generell fest: «Spital-ambulante Praxen konkurrenzieren die freipraktizierenden Ärzte.» Verärgert ist er insbesondere über die dezentralen Praxen. So etwa über die diversen Augenpraxen oder die kardiologischen Angebote. Gemäss aktuellem Verzeichnis zählt die Stadt Luzern – ohne Luks-Angebote – schon mehr als ein Dutzend Kardiologen. «Es ist nicht nötig, das Angebot zu erweitern», stellt der Präsident der Luzerner Ärztegesellschaft klar und fügt an: «Ich finde es nicht gut, dass sich das Spital bei der ambulanten Versorgung derart einmischt. Solche Einrichtungen konkurrenzieren die freipraktizierenden Ärzte bei der Suche nach Nachfolgern für ihre Praxen.»

«Ausbau der Zweiklassenmedizin»

Daniel Stäuble ist gleicher Meinung wie der Präsident der Ärztegesellschaft Luzern. Der Hand- und Wiederherstellungschirurg, der seit 2002 in Sursee tätig ist, sagt: «Die Spitäler – sowohl öffentliche als auch private – drängen immer mehr in den ambulanten Bereich und in die ambulante Grundversorgung.» Das bedeute denn auch, dass die Kosten im Gesundheitswesen, vor allem im spital-ambulanten Bereich «ungebremst steigen» werden. Ferner führe das zu einer erhöhten Prämienlast für die Versicherten, so Stäuble. Um das zu verhindern, hat der Mediziner auch einen Lösungsansatz: «Es braucht zuerst eine gemeinsame Versorgungsplanung unter Einbezug der bestehenden Angebote.» Es könne nicht sein, dass Spitäler Praxen eröffnen, wo kein Bedarf vorhanden sei. Stäuble: «Die ärztliche Gesundheitsversorgung ist nun mal kein freier Markt und droht bei solchen Entwicklungen zunehmend in das von Bundesrat Alain Berset geforderte, staatlich rationierte System abzudriften.» Für die Bürger hiesse das gemäss Stäuble: «Ausbau der Zweiklassenmedizin, Einschränkung bei der medizinischen Versorgung, Einschränkung der freien Arztwahl und zu alledem keine Kosteneinsparungen. Will die Bevölkerung das?»

Spital sieht sich als Partner

Der Krienser Hausarzt Reto Cadisch ist der Meinung, dass aus Sicht der Grundversorger für die Weiterweisung von Patienten aktuell kein Mangel an Spezialärzten in Luzern besteht – mit Ausnahme von Psychiatern. Ebenfalls sei die hausärztliche Versorgung ausreichend. «Es braucht aus meiner Sicht keine spitalexternen Praxen.»

Das Luzerner Kantonsspital sieht sich hingegen nicht als Konkurrenz zu den bestehenden ambulanten Arztpraxen, sondern als Partner und Ergänzung. Andreas Meyerhans sagt: «Wir leisten damit einen Beitrag zur integrierten medizinischen Gesundheitsversorgung in dieser Region.»


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