Trotz Not bleiben viele Betten leer

STADT LUZERN ⋅ Besonders schwer hat es, wer während der kalten Jahreszeit auf der Strasse lebt. Betroffen ist davon auch eine Handvoll Obdachloser in Luzern – trotz leerer Notschlafbetten.
07. Dezember 2017, 00:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Es ist fast Mitternacht und bitterkalt. Wo sich im Sommer oft Drogenabhängige, Obdachlose, kurz Randständige aufhalten, herrscht nun gähnende Leere. Und trotzdem: Auch im Winter leben Leute auf den Strassen Luzerns. Wie viele genau, wissen weder Gassenarbeiter noch die Polizei. «Wir führen eine deliktsbezogene Statistik. Obdachlosigkeit ist kein Strafbestand, deshalb wird dies auch nicht in unserer Statistik aufgeführt», sagt Urs Wigger, Mediensprecher der Luzerner Polizei. Und auch Urs Schwab, der Leiter der Notschlafstelle Obdach des Vereins Jobdach, kann keine genauen Zahlen nennen. «Die Situation ändert ständig.»

Überhaupt sei es ein schwer zu fassendes Phänomen. «Zwar sind sucht- und psychisch kranke Menschen besonders gefährdet, treffen kann Obdachlosigkeit letztlich aber jeden», weiss Schwab, der in 15 Jahren als Obdach-Leiter einige Schicksale hautnah mitbekommen hat. Und auch wenn das Thema mit Beginn der kalten Jahreszeit wieder augenfälliger werde: «Die Obdachlosigkeit hat nichts mit dem Wetter zu tun.»

Dass generell mehr Leute auf den Luzerner Strassen leben, glaubt Schwab hingegen nicht. Im Gegensatz zu den Städten Bern und Zürich, wo die Anzahl Obdachloser in den letzten Jahren stetig angestiegen ist (siehe Kasten). Es ist sogar so, dass im Winter die 15 Betten der Stadtluzerner Notschlafstelle – die einzigen ihrer Art im Kanton – weniger gefragt sind als sonst. Das bestätigt auch Schwab. «Wir haben aber immer freie Betten.» Über die Gründe kann Schwab bloss rätseln: Vielleicht zeigen sich Vermieter eher barmherzig angesichts der tiefen Temperaturen auf der Strasse. Möglicherweise intensivieren die Betroffenen schon im Herbst die Suche nach einer Bleibe für den Winter. «Denkbar ist auch, dass sich Suchtbetroffene eher im Winter für einen Entzug entscheiden.»

Wenn die Temperaturen sinken, steigt die Solidarität

Einen weiteren Grund, warum Notschlafplätze – eine Übernachtung kostet zehn Franken – im ­Winter weniger oft aufgesucht werden, nennt Fridolin Wyss, Geschäftsleiter des Vereins kirchliche Gassenarbeit Luzern: «Die Solidarität funktioniert unter den Betroffenen – besonders in der kalten Jahreszeit.» Jene, denen es ein wenig besser gehe, böten dann oftmals anderen Unterschlupf an.

Trotz Solidarität und freier Notbetten: Auch im Winter übernachtet etwa eine Handvoll Obdachloser auf der Strasse. Die Betroffenen stammen aus der Stadt oder Region Luzern und entscheiden sich oft bewusst für ­diese Option, sagt Schwab. Denn auch in einer Notschlafstelle menschelt es. «Immer wieder geraten Gäste aneinander.» Zudem halten sich nicht alle an die Hausordnung, rauchen im Schlafzimmer, halten die Nachtruhe nicht ein oder konsumieren und dealen. «Auch wenn wir im Winter kulanter sind, müssen wir immer wieder Hausverbote aussprechen.» Diese gelten in der Regel für maximal zehn Nächte.

Im Gegensatz zur Notschlafstelle sind die langfristigen Wohnangebote für Obdachlose und Hilfsbedürftige in der Stadt Luzern sehr gut ausgelastet. Das gilt für die 46 Einzelzimmer in der Pension Zihlmatt ebenso wie für das Wohnhuus des Vereins Jobdach, das 16 Einzelzimmer anbietet.


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