Vom Kreuzzug des Kreisels

STRASSENBAU ⋅ Der erste Kreisel im Kanton Luzern entstand 1988 in Wolhusen. Seither hat sich das Verkehrssystem nicht nur etabliert, sondern ist allgegenwärtig geworden – weil es oft die beste Lösung ist.
10. Juli 2017, 00:00

Christian Peter Meier

christian.meier@luzernerzeitung.ch

Wollen wir es eine schleichende Revolution nennen? Oder pathetisch vom Kreuzzug des Kreisels sprechen? Auf alle Fälle kündigte sich die Entwicklung ganz sanft und leise in den späten Achtzigern an – um in den Neunzigern heranzuwachsen und im 21. Jahrhundert ihre volle Durchschlagskraft zu entfalten. Sie verlief (atypisch für Revolutionen und erst recht für Kreuzzüge) weitgehend friedlich und führte doch zu einem grundlegenden strukturellen Wandel: Sie veränderte den Strassenbau ebenso wie das Landschaftsbild, den Verkehrsfluss und das Fahrverhalten. Auch im Kanton Luzern hat der Kreisverkehr so manche klassische Kreuzung ersetzt. Fast schon epidemisch entstehen immer neue Kreisel, ohne dass ein Ende abzusehen wäre: Als Autofahrer entdeckt man alle paar Wochen wieder ein neues Bauwerk.

Doch wie viele gibt es unterdessen im Kanton Luzern? Eine offizielle Statistik aller Kreisel gibt es nicht. Bei der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur gibt man die aktuelle Zahl der entweder vom Kanton oder von den Gemeinden finanzierten Kreisel auf Kantonsstrassen mit 91 an. Im ganzen Kanton sind es wahrscheinlich deutlich mehr: Bernhard Ritschard geht von landesweit derzeit ziemlich genau 3000 Kreiseln aus; zirka 132 davon liegen ihm zufolge im Kanton Luzern. Wenn der 64-jährige Berner das so sagt, wird es wohl stimmen. Schliesslich hat es sich der pensionierte Informatiker zum Ziel gesetzt, nicht nur die Zahl der Verkehrskreisel in der Schweiz zu eruieren, sondern auch möglichst jedes einzelne Bauwerk im Bild festzuhalten. Ein spezielles und aufwendiges Hobby: Wenn immer es die Zeit zulässt, geht Bernhard Ritschard zusammen mit seiner Frau Sonja auf Fototour. Allein im Kanton Luzern hat er schon 74 Kreisel abgearbeitet, wie er uns im Gespräch verrät. Über die verbleibenden hält er sich via Internet auf dem Laufenden, etwa indem er Karten auf openstreetmap.org studiert.

Ältester Kreisel wurde bereits rundum erneuert

Begonnen hat die Kreisel-Ära im Kanton Luzern übrigens auf dem Land. Genauer: in Wolhusen, wo 1988 der so genannte Rössli-Kreisel als erster im Kanton eröffnet wurde. Vor einem Jahr wurde das Bauwerk mit einem Durchmesser von 27 Metern dem Verkehr bereits ein zweites Mal übergeben: Die starke Verkehrsbelastung hatte dem Kreisel derart stark zugesetzt, dass er rundum erneuert werden musste. Nun hat er eine betonierte Fahrbahn, wie die meisten Kreisel, die in den letzten Jahren erstellt wurden. Beat Hofstetter, Leiter der Abteilung Planung Strassen beim Kanton, weiss warum: «In Kreiseln wirken hohe Belastungen meist immer an den gleichen Stellen: Brems- und Beschleunigungskräfte bei den Ein- und Ausfahrten, Schub- und Querkräfte im Kreisel.» Da stosse der herkömmliche Asphaltbelag vor allem bei einem hohen Schwerverkehrsanteil, engen Kurvenradien und Hitzetagen an seine Grenzen. Belagsverformungen und Risse seien die Konsequenz. «Darum müssen viele Asphaltfahrbahnen bereits nach wenigen Jahren saniert werden. Betonfahrbahnen dagegen haben eine drei- bis viermal höhere Nutzungsdauer.»

Über die ideale technische Beschaffenheit eines Verkehrskreisels besteht beim Kanton unterdessen ein riesiges Know-how, wie ein Blick in die Sammlung von entsprechenden Merkblättern auf der Homepage der Dienststelle Verkehr und Infrastruktur zeigt. Für jedes bauliche Detail gibt es Vorgaben oder Empfehlungen, selbst der «Gestaltung des Kreiselinnenraums» ist ein eigenes Merkblatt gewidmet. Dort ist dann beispielsweise zu lesen, dass «die Insel im Zentrum des Kreisels der Verlangsamung des Verkehrs durch Ablenkung und dem Brechen der Durchsicht» diene, dass ein Kreisel aber auch «gestalterische Funktionen» erfüllen könne. Über die Platzierung von so genannter Kreiselkunst wird ja oft debattiert. Rein formal ist klar, dass sie etwa weder blenden noch aktiv leuchten oder auf Firmen oder Produkte verweisen darf. Auch darf sie «bei einem Fahrzeugaufprall nicht in gefährliche Teile zerfallen». Überdies sind scharfe Kanten «im unteren Bereich» zu vermeiden.

Oft erhöht ein Kreisel die Leistung

Noch nicht geklärt haben wir die Frage, warum der Kreisverkehr überhaupt derart populär wurde. Nun, ganz offensichtlich löst ein Kreisel die Probleme bei so manchem Verkehrsknotenpunkt zuverlässiger als eine klassische Kreuzung. Das gilt namentlich für Knoten ohne Lichtsignalanlage, bei denen ein Kreisel die Leistung oft erhöht. «Bei geeigneter Kreiselgestaltung und bei bestimmten Belastungsverhältnissen können sogar ähnliche Leistungswerte wie bei Knoten mit Lichtsignalanlagen erzielt werden», sagt dazu Beat Hofstetter. Weitere Vorteile von Kreiseln sind die einfache Vortrittsregelung, die verkehrsberuhigende Wirkung, eine Erhöhung der Verkehrssicherheit (ausgenommen für Velofahrer), eine Reduktion der Wartezeit für alle Verkehrsteilnehmer und die dank des Rundverkehrs sich ergebende Wendemöglichkeit. Auch die Nachteile des Systems ­liegen freilich auf der Hand: Kreisel kommen bei hohen Verkehrsaufkommen an ihre Grenzen, besonders wenn die einzelnen Zufahrten ungleich belastet sind. Auch starke Fussgängerströme können einen Kreisel zum Erliegen bringen. Im Kreisel lassen sich im Gegensatz zur Lichtsignalanlage auch keine Verkehrsströme priorisieren. Alle Velofahrer wissen schliesslich, dass sie in einem Kreisel einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Ob ein Kreisel oder ein konventioneller Knoten mit oder ohne Lichtsignalanlage die richtige Lösung darstelle, das sei in jedem einzelnen Fall zu prüfen, sagt Beat Hofstetter. Nicht zuletzt brauche es für einen Kreisel auch genügend Platz.

In Dagmersellen und in Ruswil regte sich Widerstand

Von den Vorteilen des Kreisverkehrs war die Bevölkerung übrigens nicht von Anfang an überzeugt. So gab es hier und da auch politischen Widerstand gegen Kreiselprojekte. 1992 sammelte etwa ein ­Aktionskomitee in Dagmersellen 1400 Unterschriften gegen einen Kreisel, auf den «aus Vernunft- und Kostengründen» zu verzichten sei, wie die «Luzerner Zeitung» damals schrieb. Auch in Ruswil regte sich im gleichen Jahr breite Opposition gegen einen vom Kanton vorgeschlagenen Kreisel. «Es gab nur sehr wenig Leute, die nicht unterschreiben wollten», liess sich damals der Initiant einer entsprechenden Petition zitieren.

Unterdessen sind Vorbehalte gegen die kreisförmige Kreuzung selten geworden. Die meisten Verkehrsteilnehmer haben erkannt, dass Kreisel zur ­Verflüssigung des Verkehrs beitragen, «wenn nicht gerade Egoisten oder Übervorsichtige am Fahren sind», wie es Bernhard Ritschard formuliert. Der Kreiselfan verweist übrigens noch auf eine ganz spezifische regionale Eigenart: «Im Kanton Luzern tragen viele Kreisel einen Namen und sind zum Teil sogar mit einem Namensschild versehen.» Beides sei in anderen Kantonen nicht üblich. Ritschard verweist etwa auf den «Zwiebacki»-Kreisel in Malters, den «Merkur»-Kreisel in Horw, den «Eisenbahn»-Kreisel in Sursee oder den «Schlund»-Kreisel in Kriens.

Apropos «Schlund»-Kreisel. Was es mit diesem riesigen, tentakelartigen Gebilde auf sich hat, erfahren Sie demnächst. In dieser Zeitung.


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