Wie Luzern Behinderte stehen lässt

MOBILITÄT ⋅ Hunderte von Personen bekommen trotz zum Teil schwerer Behinderung keine Tixi-Taxi-Bons mehr – weil Kanton und Gemeinden dafür nicht genug Geld zur Verfügung stellen. Kurt Hegner ist einer von ihnen.
27. November 2017, 00:00

Christian Peter Meier

christian.meier@luzernerzeitung.ch

Die kantonale und gemeindliche Finanzierung der Tixi-Taxi-Bons für Personen mit Mobilitätseinschränkungen ist fürs Erste gesichert (Ausgabe vom 10. Ok­tober). Doch die gesprochenen Gelder ermöglichen nur eine Minimallösung und lassen viele Luzernerinnen und Luzerner mit ihrem Mobilitätsproblem allein. Zum Beispiel Kurt Hegner aus Waldibrücke, der trotz offensichtlicher starker Mehrfachbehinderung seit Anfang Jahr keine Bons mehr erhält. Oder jene sehbehinderte Frau, die – mit einem Bauern verheiratet – weit von jedem ÖV-Angebot entfernt lebt und ebenfalls kein Anrecht mehr auf die Gutscheine hat. Oder die im Rollstuhl sitzende Coralie Frosio aus Luzern, die nur noch auf einen Bruchteil der ihr früher zugesprochenen Bons zählen kann.

Rückblende: Vor kurzem haben sich der Kanton und die Gemeinden darauf verständigt, für das kommende Jahr gemeinsam 700000 Franken zur Finanzierung der Bons zur Verfügung zu stellen. Für 2019 wurden sogar 800000 Franken gesprochen. Offen bleibt, wie es danach weitergeht. Mit dem zugesicherten Geld soll Pro Infirmis fürs Erste wieder kostendeckend arbeiten können. Die Organisation ist mit der operativen Umsetzung des Systems betraut und verteilt an die berechtigten Personen jene Gutscheine, welche bei 28 verschiedenen Tixi- und Taxi-Unternehmen in Zahlung gegeben werden können. Erzwungen wurde die Neuregelung von Pro Infirmis, die den Leistungsauftrag auf Ende dieses Jahres vorsorglich gekündigt hatte. Die Mittel reichten nicht aus, um den Auftrag bei wachsender Nutzerzahl einigermassen seriös zu erfüllen, befand damals die Organisation. Denn ursprünglich seien 1,4 Millionen pro Jahr dafür vorgesehen gewesen. Tatsächlich standen dann nur 600 000 Franken zur Verfügung.

Wer alt und gebrechlich ist, fällt grundsätzlich durch den Raster

Dank der nun wieder etwas besseren Alimentierung bleibt Pro Infirmis an Bord. Doch Geschäftsleiterin Martina Bosshart macht keinen Hehl daraus, dass sie die getroffene Vereinbarung nur als Übergangslösung betrachtet. Für die Zukunft verlange sie «eine solide, dauerhafte Finanzierung», sagte sie gegenüber unserer Zeitung und betonte: «Das Geld reicht weiterhin nicht aus, um allen Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zu helfen.»

Tatsächlich profitiert nur eine Minderheit der Personen mit Mobilitätseinschränkungen von den Gutscheinen. Denn nur wer vor Erreichen des AHV-Alters eine Hilflosenentschädigung zugesprochen erhält, hat derzeit auch Anrecht auf die Fahrgutscheine. Personen mit klassischen Altersgebrechen fallen also im Kanton Luzern grundsätzlich durch den Raster. Aber auch jemand, der im Rentenalter zum Beispiel wegen eines schweren Verkehrsunfalls plötzlich im Rollstuhl sitzt, ist nun nicht mehr bezugsberechtigt. Das ist etwa im Kanton Bern anders, wo ebenfalls mit dem Bon-System gearbeitet wird. Und auch im Kanton Zug können alle Senioren mit Mobilitätseinschränkungen zu sehr günstigen Bedingungen vom Tixi-Fahrdienst profitieren (siehe Box).

Seit Anfang 2017 sind in Luzern aber eben auch jüngere Behinderte ohne Hilf­losenentschädigung vom Bon-System ausgeschlossen. Das heisst: Nur wer «bei alltäglichen Lebensverrichtungen (...) die Hilfe anderer Menschen benötigt und dauernder Pflege bedarf», erhält die Gutscheine. Nicht aber, wer sich trotz Behinderung ohne die Hilflosenentschädigung durchs Leben schlägt. Fast 300 Luzernerinnen und Luzerner waren beim Systemwechsel von dieser Verschärfung der Kriterien betroffen und verloren ihre Bezugsberechtigung.

«Ich ging nur einmal pro Monat nach draussen»

Einer von ihnen ist wie gesagt Kurt Hegner. Dem 61-Jährigen hat das Schicksal kein einfaches Leben beschert: Wegen eines Geburtsgebrechens amputierten ihm die Ärzte noch in Kindestagen das rechte Bein und den rechten Daumen. Unterdessen sind eine Verkrümmung der Wirbelsäule (Kyphoskoliose), ein Hüftleiden und weitere Einschränkungen hinzugekommen. Der ausgebildete technische Kaufmann lebt heute von einer IV-Rente (1206 Franken/Monat) sowie Ergänzungsleistungen (1530 Franken). Er wohnt in einer kleinen Dachwohnung ohne Lift und muss sich bei jedem Gang nach draussen drei Stockwerke nach unten kämpfen. Hegner sucht derzeit eine neue Bleibe, um zumindest das Treppenproblem aus dem Weg zu räumen.

Wohl die meisten Menschen erkennen Kurt Hegner sofort als klassischen Fall für einen Fahrdienst. Zwar ist er dank Krücken und Willenskraft noch halbwegs mobil und kann grundsätzlich auch Bus oder Bahn fahren. «Doch allein auf dem kurzen Weg vom Haus bis zur Haltestelle Waldibrücke muss ich zwei Pausen einlegen», beschreibt Hegner seine Situation. Kein Wunder, versucht er solche Strapazen zu minimieren: «Phasenweise ging ich nur noch einmal pro Monat nach draussen, um allen Verpflichtungen nachzukommen», sagt er. Das hat sich unterdessen zum Glück wieder etwas geändert. Trotzdem leidet Kurt Hegner an Vereinsamung: «An vielen Tagen beschränkt sich mein gesellschaftliches Leben darin, etwa beim Hausbesitzer den Wohnungszins zu bezahlen oder mit dem Mann vom Coop-Hauslieferdienst ein paar Worte zu wechseln.» Zum Glück besuche ihn wenigstens seine im Kanton Aargau wohnhafte Freundin einmal wöchentlich. Und auch Kollegen und Bekannte schauten gelegentlich vorbei.

Genau hier sollte eigentlich das System der Tixi-Taxi-Bons greifen. Denn sie sind dafür da, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, einkaufen zu gehen, Freunde zu treffen – kurz ein selbstständiges Leben zu führen. Für diesen Zweck haben Personen wie Kurt Hegner bis 2016 die Gutscheine bekommen. Im seinem Falle waren es konkret Bons im Gesamtwert von jährlich 1800 Franken. Geld, das ihm nun bei ohnehin schon sehr knappem Budget fehlt.

«Froh, dass ich überhaupt noch etwas bekomme»

Anders als Kurt Hegner gehört die Luzernerin Coralie Frosio weiterhin zu den Empfängern der Gutscheine. Die 50-Jährige leidet an einer Fehlbildung des Rückenmarks (Spina Bifida) sowie an weiteren Erkrankungen, die vor vier Jahren den Eintritt in ein Pflegeheim erforderlich machten. Als Rollstuhlfahrerin ist ihre Reichweite beschränkt. Doch die lebensbejahende Frau möchte trotzdem am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und nutzt dafür die Tixi-Gutscheine. Dank ihnen konnte sie etwa eines ihrer Hobbys pflegen – das Singen. «Ich fuhr jeweils einmal pro Woche nach Sempach in eine Chorprobe und auch regelmässig zur Stimmbildung. Doch das kann ich mir derzeit nicht mehr leisten», sagt sie. Selbst bei ihr, als Empfängerin einer Hilf­losenentschädigung, wurde der Betrag nämlich massiv gekürzt, da die Mittel für die Finanzierung von zusätzlichen Bons (für Härtefälle) nicht mehr ausreichen: Sie erhält wie alle anderen Berechtigten derzeit noch Bons im Wert von 150 Franken pro Monat. Früher waren es mehr als doppelt so viele. «Ich bin froh, dass ich überhaupt noch etwas bekomme», betont sie. In ihrer Stimme schwingt trotzdem Enttäuschung mit, wenn sie sagt: «Der Staat wäre an mir nicht zugrunde gegangen.»

Coralie Frosio rechnet nicht damit, dass sich die Situation für sie und andere Betroffene in Luzern schnell wieder zum Besseren wendet. Ob sie recht behält? Die entscheidende Frage wird sein, wie stark sich die Behinderten- und Seniorenlobby im Vorfeld der Aufgaben- und Finanzreform 2018 Gehör verschaffen kann. Denn dort hätten es Kanton und Gemeinden grundsätzlich in der Hand, die Weichen neu zu stellen. Genau das fordert bereits das Behindertenforum Zentralschweiz: «Ziel muss eine nachhaltige und langfristige Finanzierung im Sinne der Gleichstellung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung sein», schrieb kürzlich in einem Leserbrief die Horwerin Hanne Müller im Namen des Forums. Die aktuelle Praxis hält sie für diskriminierend. «Diskutiert werden muss auch der Einbezug der mobilitätsbehinderten Senioren, welche bisher ausgeschlossen waren.»

Hinweis

Kurt Hegner sucht eine behinderten­gerechte Wohnung im Raum Emmen–­Emmenbrücke–Luzern. Für Hinweise: redaktion@luzernerzeitung.ch


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