«Zürich bietet für den ‹Tatort› viel mehr»

KRIMISERIE ⋅ Der Schweizer «Tatort» verlässt Luzern. Hiesige Behörden und Filmschaffende bedauern den Entscheid. Ein Experte dagegen wundert sich, warum das Schweizer Fernsehen dafür so lange gebraucht hat.
06. April 2018, 00:00

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

Noch zwei Luzerner «Tatort»-Folgen werden dieses Jahr gedreht – und dann ist Schluss. Bereits 2019 wird das Luzerner Ermittlerduo Flückiger/Ritschard zum letzten Mal über die Bildschirme flimmern. Das hat das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) gestern mitgeteilt. Den Entscheid habe man zusammen mit den beiden Hauptdarstellern Stefan Gubser (Reto Flückiger) und Delia Mayer (Liz Ritschard) gefällt.

Die Reaktionen in Luzern schwanken dabei zwischen Bedauern und Dankbarkeit. «Wir sind enttäuscht über diesen Entscheid», sagt etwa Niklaus Zeier, Kommunikationschef der Stadt Luzern. Vor allem auch aus touristischer Sicht. «Denn die Krimiserie bespielt den wichtigen Zielmarkt Deutschland.» Trotzdem überwiege in der Summe das Positive. «Wir haben viel Erfahrung sammeln und wichtige Kontakte zu Filmschaffenden knüpfen können», so Zeier. Regisseure, Produzenten, Techniker und Schauspieler, sie alle hätten Luzern und die Zentralschweiz als einen Ort kennen gelernt, wo man ihr Wirken nach Kräften unterstütze. Auch habe die Luzerner «Tatort»-Produktion die hiesige Kreativwirtschaft angekurbelt und die Identifikation der Bevölkerung mit dieser Region gefördert.

Stadt Luzern hofft auf internationale Kinoproduktionen

Auch nach dem Aus des Luzerner «Tatorts» verspricht Zeier: «Wir werden uns auch künftig für die Filmregion Luzern und Zentralschweiz starkmachen.» Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Anwerben von Kinoproduktionen. «Diese bringen Luzern einem internationaleren Markt näher», sagt Zeier.

Bedauern äussert auch der Luzerner Filmproduzent Lukas Hobi von der Produktionsfirma Zodiac Pictures, die an drei Folgen bereits mitgewirkt hat und auch eine der letzten zwei noch produzieren wird. Trotzdem blickt Hobi «mit grosser Freude» auf die letzten acht Jahre zurück. «Wir sind stolz, ein Teil davon gewesen zu sein.» Letztlich sei der «Tatort»-Dreh eine riesige Chance für die Region Luzern gewesen – und habe der lokalen Filmbrache Auftrieb verliehen. «Die aufgebaute Infrastruktur und das gewonnene Know-how werden auch künftigen Projekten zugutekommen», ist Hobi überzeugt. Marcel Perrren, Geschäftsleiter von Luzern Tourismus, war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Er weilt geschäftlich im Ausland.

SRF: «Wir streben in allen Formaten Erneuerung an»

Was genau hat das Schweizer Fernsehen dazu bewogen, ihr seit 2010 andauerndes «Tatort»-Engagement in Luzern zu beenden? Dazu meint Urs Fitze, Bereichsleiter Fiktion SRF, ausweichend: «Wir streben in all unseren Formaten Erneuerung an.» Die Schwierigkeit bestünde dabei immer darin, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Zumindest für Hauptdarstellerin Delia Mayer scheint dieser erreicht zu sein: «Nach acht Jahren bin ich der Rolle der Liz Ritschard entwachsen.» Kollege Gubser hingegen sagt bloss: «Es war eine aufregende, intensive Zeit, die ich nicht missen möchte.»

Der Luzerner «Tatort» geriet immer wieder wegen schlechter Quoten in die Schlagzeilen – vor allem in Deutschland. Dort waren seine Einschaltzahlen die schlechtesten aller «Tatort»-Schauplätze. Während deutsche Folgen im Schnitt von 10 Millionen Zuschauern verfolgt werden, unterbot der «Tatort» aus Luzern regelmässig die 7-Millionen-Marke. Verlegt das SRF deswegen den «Tatort» nach Zürich? Fitze dementiert: «Der ‹Tatort› ist für das SRF eine Erfolgsgeschichte.» Mit den eigenen Folgen erreiche man in der Schweiz regelmässig einen Marktanteil von über 30 Prozent. Auch wenn die Luzerner «Tatort»-Produktionen in Deutschland «keine Rekordquoten» erzielen würden: Der Entscheid, den Dreh zu verlagern, sei nicht auf Druck der ARD gefallen. Diese schätze das Schweizer Kommissarenteam.

Obschon Urs Fitze Luzern «viel Schauwert» attestiert, findet er, dass Zürich für eine «Tatort»-Reihe «ideale Vor­aussetzungen» biete. Wichtige, weltweit bekannte Institutionen wie die ETH und die Fifa, aber auch internationale Konzerne wie Google seien dort ansässig. Die Stadt habe mit grossen Firmen und wichtigen Banken auch eine grosse Bedeutung im Wirtschaftsbereich. Darüber hinaus beherberge Zürich wichtige Kulturhäuser und sei über die Landesgrenzen hinaus bekannt als multikulturelle Partystadt. Schliesslich biete Zürich auch ländliche Settings und den See – «alles Elemente, die wir für den zukünftigen ‹Tatort› nutzen werden», so Fitze.

Ähnlich sieht dies der deutsche «Tatort»-Experte François Werner: «Ich habe mich schon bei der Erstausstrahlung des Luzerner ‹Tatorts› im Jahr 2011 gefragt, warum man die Schweizer Folgen nicht von Anfang an in Zürich angesiedelt hat. Die Stadt ist vielen Deutschen besser bekannt und gibt mit der Fifa und ihrem grossen Flughafen erzähltechnisch viel mehr her.»

Die Dreharbeiten für den Zürcher «Tatort» beginnen im nächsten Januar – noch bevor die zwei letzten Luzerner Folgen ausgestrahlt sein werden.


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