«Belästigungen sind für Frauen Alltag»

KÖLNER ÜBERGRIFFE ⋅ Der Autor Samuel Schirmbeck lebte zehn Jahre in Algerien. Jede Frau aus seinem damaligen Umfeld sei täglich belästigt worden. In Deutschland habe man ihm lange nicht geglaubt.

15. Januar 2016, 00:00

INterview Deborah Stoffel

Samuel Schirmbeck, die sexuellen Angriffe auf Frauen in Köln treffen Mitteleuropa an einem empfindlichen Punkt. Es droht eine Freiheit verloren zu gehen, die wir über Jahrzehnte errungen haben. Nun ist bekannt, dass die meisten Täter aus Algerien und Marokko stammen. Wie erklären Sie sich diesen Übergriff?

Samuel Schirmbeck*: Diese Tater sind solche Übergriffe aus ihren Herkunftsländern gewohnt, und sie sind es gewohnt, dass sie dabei straffrei bleiben. Viele belästigte Frauen beschweren sich nicht, weil sich herumgesprochen hat, dass die Polizei eher zu den Tätern halt oder auf den Polizeiposten sogar ihrerseits uber­griffig wird. In Köln kam noch hinzu, dass die angegriffenen Frauen «ungläubige», also sittenlose «Westlerinnen» waren, die «es ja schon vor der Ehe mit vielen Männern tun». Will für Köln heissen: Denen macht das doch Spass, wenn man sie mal ein bisschen rannimmt.

Das heisst, in Nordafrika gehört diese sexuelle Belästigung zum Alltag?

Schirmbeck: Alle meine Mitarbeiterinnen berichteten von sexueller Belästigung – ebenso wie mir bekannte Frauen aus Europa. Die Belästigungen gehören zum Alltag auf der Strasse, im Bus, auf dem Bazar, im Park und sogar in Sahara-Oasen. Die ägyptische Schriftstellerin Mona Eltahawy berichtet, wie sie während der Pilgerfahrt in Mekka von einem Gläubigen am Hintern und von einem Polizisten am Busen angefasst wurde. Meine Mitarbeiterin lehnte das Kopftuch ab. Sie verhüllte sich jedoch völlig auf dem Weg zu uns ins Buro, um nicht sexuell belästigt zu werden. Trotzdem verschafften sich Männer im Busgedränge durch Reibung an ihrem Körper Befriedigung.

Haben Sie sich für Frauen eingesetzt?

Schirmbeck: Weil mir in Deutschland – hauptsächlich von Linken – nicht geglaubt wurde, habe ich solche Szenen gefilmt. Ich liess eine Frau allein vorausgehen und folgte in einem gewissen Abstand hinterher und filmte die Männer, die im dichten Treiben auf Frauengrabschfang gingen.

Was für ein Frauenbild steckt hinter diesem Verhalten?

Schirmbeck: Der sehr populäre, marok­kanische Ministerpräsident Abdelilah Benkirane von der «gemässigt» islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) bedauerte letztes Jahr die Entwicklung der marokkanischen Frau in Richtung Berufstätigkeit und bedauerte öffentlich das allmähliche Verschwinden der reinen Hausfrau. Der marrokanische König Mohammed VI. hingegen hat 2004 das Familiengesetz verbessert – zum Ärger der Islamisten. Darin heisst es zum Beispiel: «Der Gehorsam der Ehefrau gegenüber dem Ehemann ist abgeschafft.» Seine Frau Lalla Salma darf sich öffentlich an seiner Seite zeigen, und zwar ohne Kopftuch!

Gab es in Algerien ebenfalls solche positiven Signale?

Schirmbeck: Nein, dort ist man noch längst nicht so weit. Die algerische Frau ist immer noch gesetzlich eine «ewige Minderjährige», wie Feministinnen kritisieren. In Marokko und Algerien fühlen sich die meisten Männer nach wie vor den Frauen überlegen. Sie sehen Frauen als ein Objekt sexueller Begierde, als «wandelnde Vagina». Deshalb müssen Frauen in ihrer Sicht verschleiert werden. Unverschleiert gelten sie für die meisten Männer als «schamlos» und «unzüchtig».

Inwieweit gründet dieses Frauenbild auf Passagen im Koran?

Schirmbeck: Unter den bekanntesten ist der Satz «Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie ausgezeichnet hat» und «Eure Frauen sind euch ein Saatfeld, wo immer ihr wollt ...». Das «Saatfeld» gilt zwar nur für Ehefrauen. Die arbeitslosen jungen Männer, die zu arm sind zum Heiraten, drängt es jedoch auch zum «Besäen». Sie sagen sich, «nicht unsere Schuld», und gehen wenigstens ihre tägliche Portion Frauen angrabschen. Dabei ist vorehelicher Sex nach dem Koran «Unzucht» und wird zum Beispiel in Marokko strafrechtlich verfolgt. Ein Journalist, der die Abschaffung dieses Paragrafen forderte, wurde mit einer Todes-Fatwa (Die Fatwa ist ein Rechtsgutachten islamischer Gelehrter, Anm. d. Red.) belegt.

Wie wirken sich diese restriktiven Gesetze auf die Gesellschaft aus?

Schirmbeck: Das Sexverbot führt zu einer enormen sexuellen Not, die von einer unreflektierten Koranlektüre herrührt. Vorehelicher Sex einer Frau gilt als schlimmeres Vergehen als ihre Vergewaltigung. Denn bei Ersterem hat sie sich freiwillig darauf eingelassen, bei der Vergewaltigung gesteht man ihr zu, dass sie möglicherweise nicht ganz damit einverstanden war.

Was ist nach über zehn Jahren Erfahrung Ihr Fazit der Gesellschaft in Nordafrika, was gibt es für Entwicklungstendenzen?

Schirmbeck: Durch die vielen von Saudi-Arabien gesponserten Fernsehsender und einen sich «salafisierenden» Islam nehmen die geschilderten Entwicklungen zu: mehr Schleier, mehr Heuchelei, mehr Hymen-Reparatur (Wiederherstellung des Jungfernhäutchens, Anm. d. Red.). Gleichzeitig haben immer mehr junge Männer und Frauen in den Gross­städten insgeheim Sex vor der Ehe. Das Leben in Nordafrika wird verstärkt ein schizophrenes: Zwischen Korangeboten und Lebenswirklichkeit tut sich ein immer grösserer Graben auf. Nordafrikaner sprechen vom «bled schizo». Umso bewundernswerter sind die Frauen, die Filmemacher und Schriftsteller, die dieser Schizophrenie in diesen Ländern den Kampf ansagen.

Es gibt auch Experten, die sagen, die nordafrikanischen Männer achteten die Europäer nicht, weil sie keinen Respekt vor der Frau hätten. Sonst würden sie Frauen zum Beispiel nicht halbnackt auf Werbeplakaten zeigen. Was halten Sie davon?

Schirmbeck: Damit argumentieren hauptsächlich die strengen Frömmler. Sonst sind selbst in den Oasen-Kiosken in der Sahara die Wände mit Magazinbildern von halbnackten europäischen oder amerikanischen Frauen vollgeklebt. Und der Pornokonsum steigt in Nordafrika ständig an. Vor zwei Jahren sagte ein Marokkaner zu mir: «Wir sehen gern nackte Brüste, es dürfen nur keine marokkanischen sein.»

Gibt es eine Chance, diese Männer in Westeuropa zu integrieren, so, wie wir uns das vorstellen?

Schirmbeck: Primär darf die Freiheit der Frau nicht zu Gunsten von Religionsfreiheit verhandelbar gemacht werden. Wir müssen das Kopftuch als Symbol der Erniedrigung der Frau zum Sexualobjekt bekämpfen. Das bedeutet für mich: keine Ausweitung der «Allah-Zone» in öffentliche Bereiche wie Schulen oder Behörden, etwa indem Lehrerinnen ein Kopftuch tragen dürfen. Liberale, säkulare Musliminnen und Muslime – die es doch längst gibt – müssen stärker in die Integrationsarbeit eingebunden werden. Ihnen kann man nicht wie uns Nicht-Muslimen sofort Assimilierungsabsichten vorwerfen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt «Heroes» von Ahmad Mansour. Es lehrt die Jugendlichen in Rollenspielen einen anderen Umgang mit Frauen und wie man ohne Gewalt Konflikte löst.

* Samuel Schirmbeck (74) ist ein deutscher Autor und Filmemacher. 1991 baute er das ARD-Büro Nordafrika in Algier auf. Von dort berichtete er als Korrespondent bis zu seiner Rückkehr 2001.


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